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Zwei Brüder und ihr W50-Baby

Patrick und Sören Jähne fühlen sich dem Oldie der Großhennersdorfer Wehr ganz besonders verbunden. Er ist der beinahe letzte seiner Art im aktiven Dienst.

Der fast 40 Jahre alte W50 ist der Liebling der Großhennersdorfer Feuerwehr. Für Ortswehrleiter Patrick Jähne (r.) und seinen Bruder Sören gehört er auch zur Familiengeschichte.
Der fast 40 Jahre alte W50 ist der Liebling der Großhennersdorfer Feuerwehr. Für Ortswehrleiter Patrick Jähne (r.) und seinen Bruder Sören gehört er auch zur Familiengeschichte. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der Lastwagen W50 - für das Transportwesen der DDR einst so systemrelevant, dass er sogar den Fünfmark-Schein zierte. Als Löschfahrzeug diente er etlichen Feuerwehren als Arbeitspferd. Viele dieser Feuerwehr-W50 landeten in den letzten Jahren in den Händen von Oldtimer-Liebhabern - doch aus dem aktiven Dienst sind sie nahezu verschwunden. Einer der letzten im Dienst verbliebenen W50 rückt noch regelmäßig bei der Freiwilligen Feuerwehr Großhennersdorf aus - der ganze Stolz der 20 Kameraden. Und für Ortswehrleiter Patrick Jähne und seinen Bruder Sören ist er auch ein Stück Familiengeschichte.

Sören und Patrick Jähne - für sie ist der W50 der Großhennersdorfer Wehr eine Art Familienmitglied.
Sören und Patrick Jähne - für sie ist der W50 der Großhennersdorfer Wehr eine Art Familienmitglied. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Denn ihr mittlerweile verstorbener Vater war es, der das Schmuckstück einst vor der Schrottpresse rettete. Göran Jähne war in den 90ern bei der Werksfeuerwehr des Kraftwerks Boxberg - und die modernisierte damals ihre Löschflotte. "Die haben damals gesagt, der geht nach Polen zur Verschrottung, da hat ihn der Vater genommen", erzählt Patrick Jähne. So gelangte das Tanklöschfahrzeug "TLF 16/25" (Code für: 1.600 Liter Pumpleistung pro Minute, 2.500 Liter fassender Wassertank) 1996 nach Großhennersdorf, wo Jähne Senior auch Wehrleiter war. Und hier wird der beinahe 40 Jahre alte W50 wahrscheinlich auch seinen 50. Geburtstag im aktiven Dienst erleben. 

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Dabei wäre der Großhennersdorfer Oldie beinahe schon 2015 in Rente gegangen. "Der Herrnhuter Bürgermeister hat damals gesagt: Ersatz muss her", erzählt Sören Jähne. Und tatsächlich hatte der W50 vor fünf Jahren scheinbar seine beste Zeit lange hinter sich - mit nicht einmal 40.000 Kilometern auf dem Tacho. "Er hatte Durchrostungen und ein Motorschaden kam später auch noch dazu", erzählt der Wehrleiter. Und auch von der technischen Ausrüstung her war das Fahrzeug natürlich nicht auf modernem Stand.

Dennoch: Die Großhennersdorfer Kameraden machten der Stadt Herrnhut eine Rechnung auf. So ein neues Tanklöschfahrzeug kostet über 200.000 Euro. Die Kameraden versprachen: Wir lassen ihn wieder herrichten und aufrüsten für 35.000 Euro - und dann ist er für mindestens zehn weitere Einsatzjahre fit. Ein Gedanke, der bei der Stadt überzeugte. "Und unser Herz hängt ja daran", sagt Patrick Jähne.

In viel Eigenarbeit technisch aufgerüstet

Beim damaligen Feuerwehrwagen-Spezialisten Guggenmoos in Löbau wurden alle technischen Gebrechen beseitigt, auch ein Notstromaggregat wurde nachgerüstet. Vieles erledigten die Kameraden selbst. So statteten sie ihren W50 rundum mit LED-Strahlern aus, um auch nachts Einsatzorte ausleuchten zu können. "Der Lichtmast zum Beispiel ist komplett Marke Eigenbau", sagt Sören Jähne. Und auch sonst waren die Kameraden findig. "Der Auszug für die Atemschutzgeräte war mal die Ersatzrad-Halterung von einem Robur LO", erzählt er. Auch in der Werkstatt der Berthelsdorfer Agrargenossenschaft konnten die Kameraden viele Arbeiten erledigen. "Wie da alle zusammengearbeitet haben, der Wahnsinn", sagt Sören Jähne.

Bei der Sanierung erhielt der Großhennersdorfer W50 auch gleich ein schickes Kleid. "Wie unser anderes Fahrzeug haben wir ihn komplett rot lackiert und mit unserem Logo, der ,Skyline von Großhennersdorf' versehen", sagt Patrick Jähne. Damit ist er der einzige Feuerwehr-W50 weit und breit in modernem Gewand. Zwei weitere sind im Südkreis noch im Einsatz. "Die Ortsfeuerwehr Ruppersdorf hat einen als Tanklöschfahrzeug und die Kameraden in Schlegel einen mit Kofferaufbau zum Schlauchtransport. Aber die haben noch die Lackierung mit der weißen Bauchbinde aus DDR-Zeiten", sagt Jähne. Bis vor wenigen Tagen war noch ein W50 in Oderwitz in Einsatz. