merken
PLUS Dresden

"So einen Einsatz erlebt man nur einmal im Leben"

Andreas Rümpel, Leiter des Dresdner Amtes für Brand- und Katastrophenschutz, steht vor der Pensionierung. Ein Rückblick auf besondere Herausforderungen.

Als "ein zutiefst befriedigendes Gefühl" beschreibt der scheidende Chef des Brand- und Katastrophenschutzes die Situation nach einem erfolgreichen Feuerwehr- oder Rettungseinsatz.
Als "ein zutiefst befriedigendes Gefühl" beschreibt der scheidende Chef des Brand- und Katastrophenschutzes die Situation nach einem erfolgreichen Feuerwehr- oder Rettungseinsatz. © Sven Ellger

Dresden. Andreas Rümpel kann die Tage bis zu seiner Pensionierung an zwei Händen abzählen. Am 31. Oktober endet sein Dienst an der Spitze des Amts für Brand- und Katastrophenschutz. Mehr als 43 Jahre war er dann bei der Feuerwehr, davon lange als Chef der Brandschützer und Retter. Über seinen Nachfolger will die Stadtverwaltung noch nicht sprechen.

Herr Rümpel, wenn man, wie Sie, demnächst aus dem Berufsleben aussteigt - kann man dann trotzdem sagen: einmal Feuerwehrmann, immer Feuerwehrmann?

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Ja. Wer einmal bei der Feuerwehr angefangen hat, der verlässt sie in den seltensten Fällen. Deshalb haben wir einen ziemlich stabilen Personalbestand. Vielleicht geht mal jemand aus gesundheitlichen Gründen. Aber, wer einmal bei der Feuerwehr angefangen hat, der weiß die Arbeit zu schätzen, insbesondere den Zusammenhalt und die Kameradschaft.

Und wie ist das, wenn man in Pension geht?

Jetzt in den letzten Tagen rast noch einmal das ganze Berufsleben an mir vorbei und ich erinnere mich an Episoden, die mich geprägt haben. Aber ich denke schon, alles hat seine Zeit. Ich bin 43,5 Jahre bei der Feuerwehr gewesen. Da habe ich durchaus auch eine hohe Verantwortung gehabt. Eine Belastung, die mich aber nicht belastet hat. Und eigentlich bleibe ich ja dabei. Ich bin seit 2018 Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen. Das ist ein Verband mit 60.000 Mitgliedern. Da werde ich natürlich ab und zu hier wieder ins Amt kommen, um mir die Wissensstände und die Probleme der Kollegen erklären zu lassen.

Dann aber ohne Uniform?

Ich habe als Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbandes eine zweite Uniform und ich tausche seit drei Jahren immer die Jacken.

Sie sprachen von Episoden, die Ihnen durch den Kopf gehen. Gibt es abgesehen von den Hochwassern 2002 und 2013 den einen Einsatz, der Sie nie loslassen wird?

Das ist der Busunfall im Jahr 2014 gewesen, das ist völlig klar. Ein Unfall mit elf Toten und 40 Schwerstverletzten - so einen Einsatz erlebt man oft nur einmal im Leben. Das war ein belastender Einsatz, bei dem unsere Einsatzkonzepte aber gut funktioniert haben.

Diesen Unfall, bei dem elf Menschen starben und 40 schwer verletzt wurden, wird Andreas Rümpel nie vergessen.
Diesen Unfall, bei dem elf Menschen starben und 40 schwer verletzt wurden, wird Andreas Rümpel nie vergessen. © Archiv/Agentur/Roland Halkasch

Sie hatten damals einen ausgesprochen kurzen Einsatzweg von der Wache in Übigau bis zur Unfallstelle auf der A4 nahe der Elbe. Die Weiterentwicklung des Brandschutzbedarfsplans, die Entscheidung zu einer Wache in Übigau, hat sich da schon bewährt?

Ja. Man muss sagen, dass die Feuerwehr Dresden bis zum Hochwasser 2002 nicht gut ausgestattet war. Es fehlte an Geld, aber das fehlte ja in den 90er-Jahren gesamtgesellschaftlich. Durch die Ereignisse beim Hochwasser 2002, bei denen Verwaltung, Politik und die Bevölkerung mit eigenen Wahrnehmungen konfrontiert waren, ist das Verständnis für die Feuerwehr gestiegen. Man erkannte, dass man die Feuerwehr nicht nur für die Anforderungen des Brandschutzes rüsten muss, sondern auch für Katastrophen. Bevor ich Amtsleiter wurde, gab es einen Stadtratsbeschluss, Freiwillige Feuerwehren zu schließen. Da sollten aus 34 nur noch 15 werden. Wir haben Zusammenlegungen gemacht - dort, wo es die Kameraden auch wollten - aber wir haben dann keine mehr geschlossen. Jetzt sind es 21.

