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Wird alles anders beim Weimarer "Tatort"?

Am Neujahrsabend hört Kommissarin Kira Dorn - endlich - auf zu plappern. Und Nora Tschirner bekommt einen ganz großen Auftritt.

Kurt Stich (Thorsten Merten) und Kira Dorn (Nora Tschirner) beobachten in der freien Wildbahn keine Vögel, sondern eine spezielle Vogelfreundin.
Kurt Stich (Thorsten Merten) und Kira Dorn (Nora Tschirner) beobachten in der freien Wildbahn keine Vögel, sondern eine spezielle Vogelfreundin. © Foto: MDR

Eins ist klar: Lessing wird nicht der Nachfolger von Kriminalrat Stich. Der Chef der Mordkommission, der seine E-Mails ausgedruckt in einem Ordner im Büroregal ablegt und aus Weimar nie wirklich rausgekommen ist, will – oder soll? – die Thüringer Taskforce gegen Cyberkriminalität aufbauen. Die Bewerbung ist durch, und Kira Dorn hat eine Wette verloren. Sie hatte darauf gesetzt, dass Stich höchstfeierlich bekannt geben würde, dass die Mordkommission neue Tastaturen bekommt.

In ihrem neuen Fall wären ihr neue Tastaturen keine große Hilfe. Zwei Geldboten der Sicherheitsfirma Geist werden erschossen. An unterschiedlichen Orten, zu verschiedenen Zeiten, aber aus nächster Nähe. Sie waren tot, bevor sie den Schuss gehört haben. Kurt Stich meint: Raubüberfall. Beschaffungskriminalität. Kira Dorn kontert: Hinrichtung. Und Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) träumt davon, Stichs Nachfolger zu sein, und beschafft auf Staatskosten schon mal einen Kakao-Automaten.

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Lessing (Christian Ulmen) und Dorn haben gerade ein uraltes Haus gekauft. Darin spukt es, alles andere wäre ein Wunder. Kira will es von Architekten modernisieren und umbauen lassen, „mit einer Bibliothek. Wozu braucht man sonst ein Haus?!“ Zum ersten Mal bekommt ihr Sohn, der Leon heißt, aber immer Zwerg gerufen wird, ein Gesicht. An der Fassade des Hauses flackert eine Leuchtschrift, die unter Denkmalschutz gehört und den Filmtitel hergibt: „Der feine Geist“. Mal keine alberne Wortspielerei wie „Der wüste Gobi“ oder „Die robuste Roswitha“. Deutet sich damit schon Veränderung an?

Geschlechtsverkehr im Dienst der Wahrheit

In der Tat ist „Der feine Geist“ etwa eine Stunde lang ein ziemlich normaler Sonntagskrimi aus der Klassikerstadt. Doch im Verlauf der Handlung, in der es auch um die Liebe zu seltenen Vögeln geht und Kurt Stich im Dienste der Wahrheit wild vögelt, sinkt die Kalauerdichte. Manchen wird das enttäuschen. Sind doch Kiras Geplapper und ihr Schlagabtausch mit Dorn Markenzeichen des Weimarer „Tatorts“. Aber nun wird alles anders.

Wie und warum? Das sehen Sie am besten selbst. Und was die Zukunft betrifft, da hält sich sogar der MDR bedeckt. 2021 jedenfalls steht kein „Tatort“ aus Weimar im Programm. In diesem Jahr konnte nicht gedreht werden. So viel sei verraten: Die außergewöhnliche Idee für den „Feinen Geist“ hatte Christian Ulmen. Der dramaturgische Kniff, den Murmel Clausen und Mira Thiel fanden, um diese Idee umzusetzen, ist schlüssig, und die Bilder sind stark.

Es ist ein sehenswerter, aber für manchen vielleicht irritierender Krimi geworden. Lessing wirft diesmal nur mit einem begrenzten Vorrat an Zitaten der Weltliteratur um sich. Dafür spricht er den Schlüsselsatz des Films ganz so, als wäre er nicht von dieser Welt: „Glauben heißt, nicht wissen wollen, was wahr ist.“ Die kesse Kira plappert nicht mehr gar so viel, aber in den Pointen bleibt sie sich zum Glück treu: Zum Beispiel, als sie einen der Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Geist in seinem Zimmer befragen will. Die Sekretärin warnt sie: „Der hat heute ziemlich viel Luft im Bauch!“ Dorn antwortet völlig emotionslos: „Ich bin verheiratet und weiß, wie Männer riechen.“

Es deutet sich ein Abschied für immer an

Für Nora Tschirner schlägt mit dem „Feinen Geist“ eine große Stunde. Einerseits darf sie die Figur nicht verraten, muss die taffe Kriminalkommissarin mit den coolen Sprüchen bleiben. Zugleich muss sie diese junge Frau in einer Extremsituation glaubhaft darstellen. Das macht Tschirner überzeugend mit Blicken und mit jedem Muskel ihres Gesichts. Die extremen Nahaufnahmen, die diesen Film außerdem so besonders machen, lassen ihr keine Wahl. Und Kurt Stich, mit dem sie diesmal die meiste Zeit ermittelt, auch nicht.

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Ob Thorsten Merten sich tatsächlich aus dem „Tatort“ zurückzieht, wollte man beim MDR nicht bestätigen. Am Neujahrsabend bleibt offen, ob Stich ins digitale Nirwana abtaucht. Gewiss ist nur, und das kann hier felsenfest versprochen werden: Auch Lupo wird nicht sein Nachfolger.

„Tatort: Der feine Geist“, 1. Januar, 20.15 Uhr, ARD

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