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So war der Jubiläums-"Tatort" aus Dortmund

In der Doppelfolge zum 50. Jubiläum des „Tatorts“ geht es um die Mafia, aber nicht wirklich mutig zur Sache.

Emma Preisendanz spielt Sofia Modica, die im zweiten Teil des doppelten „Tatorts“ zur Hauptfigur wird. Das Dortmunder Restaurant von Sofias Vater ist ein Drogenumschlagplatz.
Emma Preisendanz spielt Sofia Modica, die im zweiten Teil des doppelten „Tatorts“ zur Hauptfigur wird. Das Dortmunder Restaurant von Sofias Vater ist ein Drogenumschlagplatz. © WDR/Frank Dicks

Donnerwetter, ist es schon wieder so weit? Tatsächlich: Der „Tatort“ wird 50 und das natürlich gebührend und gebührenzahlend gefeiert. Vier Jahre nach dem letzten Jubiläum (1.000. Folge im Herbst 2016) erfährt Deutschlands beliebteste Krimiserie im Fernsehen erneut eine ungeheuerliche Aufmerksamkeit, hohe Ehren sowie eine Unzahl medialer Reflexionen wie auch diesen Text. Aber da die wirklich beeindruckenden Zahlen rund um das digitale „Lagerfeuer der Nation“ nach all den wiederholten Anführungen irgendwann auch mal ein wenig langweilen, sei an dieser Stelle nur eine genannt, die vielleicht nur wenigen bekannt ist: Unter den „Tatort“-Fans sind die Sachsen bundesweit – fast – Spitze.

In der Liste der Länder, deren Zuschauer die höchste Tatort-Sehstärke haben, liegt der Freistaat mit 63 Prozent Einschalter-Quote ganz knapp hinter Tabellenführer Brandenburg, wo 64 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Jahr eine Folge komplett sehen. Nur die Preußen sind uns über – aber das kennen wir ja aus der Geschichte zur Genüge.

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Auch zu dieser Feier gehört freilich, dass sich die „Tatort“-Macher etwas Besonderes haben einfallen lassen. Nämlich eine Doppelfolge. „In der Familie 1 und 2“ heißen die Fälle beziehungsweise heißt der eine darauf verteilte Fall. Der spielt in Dortmund und München, folglich sind der westdeutsche und der bayerische Rundfunk daran beteiligt: Doppelter Einsatz für die Ermittlerteams um Faber und Bönisch sowie um Batic und Leitmayr. Eine „fulminante Jubiläums-Doppelfolge, die die innovative Kraft der Reihe eindrucksvoll unter Beweis stellt“, verspricht ARD-Programmdirektor Volker Herres. Das ist ein wenig viel versprochen; ganz so viel Innovation will man dem eher traditionell gesinnten Gros der „Tatort“-Fans dann wohl doch nicht zumuten.

Schon die Geschichte beleuchtet ein Milieu, das vielleicht in den letzten Jahren etwas weniger thematisiert wurde, aber dennoch eine Art TV-Krimi-Klassiker ist: das organisierte Verbrechen, hier mal wieder die Mafia. Mit ihr hat sich der Dortmunder Restaurantbetreiber Luca Modica (Beniamino Brogi) eingelassen. Die kalabrische Familie der ‚Ndrangheta zahlt im 5.000 Euro im Monat dafür, dass er sein Geschäft als Umschlagplatz für deren Kokaingeschäfte zur Verfügung stellt. Lucas‘ 17-jährige Tochter Sofia (Emma Preisendanz) und seine Ehefrau Juliane (Antje Traue) sind ahnungslos.

Doppelter Einsatz für die Ermittlerteams

Das ändert sich, als er den Münchner Mafia-Killer Pippo Mauro (Emiliano de Martino) verstecken muss. Sofia kommt mit dem Großmaul gut klar, Juliane jedoch wird immer skeptischer und ängstlicher und drängt Luca, endlich aus dem gefährlichen Geschäft auszusteigen. Der aber lässt sich von Pippo verführen, noch tiefer in das kriminelle Business einzusteigen. Die Ermittler Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) haben das Restaurant der Modicas bereits auf dem Observations-Schirm, als Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) anreisen, um mithilfe der Dortmunder Kollegen Mauro wegen eines Mordes in München dingfest zu machen. Es kommt zu Niggeligkeiten, zu Konkurrenzdenken, schließlich zur Katastrophe, an der vor allem Faber schuld ist.

