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Neue ZDF-Serie: Mit dem Zweiten dreht man schneller

Das ZDF erfindet das Format der Instant-Drama-Serie und stopft in „Schlafschafe“ so ziemlich alles hinein, was den Alltag vieler Menschen prägt.

Der kleine Janosch (Emil Brosch) zwischen den Corona-Fronten: Mutter Melanie (Lisa Bitter) glaubt an Verschwörungstheorien und Vater Lars (Daniel Donskoy) will seiner Frau beweisen, dass das alles Unsinn und er kein Schlafschaf ist.
Der kleine Janosch (Emil Brosch) zwischen den Corona-Fronten: Mutter Melanie (Lisa Bitter) glaubt an Verschwörungstheorien und Vater Lars (Daniel Donskoy) will seiner Frau beweisen, dass das alles Unsinn und er kein Schlafschaf ist. © ZDF / Raymond Roemke

Von Andreas Körner

Geimpft! Der Schock sitzt tief bei Melanie. Nach eher beschwerlichen Wochen mit Ehemann Lars hat sie sich für den Abend fein herausgeputzt, also wenig an. Ihre Stimme sinkt in den Verführungsmodus, das Ziel ist klar: Zärtlichkeit und Sex. Endlich mal keinen Streit. Sohn Janosch schläft fest, die Sprachsteuerung soll im Wohnzimmer „Bumsmusik“ auflegen. Bald wird der Atem der beiden flotter, Melanie befingert den linken Oberarm ihres Gatten und entdeckt – das Pflaster! „Lars, was ist das?“ Die Stille. „Lars, du hast es mir versprochen!“ Die Rechtfertigung.

Diese Szene stammt aus Folge fünf der ZDFneo-Serie „Schlafschafe“. Fünf von sechs. Die Episoden sind etwa 15 Minuten lang, der Start ist für Mittwochnacht angesetzt. Wer 0.45 Uhr schon schläft, je nach Beziehungsstatus allein, zu zweit oder dritt, kann auf die Mediathek ausweichen. Das ist zeitgemäß – und für eine deutsche Corona-Serie erst recht.

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Melanie, Lars und Janosch sind eine eher unspektakuläre Kleinfamilie. Aus besseren Zeiten stammt der kreditfinanzierte Erwerb eines Siedlungshäuschens, Lars (Daniel Donskoy) hat einen krisenfesten Beruf als Projektplaner für Heizung und Kühlung, Melanie (Lisa Bitter) ließ sich zur Fitnesstrainerin ausbilden, als Janosch (Emil Brosch) kam. Dann aber kam auch das Virus und Janosch in die Schule. Melanie flog im Studio raus und wurde empfänglich für die krudesten Theorien über Ursache von und Umgang mit Covid 19.

Tieferer Sinn bleibt auf der Strecke

Nicht nur, dass sie ihren Angetrauten plötzlich Schlafschaf nennt, ein gern quer benutztes Wort für Menschen, die „die Wahrheit“ partout nicht wissen wollen. Sie greift durch und handelt. Was ist mit Janoschs Durchfall? Zu viel Eis hat er jedenfalls nicht gegessen. Entfernte Rauchmelder? Neue Akkus brauchen die nicht. Besuch bei Oma? Feigenblatt für die Rede auf einer Wochenenddemo.

Und Rüdiger Borst ist im Netz ganz ein dunkler Aluhut, der auf seinem „Kanal Veritas“ Videos vom bösen, die Erde umkreisenden „Black Rock Satellite“ teilt. Auch für Melanie. Muss noch gesagt werden, dass Janosch besser keine Maske trägt, falls er schon mal in seine Klasse darf? Und wenn, dann hat sie Löcher? Dass es den Stresstest mit einem Freundespaar gibt, wobei der weibliche Teil freilich Krankenschwester ist? Dass Lars mit Kumpels und Abstand ein Schneebier nicht im, sondern vor dem Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr nimmt? Oder eine pfiffige Geschäftsfrau sich am Handel mit „True Masks“ die Nase vergolden lässt?

In „Schlafschafe“ wird so gut wie alles hineingestopft, das seit über einem Jahr den Bürgeralltag prägt. Beim Stopfen aber bleibt für gewöhnlich nicht viel Luft. Nicht für einen tieferen Sinn, weiterführende Aspekte, gleich gar nicht für Relevanz, die sich über den Status reinen Zerstreuens erheben würde.

Beschleunigter Produktionsprozess

Im Hause ZDF hat man 2020 die putzig benannte Gattung „Instant-Serien“ erfunden, die, O-Ton, „in einem beschleunigten Produktionsprozess realisiert werden, sodass sie, auch als fiktionale Programme, einen aktuellen Bezug herstellen können.“ Mit dem Zweiten soll man jetzt also auch schneller sehen, zumindest im Jugendkanal ZDFneo. Homeoffice („Drinnen“), Schule („Lehrerin auf Entzug“) und Beziehungsweisen („Liebe. Jetzt“) wurden schon, bevorzugt im Comedystil, versendet. Mit schwankender Qualität. Die Chance, zur Abwechslung ein essenziell ernsthaftes Angebot - gern auch als Streitvorlage – zu unterbreiten, wurde mit „Schlafschafe“ verpasst. Immer wieder sucht die Serie irrlichternd ihren Ton.

Da ist am Beginn diese beschwingte Note mit direkter Ansprache in die Kamera (Lars: „Ich heule. Ihr würdet auch heulen. Meine Familie wird von einem schwarzen Satelliten zerstört ... Mein Gott klingt das beschissen.“). Situationswitz also, der in Folge, wenn es wie im echten (Familien-)Leben absurd, komisch und, ach, auch lächerlich wird, durchaus funktioniert. Denn gemeinsam sind Lisa Bitter, Daniel Donskoy und der kleine Emil Brosch chemisch fit.

Weitaus heikler wird es, wenn die Komödienelemente nur noch wie gestemmt wirken, etwa im Offenbaren des Urhebers der Satelliten-Clips. Und noch heikler, wenn der Erklärbär in den Figuren seltsam seine Tatze schwingt, um das Ganze nicht vollends im Spaß enden zu lassen. Das wäre sicher besser gewesen, weil konsequent. Doch anstatt gesellschaftliche Debatten über ein Kunstprodukt angstfrei zu forcieren, war wohl die Scheu vor dem durchschnittlichen Gebührenzahler zu groß. Oder es funktioniert nicht in der allzu fixen Instant-Variante. Es braucht Abstand.

„Schlafschafe“, ab Donnerstag, 0:45 Uhr alle Folgen bei ZDFneo und in der ZDF-Mediathek

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