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Feueralarm in Leipzig

Immer wieder gibt es in der Stadt Randale, vor allem im Stadtteil Connewitz. Jetzt fürchtet man im Rathaus die Silvesternacht. Brennbares Material wird beiseite geschafft

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Eigentlich sollen politische Demonstrationen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Das ist ihr Sinn. In Leipzig-Connewitz ist das aber manchmal anders. So wie in der Nacht vom vorigen Freitag zum Samstag: Es ist gegen ein Uhr nachts, es ist eiskalt, es regnet. Fast 100 schwarz gekleidete junge Leute ziehen durch die Karl-Liebknecht-Straße. Sie sind bis zu den Augenwimpern vermummt, mögliche Auswerter der Videokameras am Connewitzer Kreuz sollen sie nicht erkennen können. Mit Steinen in der Faust zerdeppern sie eine Scheibe einer Straßenbahn-Haltestelle, hämmern gegen die Fenster einer Sparkassen-Filiale, schmeißen Baustellenschilder auf die Fahrbahn. Dazu rufen sie „Oury Jalloh – das war Mord“. Es soll an einen Mann aus Sierra Leone erinnern, der bei einem Brand in einer Zelle des Polizeireviers Dessau starb, während Beamte den Feueralarm ignorierten.

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Am Tag vor der Nacht-Demo ist der verantwortliche Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung lediglich zu 10.000 Euro Strafe verurteilt worden. Man kann darüber wütend sein. Doch Wut heißt in Connewitz immer mal wieder vor allem eines: Randale. Sie gehört seit Wendezeiten zum Leipziger Alltag. In diesem Dezember allerdings sind einige Menschen öfter wütend. Am 9. Dezember artet eine „Schneeballschlacht“ in eine Straßenschlacht aus. Barrikaden brennen, ein Polizist wird verletzt. Das passiert seit Jahren, sobald der erste Schnee fällt.

Auch sonst wird die Polizei attackiert. Dreimal werden seit Ende Oktober Reviere in verschiedenen Stadtteilen angegriffen, mit Farbbeuteln, Steinen und Brandsätzen beworfen. Zuvor war eine Truppe bewaffneter SEK-Beamter durch den Garten eines Connewitzer Kindergartens gestürmt, um in der Nachbarschaft einen Dealer festzunehmen. Kinder, Erzieher und Eltern waren geschockt.

Raketen und Knallerbsen

Auch bei politischen Veranstaltungen geht es nicht immer gesittet zu. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) etwa muss eine „Nikolausvorlesung“ über die Bundeswehr an der Leipziger Uni kurz nach Beginn abbrechen. Studenten stören den Vortrag mit Zwischenrufen, Klatschen und Sprechchören. De Maizière beantwortet dennoch eine Stunde lang Fragen. Bereits einen Tag zuvor ist eine Veranstaltung mit Verfassungsschutzpräsident Gordian Meyer-Plath im Neuen Rathaus wegen Störungen frühzeitig beendet worden.

Nun blickt die Messestadt gespannt auf den Silvesterabend, in dem es seit Jahren Krawalle in Connewitz gibt. Leipzigs neuer Polizeichef Bernd Merbitz will jedoch nicht mit harter Hand agieren. Er setzt auf Deeskalation: „Alle sollen friedlich feiern können. Auch mit Raketen und Knallerbsen. Nur wenn es unter den Augen der Polizei zu Straftaten kommt, werden wir als letztes Mittel angemessen reagieren.“ Er wolle künftig keine Gewalt mehr in Connewitz akzeptieren.

„Wenn Masten brennen und Tannenbäume verschwinden – das ist doch nicht normal“, sagt Merbitz. „Diese Sinnlosigkeit geht den Menschen auf die Nerven. Die Gewalt muss weg.“ Das habe der Stadtteil nicht verdient. „Ich habe dort auch schon mein Bier getrunken und gute Gespräche geführt.“

Von einer Politisierung der Randale hält Merbitz indes nichts. Die Gewalttäter seien keine „Linksautonomen“, sondern „erlebnisorientierte Jugendliche, die Straftaten begehen“. Statt mehr Polizeipräsenz zu zeigen, suche er jedoch den Dialog. Auch mit der Stadtverwaltung werde an einer Strategie für die Silvesternacht gearbeitet.

Noch sensibler als früher

Tatsächlich trifft das Rathaus mittlerweile Vorbereitungen. Im Vorfeld des Jahreswechsels werde sich „verstärkt mit der Umgebung um das Connewitzer Kreuz“ beschäftigt und „brennbares Material aus dem öffentlichen Raum“ entfernt, sagt Ordnungsamtsleiter Helmut Loris. „Wir sind noch etwas sensibler und gründlicher als in den Vorjahren.“ Die Stadt sehe die Aktionen der jüngsten Zeit mit Sorge. „Für die Straftaten dürfte es keine vernünftige Erklärung geben.“

Auseinandersetzungen zwischen alternativer Szene und Staatsmacht haben eine traurige Geschichte in Connewitz – mit Toten und Verletzten. Genau vor 20 Jahren, zwei Tage vor Heiligabend, starb der Hausbesetzer Steffen Thüm mit 21 Jahren bei einer Auseinandersetzung um das gestohlene Auto eines Mediziners. Er wurde erschossen. Zuvor verletzte eine Polizeikugel einen 17-Jährigen schwer. Das „Reservat der Andersdenkenden“ ist seither nicht zur Ruhe gekommen.