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Wie ein Literaturkritiker Christa Wolf hinrichtet

Denis Scheck stellte in seiner TV-Sendung Adolf Hitler in eine Reihe mit Christa Wolf - und verbrennt nicht nur ihre Bücher.

Virtuelle Bücherverbrennung: In seiner Sendung lässt Denis Scheck auch Christa Wolfs „Kassandra“ in Flammen aufgehen.
Virtuelle Bücherverbrennung: In seiner Sendung lässt Denis Scheck auch Christa Wolfs „Kassandra“ in Flammen aufgehen. ©  Screenshot: SZ

Da darf ein Ossi schon mal aus der Haut fahren, wenn er wieder nur mit Soljanka, Würzfleisch und toter Oma in Verbindung gebracht wird. Doch Klischees sind billig zu haben, und so greift Denis Scheck zu. Der 56-jährige Literaturkritiker löst gerade heftige Wellen der Empörung aus. Das liegt nicht nur an seiner fragwürdigen Kenntnis von DDR-Speisekarten. Der Fall ist schlimmer. Auf der Internetseite des Fernsehsenders SWR stellt Denis Scheck die seiner Meinung nach übelsten Bücher der Weltgeschichte vor. Es gibt von ihm schon einen Kanon der lesenswertesten Texte, wobei unter den 100 Titeln Literatur aus Osteuropa fast gar nicht vorkommt und aus der DDR sowieso nicht.

Unappetitliche Wirkung

Nun also ein „Anti-Kanon“. Verbreitet im weißen Studio mit weißen Bücherregalen. Auch der Kritiker trägt Weiß von Anzug, Krawatte und Hemd bis zu den Mokassins. Bei dieser Kostümierung dürfen sich Filmkenner an den lieben Gott in „Bruce Allmächtig“ erinnert fühlen.

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In seiner neuen TV-Show inszeniert sich Denis Scheck wie ein Gott der Literaturkritik.
In seiner neuen TV-Show inszeniert sich Denis Scheck wie ein Gott der Literaturkritik. © dpa-Zentralbild

Gott Scheck blättert, liest ein paar Szenen und fällt sein Urteil, das dauert zwischen drei und sechs Minuten. Dann zeigt er auf das Buch, ein blauer Blitz zuckt aus dem Jackenärmel, und in Feuer und Rauch verschwindet die Literatur. Würzfleisch mag Geschmackssache sein. Bücherverbrennung ist keine. Sie ist und bleibt ungeheuerlich vor dem historischen Kontext, da 1933 in der „Aktion wider den undeutschen Geist“ Werke von jüdischen, kommunistischen oder oppositionellen Autoren öffentlich verbrannt wurden. Wer sich in solche Gesellschaft begibt, wirkt unappetitlich, da rettet auch ein weißes Gewand nicht. Sieben Beiträge des „Anti-Kanon“ sind bisher erschienen. Der erste wurde von der Seite wieder entfernt. Denis Scheck hatte sich Hitlers „Mein Kampf“ vorgenommen. Dass er dafür keine Leseempfehlung gibt, verwundert nicht.

Umso mehr verwunderte die Reihe, die Hitler dann in einem Atemzug mit Christa Wolf und Johannes R. Becher, Sebastian Fitzek und Paulo Coelho nannte. Der Sender beteuert zwar, dass „diese Aneinanderreihung zuerst einmal subjektiv“ sei, und nichts anderes ist von Literaturkritik zu erwarten. Trotzdem war der Protest wohl so stark, dass der Hitler-Beitrag offline genommen wurde.

Auch die Animation am Schluss soll in den kommenden Folgen geändert werden. Der Sender entschuldigt sich jetzt. „Nichts würde ferner liegen als eine Anspielung auf politische Bücherverbrennungen oder Zensur.“ Vielmehr habe man an Science-Fiktion-Vorbilder gedacht, zumal Scheck „im besten Sinne ein echter Science-Fiction-Liebhaber“ sei. Auch sei die Geste mit Augenzwinkern gemeint gewesen. Aber da zwinkert nichts.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Kritiker im Büchervernichten übt. In seiner Sendung „Druckfrisch“ in der ARD transportiert er Titel von den Bestsellerlisten mit Schwung in die Mülltonne. Das trifft manchen Schmöker zu Recht, und wer mag sich nicht mal eine kleine Schadenfreude zwischendurch gönnen. Es wird ja doch zu viel Unfug zwischen zwei Buchdeckeln auf den Markt gebracht. Mit Respekt hat der Vorgang des Vermüllens freilich nichts zu tun. Aber das haben andere Fernsehsendungen auch nicht.

An guten Tagen ein brillanter Plauderer

Bei „Druckfrisch“ wird ein konkretes Buch mit Verachtung gestraft. Dieses Recht ist dem Kritiker unbenommen, und wenn er sein Urteil überzeugend begründen kann, umso besser. Scheck liefert meist solche Begründungen. An guten Tagen brilliert er als geistreicher Plauderer. Er kann sich medienwirksam verkaufen. Ein gewisser Unterhaltungswert ist mit ihm garantiert. Selbst mit Verrissen wirbt er für Literatur. Bei seinen Lesungen füllen sich die Säle fast wie von selbst. Mancher Büchertisch wird danach leergekauft.

Regelrechte Vernichtung

In seinem „Anti-Kanon“ aber vernichtet Denis Scheck die Autoren regelrecht. Die Hinrichtung firmiert beim SWR unter dem Slogan „Kultur neu entdecken“. Zyniker sind willkommen. In einem der Spots nimmt der Mittfünfziger die Schriftstellerin Christa Wolf auseinander. Das beginnt mit dem ersten Satz: „Wer Christa Wolf liest, hat nichts zu lachen.“ Die Prosa dieser Autorin sei wie sieben Tage Regen an der Ostsee mit toter Oma, Soljanka und Würzfleisch. „Sie malt mit schwarzem Pinsel auf schwarzem Grund.“ Sie sei unfähig, sich über das eigene Tun und Treiben zu amüsieren. Scheck wirft ihr einen Ton der Besserwisserei vor, kleinmütiges Strebertum, elende Rechthaberei: Ihre Literatur sei „ein Grauen“.

Es muss nicht alles lustig sein

Gewiss steht Christa Wolf nicht in dem Ruf einer Spaßvogelautorin – aber Spaß ist wohl auch nicht das einzige Kriterium für Literatur. Ihre Ernsthaftigkeit hat gute Gründe, und von Rechthaberei war gerade sie weit entfernt. Wenige Autoren haben sich so tiefgründig mit sich selbst auseinandergesetzt wie Christa Wolf. Im Roman „Stadt der Engel“ geht sie bis an die Grenze der Selbstzerstörung. Ihre Erzählung „Kassandra“ mit dem aufrührerischen Subtext gehörte zum Besten, was in der DDR erschien. Das kann Denis Scheck anders sehen, wenn er das Buch verbrennt. Doch diese Sicht gibt ihm nicht das Recht, ein Lebenswerk zu verdammen. So viel Ignoranz herrschte schon einmal.

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