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Was ist mit dem Dortmunder "Tatort" los?

Der Ruhrpott-"Tatort" kommt diesmal über einen gewöhnlichen Krimi nicht hinaus. Und Kommissar Faber ist auch nicht mehr der Alte.

Von Marcus Thielking
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Verdächtig: Kommissar Faber (Jörg Hartmann) befragt Kollegin Steinmann (Anne Ratte-Polle).
Verdächtig: Kommissar Faber (Jörg Hartmann) befragt Kollegin Steinmann (Anne Ratte-Polle). © WDR

Eine alte "Tatort"-Regel besagt: Wenn alle Personen irgendwie ein bisschen verdächtig sind, dann hat meistens diejenige den Mord begangen, die bis zuletzt nicht im Visier der Ermittler ist. Das weiß jeder Anfänger. Eine Zusatz-Regel für fortgeschrittene "Tatort"-Gucker lautet: Landet während der Ermittlungen einer der Kommissare mit eben jener verdächtig Unverdächtigen im Bett, dann war diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Täterin.

Dass bei diesem Dortmunder "Tatort" gleich beide Regeln nach Schema F zutreffen, ist leider nicht das Einzige, was sich in konventionellem Krimi-Klimbim ergeht. Für Fans des Teams um die Hauptkommissare Faber und Bönisch ist das besonders bedauerlich. Denn der Dortmunder WDR-"Tatort", seit nun fast zehn Jahren dabei, hatte zwischenzeitlich fast Kult-Charakter, mit seinem ruppigen Ruhrpott-Charme und seiner originellen Herangehensweise an gesellschaftliche Themen wie Drogen, Neonazis, Obdachlose oder Corona.

Dortmunder Duftmarke

Doch in der Folge "Masken" ist vieles konturlos. Das Leitthema der sogenannten Pick-up-Artists – zu Deutsch Aufreiß-Künstler – bleibt lange im Unklaren und wird nicht konsequent durcherzählt. Der Fall ist ein klassischer Whodunnit ohne jeden Clou. Der sonst so lässige Wortwitz in den Dortmunder Dialogen wirkt nur noch wie ein fader Aufguss seiner selbst. Und Kommissar Faber, einst legendär für seine Wutausbrüche und zynischen Sprüche, ist auch irgendwie milde und verblüffend normal geworden. Schön für ihn, schade fürs Publikum.

Immerhin, die beiden neuen Ermittler, die Jungkommissare Jan Pawlak (Rick Okon) und Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), haben sich dramaturgisch inzwischen gut ins Team eingefügt. Die Konflikte zwischen den Kommissarinnen und Kommissaren sind nicht mehr so überzeichnet angelegt wie früher, sondern subtiler und realistischer. Die Gruppe um Faber hat also weiterhin das Potenzial für Krimis mit der besonderen Dortmunder Duftmarke. Aber diesmal springt der Funke nicht so richtig über.

Kommissare im Wandel

Eine Besonderheit der Dortmunder Fälle war immer schon, dass die Charaktere und Beziehungen sich im Lauf der Zeit verändern. Die Kölner oder Münchner Kommissare etwa werden mit den Jahrzehnten einfach nur älter und grauhaariger, fristen aber im Grunde immer noch das gleiche Ballauf-und-Schenk- oder Batic-und-Leitmayr-Dasein wie in den Neunzigern. Faber und Bönisch machen hingegen eine Entwicklung durch. In den letzten Folgen bahnt sich eine Liebesbeziehung an. Man darf gespannt sein, wie lange die Drehbuchschreiber den Bogen noch weiter spannen oder ob er irgendwann ausleiert.

"Es war mir wichtig, die Charaktere psychologisch kohärent und ihre Emotionen glaubwürdig zu inszenieren", wird die Regisseurin Ayse Polat zitiert. Das klingt gut gemeint. Aber ein spannender, unterhaltsamer Krimi wäre zur Abwechslung auch mal nicht schlecht.