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#allesdichtmachen verdirbt die "Tatort"-Freude

Es wäre ein starker Fall für die Assistenten in Münster gewesen. Doch Jan Josef Liefers' zynische Corona-Satire wirkt auch beim "Tatort" nach.

Kann als Rechtsmediziner Boerne jubilieren: Schauspieler Jan Josef Liefers, der unlängst auch mit der Satire-Aktion #allesdichtmachen von sich Reden machte.
Kann als Rechtsmediziner Boerne jubilieren: Schauspieler Jan Josef Liefers, der unlängst auch mit der Satire-Aktion #allesdichtmachen von sich Reden machte. © WDR/Martin Valentin Menke

Bis vor wenigen Tagen wäre dieser „Tatort“ vom Sonntag aus Münster einer der besten der bislang 39 Fälle gewesen. Der Titel „Rhythm and Love“ ließ schon Vorfreude aufkommen: Mit dem schrulligen Team dürfte es spaßig-frivol, auf jeden Fall amüsant werden. Und tatsächlich ergaben die Ermittlungen in einer Sexkommune auf dem Lande herrliche Motive mit dem verklemmten Rechtsmediziner Boerne, der zum tantrischen Trommel-Idioten avancierte. Außerdem marterten ihn Plagiatsvorwürfe. Darsteller Jan Josef Liefers lief zu Hochform auf: Seinen sonst vor Selbstbewusstsein glühenden Boerne am Boden zerstört zu sehen, war ein Kabinettstück.

Auch Axel Prahl als Kommissar war souverän. Sein Thiel bewies im verwirrenden Beziehungsgeflecht hartnäckig Menschenkenntnis und brachte dem Film damit Tiefe, dass er nicht zu klamaukig geriet. Viele Rollen waren toll besetzt. Schöne Bilder, gute Musik. Bis zum Schluss blieb es spannend. Vor allem hätte es ein Krimi der Assistenten Haller und Schrader werden können. So, wie sie damit rangen, ihren Chefs folgenschwere Fehler einzugestehen. Und dann noch stuntreif einen Mörder zur Strecke brachten. Die Kleine und der Dicke wurden großartig in Szene gesetzt.

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Diesen "Tatort" zu genießen fällt schwer

Doch all das zu genießen, fiel schwer, war unmöglich, seitdem Jan Josef Liefers zum prominentesten Gesicht jener missglückten Kampagne „#allesdichtmachen“ wurde. In der hatten gut 50 Schauspieler die Corona-Maßnahmen platt kritisiert – und dafür Beifall von Rechts erhalten.

Wohl distanzierte sich der Schauspieler – wie viele der 50 – von den Demagogen, verteidigte sich aber so: „Das ist eine satirisch gemeinte, ironische und auch überspitzte Protest-Aktion. Gerade in einer Zeit, wo wir aufgefordert sind, den Gürtel enger zu machen, wo alles wieder geschlossen wird, die Diskussion wieder zu eröffnen.“

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Wie Corona-Betroffene die Aktion wegstecken? Schwer vorstellbar. Und „den Gürtel enger“ machen ist nur zynisch. Während Hunderttausende nicht wissen, wie es weitergeht, ist Liefers trotz Krise gut beschäftigt und Großverdiener. Pro „Tatort“-Folge – 2020 drehte er neben anderem zwei – soll er laut „Vermögen Magazin“ und „Bild“-Zeitung eine Gage im sechsstelligen Bereich bekommen. Im aktuellen Film sagt er als Boerne, er sei ein „eitler, selbstgefälliger, arroganter Fatzke“.

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