Gibt es Freiwillige Feuerwehren, in denen es aktuell knirscht?

Immer, wenn viele Menschen miteinander zusammen sind oder einer Aufgabe nachgehen, gibt es auch Situationen, in denen es mal knirscht. Aber wir haben keine Feuerwehr, bei der die Einsatzbereitschaft gefährdet ist oder in der man nicht zusammenhält. Wir sind im Einsatz aufeinander angewiesen, da hängen im Zweifelsfall Leben und Gesundheit dran. Deswegen müssen wir unbedingtes Vertrauen zueinander haben. Es ist ein zutiefst befriedigendes Gefühl, anderen in Not zu helfen und sich dabei blind auf seinen Nebenmann verlassen zu können.

Welches sind die unbefriedigenden Momente in Ihrer Arbeit?

Man ärgert sich schon mal bei einem Einsatz über das Verhalten von Bürgern, die uns behindern oder die klüger zu sein scheinen, als wir. Aber das ist selten. Das Schöne an der Feuerwehrarbeit ist eigentlich, dass man zu einem Einsatz fährt, eine Aufgabe hat und nach zwei oder drei Stunden zurückkehrt und weiß, was man richtig gemacht hat und was man das nächste Mal vielleicht noch besser machen kann.

Wenn der Auftrag Leben retten dabei nicht funktioniert hat - welche Folgen hat das für einen Feuerwehrmann, für Sie?

So etwas habe ich Gott sei Dank nicht erlebt.

Zu Ihrem Amt gehören Rettungsdienst und Feuerwehr. Gibt es einen Brand, der Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?

In der Zeit vor der Wende, als es eine andere Bautechnik und andere Baumaterialien gab, gab es mehr und intensivere Brände. Ich erinnere mich an Einsätze in der Bienertmühle, in der Brotfabrik, die waren schon enorm, da hat man tatsächlich sein Leben riskiert. Ich erinnere mich auch an einen Brand in einem 17-Geschosser an der Dr.-Karl-Rüdrich-Straße, der heutigen Reitbahnstraße. Da stand ein Moped unten am Hochhaus, das hatte jemand angezündet. Weil die Loggiaverkleidungen brennbar waren, hat es wie ein "V" bis hoch in die 17. Etage gebrannt. Da waren viele Wohnungen betroffen, das war schon ein sehr extremer Einsatz.

Die Klassiker waren damals Brände im Zusammenhang mit dem Heizen von Öfen, aber es gab auch Produkte zu DDR-Zeiten, die schlecht waren und zur Selbstentzündung neigten. Zum Beispiel der Raduga-Fernseher oder auch Zehn-Liter-Wasserboiler - das kam sehr oft vor. Damals tauten die Kühlschränke nicht automatisch ab und manche Leute legten dann den Föhn in den Kühlschrank und dann kam es zum Brand, weil die Luft ja immer mehr erhitzt wurde. Etwa 30 Prozent aller Brände gingen damals von ortsveränderlichen elektrischen Geräten aus.

Brandursachen im Haushalt resultieren heute eher aus Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit? Ist ein Beispiel dafür das vergessene Essen auf dem eingeschalteten Herd?

Ich glaube, dass es eine große Anzahl von Bränden gibt, von denen wir gar nichts erfahren. Da gehören die umgefallene Kerze oder die Zigarette beim Einschlafen dazu. Das vergessene Essen ist sehr häufig Brandursache. Auch zu Zeiten, zu denen man eigentlich gar nicht mehr Essen kocht, also zum Beispiel nach Mitternacht.

Was beschäftigt das Brand- und Katastrophenschutzamt Dresden am meisten?

Das ist der Rettungsdienst. Rund 20.000 Einsätze pro Jahr werden allein durch die Feuerwehr gefahren. Das ist die Hauptaufgabe geworden. Früher sind die Leute von der Freiwilligen Feuerwehr zur Berufsfeuerwehr gegangen, um ihr Ehrenamt zum Beruf zu machen. Sie wollten Brände löschen, beim Unfall helfen oder die Katze vom Baum holen. Das sind heute fast Nebenprodukte.

Woraus resultiert diese Veränderung?

