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Wie sich der Mainzer "Tatort" bei Schiller bediente

Unter dem Motto "Der Übel größtes aber ist die Schuld" sucht der Mainzer "Tatort" mit Heike Makatsch nach seinem Profil.

Von Rainer Kasselt
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Ellen Berlinger (Heike Makatsch) hat Ex-Knasti Hannes (Klaus Steinbacher) zu Fall gebracht und kann ihn festnehmen. Allerdings gibt es keine stichhaltigen Beweise, die für seine Schuld sprechen.
Ellen Berlinger (Heike Makatsch) hat Ex-Knasti Hannes (Klaus Steinbacher) zu Fall gebracht und kann ihn festnehmen. Allerdings gibt es keine stichhaltigen Beweise, die für seine Schuld sprechen. © SWR

Herrentoiletten sind im Krimi nicht wegzudenken. Dort wird geraunt, getuschelt und gerätselt. Nicht anders im jüngsten Mainzer „Tatort“. „Es war Mord!“, sagt Kommissarin Ellen Berlinger. „Woher weißt du das?“, fragt Kollege Martin Rascher. „Weil ich es gesehen habe in den Augen des Mörders.“

Sie hält den Ex-Knasti Hannes für einen eiskalten Killer und Erbschleicher, der alte Damen bezirzt und hinter ihrem Geld her ist. Das glaubt sie alles „In seinen Augen“ zu erkennen, so der „Tatort“-Titel. Kommissar Rascher vertraut ihr und baut auf ihre „guten Instinkte“ – und irrt sich gewaltig.

Die Kommissarin pfeift auf Vorschriften

Es ist der dritte gemeinsame Fall des Mainzer Duos Heike Makatsch und Sebastian Blomberg. Beide laufen sich langsam warm, akzeptieren einander. Sie ist emotional, sprunghaft, pfeift auf Vorschriften, ist oft verzweifelt, meint „sowieso alles falsch“ zu machen. Häufig weint sie sich an der Schulter ihrer Cousine (Jule Böwe) aus.

Blomberg ist rational, ruhig, analytisch, ausgleichend. Im feurigen und überdehnten Zickenkrieg zwischen Staatsanwältin und Kommissarin spielt er geschickt den Vermittler. Die tragikomische Figur im Stück ist Rentnerin Charlotte, fein dargestellt von Michaela May. Sie verliebt sich in den 30 Jahre jüngeren Hannes, genießt spätes Glück und unverhofften Sex. Charlotte bedankt sich mit Klassiker-Zitaten: „Der Übel größtes aber ist die Schuld.“

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Ideen aus der Klischeekiste

Wann wurde jemals in einem „Tatort“ Schillers kaum noch gespielte Tragödie „Die Braut von Messina“ erwähnt? Die nette alte Dame fällt aus Wolke sieben, als sie erfährt, dass ihr Liebhaber es auch mit der reichen Freundin Bibi getrieben hat, bis diese an einer Überdosis Insulin gestorben ist. Was die Kommissarin auf den Plan ruft. Ein Stoff, der das Zeug zum Psychodrama hätte. Doch Autor Thomas Kirchner kippt das Ganze ins Absurde, legt falsche Fährten, bedient sich reichlich aus der Klischeekiste.

Ulrike Krumbiegel ist eine Domina von der Stange und lässt Hannes als Hündchen an der Leine zappeln. Er ist nicht nur Gigolo, auch besorgter Vater und unfähig zum Mord, anders als sein minderjähriger Sohn. Das wirkt ebenso konstruiert wie die Entführung der Tochter der überforderten Staatsanwältin. Überhaupt ist das Frauenbild in diesem Krimi ziemlich gestrig. Der Mainzer „Tatort“ sucht weiter sein Profil. Immerhin entschuldigt sich die Kommissarin am Ende für ihre Vorurteile. Das ist doch schon mal ein Anfang.