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"Tatort" aus Dresden: Der blanke Horror

Zombies, Geister und Dämonen: Die neue „Tatort“-Folge aus Dresden ist ziemlich gruselig – und wirklich sehenswert.

Vor Angst erstarrt: Das Mädchen Talia (Hannah Schiller) wird von Wahnvorstellungen geplagt. Für Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist sie jedoch die einzige Zeugin eines Mordes.
Vor Angst erstarrt: Das Mädchen Talia (Hannah Schiller) wird von Wahnvorstellungen geplagt. Für Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist sie jedoch die einzige Zeugin eines Mordes. © MDR

Dresden. Eines muss man dem Dresdner „Tatort“-Team auf jeden Fall attestieren: Sie haben gute Location-Scouts. Das sind die Leute, die passende Drehorte für Filme finden. Dieses Mal sind sie wieder außerhalb der Landeshauptstadt fündig geworden. Die Folge „Parasomnia“, die an diesem Sonntag im Ersten läuft, spielt fast ausschließlich im Schloss Pinnewitz bei Nossen. Das vergessene Herrenhaus im Ketzerbachtal bietet die perfekte Szenerie für diesen Psychokrimi, in dem die Zuschauer das Gruseln lernen. Ein Haus des Horrors, wie man es aus einschlägigen Filmen kennt.

Immer wieder tauchen solche maroden „Lost places“ in den Dresdner Tatorten auf. In der Folge „Das Nest“ von demselben Drehbuchautor Erol Yesilkaya waren es zuletzt mumifizierte Leichen im Schloss Helmsdorf bei Stolpen.

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In Pinnewitz sind es diesmal Untote und Dämonen, die eine Jugendliche im Schlaf bedrängen. Der Fall ist eine ziemlich gruselige Angelegenheit, ganz schön viel Horror für einen Sonntagabend. Die düstere Herbststimmung tut ein Übriges, gedreht wurde vor genau einem Jahr, im November 2019. Diese zehnte Folge ist wohl die bisher beste aus Dresden: Sehenswert! Halten Sie beim Zuschauen ruhig das Sofakissen bereit, falls es zu gruselig wird.

Karin Gorniak (Karin Hanczewski, li.), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nehmen den Tatort und das Opfer in Augenschein.
Karin Gorniak (Karin Hanczewski, li.), Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) nehmen den Tatort und das Opfer in Augenschein. © MDR/HA Kommunikation

Das Phänomen Parasomnie allein mit Schlafstörungen zu übersetzen, wäre wohl etwas zu harmlos. Es geht auch um mehr als Albträume, eher um psychische Störungen, die jemanden um den Schlaf oder zum Schlafwandeln bringen.

Die 14-jährige Talia, die mit ihrem Vater in jenes verlassene Haus gezogen ist, schreckt immer wieder im Schlaf auf, weil ihr die toten „Bewohner des Hauses“ erscheinen. Dunkle Schatten bewegen sich, blasse Gestalten greifen nach ihr, grausige Stimmen rufen sie.

Das Mädchen, beeindruckend gespielt von der jungen Schauspielerin Hannah Schiller, ist aber auch einzige Zeugin für das Ermittlerteam Gorniak, Winkler und Schnabel. Sie hat beobachtet, wie in dem Haus ein Handwerker ermordet wurde. Doch sie kann nicht davon erzählen, hat die Erinnerungen verdrängt. Die Kommissarinnen wissen: „Sie macht aus etwas Schrecklichem etwas, das sie verkraften kann.“ Seit sie vor Jahren dabei war, als ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall starb, hat Talia diesen seelischen Selbstschutz entwickelt.

Die Einzige, zu der Talia Vertrauen fasst, ist Kommissarin Leo Winkler. Sie sieht in ihr eine Art Ersatzmutter, die sie mitnimmt in ihre Parallelwelt. „Stell dich deinen Problemen! Sei mutig!“, rät ihr die Polizistin, die selber eine ähnliche Erfahrung beim Tod ihres Bruders gemacht hat.

Karin Gorniak (Karin Hanczewski) spricht mit Ben Schröder (Wanja Mues) in seiner Küche.
Karin Gorniak (Karin Hanczewski) spricht mit Ben Schröder (Wanja Mues) in seiner Küche. © MDR/HA Kommunikation

Verdrängen und Vergessen sind die zentralen Themen dieses "Tatorts". Bald führen die Spuren in die Vergangenheit. Ein Serienmörder hat vor Jahrzehnten in dem Haus mehrere Frauen getötet. Doch die Polizeiakten geben dazu nichts her, denn es geht um Verbrechen, die es in der DDR offiziell nicht geben durfte. Oder wie Kommissar Schnabel feststellt: „Im Sozialismus gab es keine Serienmörder, keine Psychopathen, keine Kapitalverbrecher.“ Dafür war die Staatssicherheit zuständig. Und so wälzen die Kommissare bald Berge von Unterlagen der Staatssicherheit. „Wir Deutschen sind die größten Meister im Vergessen. Aber es kommt nichts weg“, sagt stolz der Behördenleiter.

Zum Glück bleibt dieser Ausflug in die Stasiwelt eine Nebensache, bei der auch nicht zu sehr in die Klischeekiste gegriffen wurde. Die Suche nach dem Mörder steht ohnehin eigentlich nicht im Mittelpunkt der Geschichte. Das Opfer schon gar nicht. Vielmehr dreht sich alles um das Seelenleben der von Schatten und Visionen geplagten Zeugin. Und um die Herausforderung der Ermittler, mit einem solchen Mädchen umzugehen.

Talia (Hannah Schiller) angsterfüllt im Schulkeller, hinter ihr der Geist von Marie Kunz (Franziska Junge).
Talia (Hannah Schiller) angsterfüllt im Schulkeller, hinter ihr der Geist von Marie Kunz (Franziska Junge). © MDR/HA Kommunikation

Die psychologische Ebene spielte in den sächsischen Tatorten zuletzt immer wieder eine entscheidende Rolle. Gut so. Vergessen sind inzwischen die stümperhaften Versuche, an der ostdeutschen Elbe einen Comedy-Krimi zu etablieren. Das gelingt inzwischen dem Team aus Weimar besser. Das Frauen-Duo aus Dresden hat sich emanzipiert und seine ganz eigene Art der Ermittlungsarbeit entwickelt. Auf ihren Chef Schnabel hören sie sowieso nicht, Der brummende Martin Brambach ist inzwischen oftmals nur noch ein kauziger Begleiter, der dem Ganzen etwas zusätzliche Farbe gibt. Seine Ossi-Attitude hat sich allerdings inzwischen ziemlich abgenutzt.

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Der Tatort „Parasomnia“ läuft am Sonntag, 20.15 Uhr in der ARD und um 21.45 Uhr auf One.

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