Daraus, dass nach der Wiedervereinigung ein Gesetz eingeführt wurde, das besagt, dass einer Person in Not nach zwölf Minuten ein Rettungsmittel zur Verfügung stehen soll. Und mit steigenden Einwohnerzahlen steigt auch die Zahl der Einsätze. Wir hatten in den 90er-Jahren ein Gesamtaufkommen im Rettungsdienst von etwa 70.000 Einsätzen pro Jahr. Jetzt sind wir seit Jahren bei 150.000.

Übergeben Sie Ihrem Nachfolger Aufgaben, die unbedingt angegangen werden müssen?

Die Aufstellung der Feuerwehr ist nie abgeschlossen. Die Technik entwickelt sich weiter, denken wir zum Beispiel an Elektroautos. Die Feuerwehr muss sich solchen Entwicklungen immer anpassen, aber auch Prioritäten setzen, wo Investitionen beispielsweise für neue Einsatztechnik wirklich erforderlich sind. Außerdem wird die Personalgewinnung bei der Berufsfeuerwehr und bei der Freiwilligen Feuerwehr eine der größten Herausforderungen der Zukunft. Und wir müssen schon heute an den Ersatzneubau der Leitstelle denken, auch wenn diese erst in knapp zehn Jahren den Betrieb aufnehmen soll.

Dresden hat einen guten Ruf beim Thema Ausbildung. Dabei hilft auch ein Ausbildungsraum mit einem Auto und der Inneneinrichtung eines Rettungswagens. Rümpel ist stolz auf diese sogenannte Rettarena.
Dresden hat einen guten Ruf beim Thema Ausbildung. Dabei hilft auch ein Ausbildungsraum mit einem Auto und der Inneneinrichtung eines Rettungswagens. Rümpel ist stolz auf diese sogenannte Rettarena. © Sven Ellger

Am 13. September ist in Dresden und dem Umland der Strom ausgefallen. Niemand kannte zunächst den Grund. Haben Sie da an einen Terroranschlag gedacht?

Ja, denn man muss ja gleich darüber nachdenken, auf welche Einsatzlänge man sich einrichten muss. Aber bei der Feuerwehr denken wir erstmal nicht an die Ursachen, sondern an die Lösung von Einsatzaufgaben. Dass wir heute kritische Infrastrukturen haben, die es zu schützen gilt, ist weithin bekannt. Das Blackout-Szenario stellt uns bundesweit vor große Herausforderungen. Wir waren jedenfalls erleichtert, als der Strom wieder da war. Wenn es zu einem Stromausfall kommt, müssen wir die Leitstelle sofort verstärken, denn die Anzahl der Notrufe verzehnfacht sich. Das hängt zum Beispiel mit Einsätzen zusammen, die dann folgen. Wir hatten beispielsweise 26 Aufzüge, die mit Passagieren stecken geblieben waren.

Weiterführende Artikel

36-Jährige leitet jetzt das Polizeirevier Dresden-West

36-Jährige leitet jetzt das Polizeirevier Dresden-West

Maria Meißner kehrt für ihre neue Aufgabe zurück an den Ort, an dem sie aufwuchs. Künftig wacht sie über 186 Mitarbeiter - und zahlreiche Brennpunkte.

Stromausfall schädigt Technik in Dresdner Chipfabriken

Stromausfall schädigt Technik in Dresdner Chipfabriken

Bei Infineon, Bosch und X-Fab sind Maschinen ausgefallen. Ein Reinraum lässt sich nach Stromausfällen nicht gleich wieder nutzen. Das wird teuer.

Die neuesten Erkenntnisse zum Stromausfall

Die neuesten Erkenntnisse zum Stromausfall

Polizei und Energieversorger haben am Mittag neue Details zum großflächigen Stromausfall in und um Dresden bekannt gegeben. Das Wichtigste dazu.

Planerisch geht man bundesweit davon aus, dass ein Stromausfall nicht länger als drei Tage dauert. Aber schon für diesen Zeitraum sind die erforderlichen Maßnahmen in einer Gesellschaft, die so vom elektrischen Strom abhängig ist, eine riesengroße Aufgabe. Das gilt für jeden von uns, für die Firmen, für Krankenhäuser, ja, für alle Bereiche. Wenn das länger dauert, ist die Situation nicht mehr beherrschbar. Wir müssen der Bevölkerung beibringen, mit so einer Situation gelassener umzugehen und Eigenvorsorge zu treffen.

Mehr zum Thema Dresden