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Festgottesdienst mit zwei Überraschungsgästen

Der frühere Bischof Bohl war angekündigt – und er hat viel zur heutigen Zeit zu sagen. Während seiner Predigt warteten in der Sakristei zwei besondere Zeitzeugen.

© dpa

Von Ingolf Reinsch

Görlitz – Immer eine Reise wert

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Feststimmung in der Christuskirche Bischofswerda: Unter den Klängen von Posaunen zieht am Sonntagvormittag die Kurrende, gefolgt vom ehemaligen Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Jochen Bohl und Bischofswerdas Pfarrer Joachim Rasch, in das Gotteshaus ein. Es ist der Beginn eines Gottesdienstes, der Christen aus der Stadt und umliegenden Orten zusammenführt. Bischofswerda feiert Kirchweih. Kein gewöhnliches Fest. Denn in diesem Jahr sind es 200 Jahre, dass die Stadtbild prägende Kirche geweiht wurde. Für die Festpredigt wurde der frühere Landesbischof gewonnen.

Die Christuskirche prägt seit 200 Jahren nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Leben in Bischofswerda mit. Foto: Steffen Unger
Die Christuskirche prägt seit 200 Jahren nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Leben in Bischofswerda mit. Foto: Steffen Unger

Jochen Bohl schaut in seiner Predigt zunächst zurück auf das Jahr 1918, als das 100. Kirchweihfest gefeiert wurde. Wenige Tage später ging der Erste Weltkrieg, der erste industriemäßig geführte Krieg, zu Ende. Der Altbischof lässt im Zeitraffer das 20. Jahrhundert passieren: die Weimarer Republik, das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus, die deutsche Teilung, die DDR mit ihrer kirchenfeindlichen Politik. In all diesen Wirren gab es eine Beständigkeit – die Gottesdienste, die Christen feierten, sagt er. Vor allem ein Gedanke aus der Bibel durchzieht die Predigt: Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Jochen Bohl versteht ihn nicht als Unterwürfigkeit, sondern als Teilhabe an den öffentlichen Angelegenheiten. Und schon ist er mittendrin in der Gegenwart. Er sagt, ohne eine konkrete Regierung beim Namen zu nennen, dass ein Staat eine gute Regierung brauche. Er registriert eine verdrossene Stimmung und dass viele Menschen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen nicht einverstanden sind. Als Beispiele nennt er den ländlichen Raum, der an Kraft verliert, die wachsende Kluft zwischen sehr armen und extrem reichen Menschen sowie die Diskussionen um Migration und Einwanderung. Er appelliert, gemeinsam nach Lösungen für dieses, unser Land zu suchen. „Freie Wahlen sind die beste Möglichkeit, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen. Macht wird in einer Demokratie immer nur auf Zeit vergeben“, sagt Jochen Bohl. Forderungen nach einem „Systemwechsel“ erteilt er eine klare Absage. Das völkisch-nationale Regime führte Deutschland in den Untergang. Der Sozialismus in der DDR war ein Experiment ohne Grundlage und ohne Liebe zu den Menschen, sagt er. „Der Staat des Grundgesetzes hat es verdient, dass wir uns für ihn einsetzen“, betont der frühere Bischof.

Nachdenkliche Worte in einem Regionalgottesdienst, den Kantorei, Posaunenchor und Kurrende musikalisch ausgestalten. Für ein besonderes Geburtstagsbonbon sorgt Pfarrer Joachim Rasch. Er präsentiert im Gottesdienst zwei, etwa 50 Zentimeter hohe Skulpturen von Moses und Johannes, dem Täufer, die bis dahin in der Sakristei aufbewahrt wurden. Es sind vermutlich die einzigen Stücke, die von der Vorgängerkirche der heutigen Christuskirche geborgen werden konnten. Im Jahr 1615 wurden sie für den Altaraufbau in der damaligen Marienkirche gefertigt. Die Kirchgemeinde ließ die Schätze jetzt in Dresden restaurieren. Sie sollen in der Christuskirche künftig ihren Platz finden.

Das jetzige Gotteshaus wurde am 30. Oktober 1818 nach nur zweijähriger Bauzeit feierlich geweiht. Die vorherige Kirche war, wie fast die ganze Stadt, beim Stadtbrand am 12. Mai 1813 zerstört worden. Chronisten berichten, die Kirche habe noch wenige Tage gestanden und sei dann zusammengestürzt. Die jetzige Kirche entstand auf den vorhandenen Umfassungsmauern der gotischen Vorgängerkirche nach den Plänen des sächsischen Hofbaumeisters Gottlob Friedrich Thormeyer. Sie bietet rund 650 Menschen Platz.