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Was der Westen von den Ostfrauen lernen kann

Die ARD-Geschichts-Reihe „Herstory“ rückt Frauen in den Mittelpunkt. Den Beitrag über "Wendefrauen" steuert die Dresdnerin Sabine Michel bei.

Von Oliver Reinhard
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Frauendemo in Ostberlin: Im wiedervereinigten Deutschland führte die Debatte um den Abtreibungsparagrafen zum west-östlichen Kulturkampf.
Frauendemo in Ostberlin: Im wiedervereinigten Deutschland führte die Debatte um den Abtreibungsparagrafen zum west-östlichen Kulturkampf. © Sabine Michel

Dresden. Aufklärung kann im besten Fall die Perspektive weiten. So wie es bei jener westdeutschen Zuschauerin der ARD-Reihe „Herstory“ geschah, die schrieb: „Diese Doku hat mir die Augen geöffnet, wie westlich, männlich und patriachal dieser Prozess (die Wiedervereinigung, d. Red.) damals war. Das Lob galt dem Serienkapitel „Wendeman(n)över“ über Deutschlands Ostfrauen. Verfasst hat ihn die in Dresden geborene Filmemacherin Sabine Michel. Die hat ihr Können bereits mit der Pegida-Doku „Montags in Dresden“ bewiesen sowie mit dem autobiografischen Dokumentarfilm „Zonenmädchen“, für den sie den Grimmepreis bekam.

Ihr „Wendeman(n)över“ hat das Zeug für die zweite Auszeichnung: Der 45-Minüter ist in jeder Hinsicht famos. Die Reihe „Herstory“ spielt natürlich an auf das populäre ZDF-Format „History“. Credo des Projekts: „Über Jahrhunderte erzählten und deuteten Männer Geschichte, schrieben History, waren Maß und Norm für Wissenschaft, Rechtsprechung und Ingenieurskunst. Herstory findet: Es ist Zeit, endlich das ganze Bild zu malen.“

Marina Grasse (2. v. l.) war die erste und einzige DDR-Gleichstellungsbeauftragte. Sie und ihr Team erarbeiteten die erste große Studie über die Situation der Frauen in der DDR. Als er kurz vor der Wiedervereinigung fertig war, hat er niemanden interessie
Marina Grasse (2. v. l.) war die erste und einzige DDR-Gleichstellungsbeauftragte. Sie und ihr Team erarbeiteten die erste große Studie über die Situation der Frauen in der DDR. Als er kurz vor der Wiedervereinigung fertig war, hat er niemanden interessie © Sabine Michel

„Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“

Das versucht die erste Staffel mit den vier Folgen „Frauen und Medizin“, „Frauen und Krieg“, Michels „Frauen und der Mauerfall“ und „Frauen und das Wirtschaftswunder“. Letztere ist naturgemäß westperspektivisch angelegt, Vorletztere ostperspektivisch. Auch in Folgen eins und zwei dominiert nicht, wie noch immer üblich, der Westblick. So besehen, folgt die Reihe einen wirklich gesamtdeutschen Ansatz.

Das Besondere an „Wendeman(n)över“: Sabine Michel dokumentiert nicht nur die fortschrittlichen Seiten der DDR-Frauenpolitik mit Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, flächendeckender Kinder-Unterbringung, mehr Selbständigkeit und -bestimmung inklusive dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Vielmehr ergänzt sie das alles mit Hinweisen auf die parallele Benachteiligung von Frauen durch weniger Lohn, weniger Aufstiegschancen und dem Hängenbleiben an Hausarbeit und Kinderbetreuung. Nicht umsonst lautete der Slogan des noch 1989 in der DDR gegründeten Frauenverbandes: „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd.“

Jahrzehntelang waren die Textilarbeiterinnen von Wittstock eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft. Bald nach der Wende wurde ihr Betrieb geschlossen, die gesamte Belegschaft entlassen.
Jahrzehntelang waren die Textilarbeiterinnen von Wittstock eine gut funktionierende Arbeitsgemeinschaft. Bald nach der Wende wurde ihr Betrieb geschlossen, die gesamte Belegschaft entlassen. © Volker Koepp

„Die Erwerbsneigung ostdeutschen Frauen ist übertrieben"

Michel versammelt eine hochinteressante und kompetente Riege aus der Erlebnisgeneration als „Zeitzeuginnen“. Etwa Christa Wolfs Tochter Katrin, die erste und einzige DDR-Gleichstellungsbeauftragte Marina Grasse, Franziska Giffey sowie die kluge Publizistin Anke Domscheid-Berg. Aber auch die ehemalige Textil-Ingenieurin Heidrun Grimm und deren Tochter Dörte. Sie alle mussten unterschiedliche Verlusterfahrungen machen. Marina Grasse und ihr Team erarbeiteten 1990 die erste Bilanz über die Situation der Frauen in der DDR – und erlebten, dass ihr „Frauenreport“ niemanden interessierte, erst recht nicht im Westen.

Mitarbeiterin Wolf erinnert sich an einen Schlüsselsatz aus der Bundespolitik-Elite: „Die Erwerbsneigung der ostdeutschen Frauen ist doch sehr übertrieben, die muss auf ein Normalmaß heruntergeschrumpft werden.“ Das geschah auch ohne künstlichen Druck. Unzählige Frauen verloren wie Ingenieurin Grimm ihre Jobs. Auf dem Arbeitsmarkt waren sie nun gegenüber den Männern im Nachteil. Auch deswegen, weil zahllose Kinder-Betreuungsplätze im Osten wegfielen. In der Folge sank ihre Erwerbsquote von 90 auf 45 Prozent.

Eine der vielen Ostfrauen, die Karriere gemacht haben, ist die Berliner SPD-Politikerin Franziska Giffey.
Eine der vielen Ostfrauen, die Karriere gemacht haben, ist die Berliner SPD-Politikerin Franziska Giffey. © Sabine Michel

„Mehr Osten wagen“ war in der Politik nicht angesagt.

So waren es vor allem gut ausgebildete und flexible Frauen, die in den Westen gingen – und ihn veränderten, indem sie das Denken der Westfrauen beeinflussten. Die forderten fortan nicht nur, aber auch durch diesen Einfluss immer lauter immer mehr Selbst- und Mitbestimmung. Doch im „Kulturkampf“ zwischen männlich geprägter Kultur und Gesellschaft konnten sich die Ost- und Westfrauen nicht durchsetzen; „mehr Osten wagen“ war auch hier nicht angesagt. Zumal die Frauenbewegung trotz gleicher Ziele in vielem gespalten blieb.

Erst jetzt, schreibt die eingangs erwähnte Zuschauerin, begreife sie, „welche Chancen wir damals vertan haben, als wir diese vielen aktiven und selbstbewussten Frauen aus dem Osten der Republik nicht in ein gemeinsames Projekt Wiedervereinigung eingebunden haben“. Und: „Wir brauchen viel mehr von diesen Reportagen und Geschichten, damit sichtbar wird, wie viel der Westen vom Osten lernen kann und auch muss.“Aber Sabine Michels bis in die Spielfilmausschnitte und die Musik extrem sinnig gestaltetes „Wendeman(n)över“ endet nicht in Moll: Unter den Ostdeutschen, die seit 1990 Karriere gemacht haben, ist eine überproportional große Zahl an Frauen.