Wurde Teil 1 vom Regie-Veteran Dominik Graf inszeniert und bleibt bei hohem Spannungsfaktor doch recht konventionell eingerichtet und erzählt, sieht es mit der Fortsetzung schon anders aus. Das liegt am etwas frischeren Zugriff, den Pia Strietmann für ihren zweiten „Tatort“ wählt. Und an einem Perspektivwechsel: Im Zentrum des Drehbuchs von Bernd Lange, der beide Folgen geschrieben hat, steht nun Lucas Tochter Sofia.

Die 17-Jährige musste mit Vater Luca und Killer Pippo in München untertauchen und sich gleich an einem Verbrechen beteiligen, das unbeabsichtigt ein Todesopfer fordert. Auftraggeber ist ‚Ndrangheta-Boss Palladio (Paolo Sassanelli). Der wäscht in München das Drogengeld durch krumme Immobiliendeals mit dem örtlichen Bauamt und ist stinksauer auf Pippo und Luca, denn durch deren Fehler hat er nun die Mordkommission am Hals in Form von Batic, Leitmayr und Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer). Ungewollte Verstärkung erhalten und ungewollte Komplikationen erleiden sie durch Faber, der privat aus Dortmund anreist, weil er noch eine persönliche Rechnung mit Pippo offen hat. Der Killer und Luca geraten immer stärker unter Druck: Aus gutem Grund fürchten sie, dass der kalte Oberbösewicht Palladio sie nicht heim nach Kalabrien, sondern höchstens ins Jenseits schmuggeln wird.

Ein Mädchen als Racheengel

Doch die meisten Zeit kleben die intensive Kamera von Florian Emmerich und das charakterzeichnerische Hauptinteresse von Regisseurin Pia Strietmann an der jungen Sofia. Das Mädchen leidet unter der Abwesenheit ihrer Mutter, hält sie für untergetaucht, zweifelt aber immer stärker daran und will unbedingt genau wissen, was mit Juliane geschehen ist. Innerlich zerrissen und obendrein brutal behandelt von Palladio, wird sie bald zur größten Gefahr für die Mafia, eingeschlossen ihr Vater und Pippo.

Diese Beförderung einer Nebenrolle – noch dazu der jüngsten handlungsrelevanten Figur – zur eigentlichen Hauptrolle macht den zweiten Teil von „In der Familie“ zu einem äußerlich unterkühlten, aber doch ziemlich emotionalen Seh-Erlebnis. So überführt Pia Strietmanns Emanzipation von Alt-Übervater Dominic Graf diesen „Tatort“ in eine Qualitäts-Liga, die seine Wahl zur Jubiläumsfolge durchaus rechtfertigt. Denn solche Sonderprojekte sind ja immer auch Leistungsschauen dessen, wozu diese Krimiserie in der Lage ist, wenn man sie denn lässt.

Dennoch ist „In der Familie 1 und 2“ kaum das, was ARD-Programmdirektor Volker Herres angekündigt hat. So außer- oder ungewöhnlich ist es schließlich mitnichten, wenn die Ermittler in die zweite Kamerareihe zurückrücken und Platz machen für eine Figur der „anderen“ Seite. Auch die „innovative Kraft der Reihe“ wird hier eben nicht „eindrucksvoll unter Beweis gestellt“. Sie wird vielmehr angedeutet, ohne dass man sie ganz ausspielt; für die Beweisführung sind und waren schon sehr viel mutigere Teams am Start.

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Immerhin ließ ARD-Programmkoordinator Jörg Schönenborn zum Jubiläum verlauten: „Auch der ,Tatort‘ wird sich in nächster Zukunft veränderten Sehgewohnheiten stellen.“ Schade nur, dass man das zwar längst diverse Male getan, aber ausgerechnet bei der Jubiläums-Doppelfolge unterlassen hat.

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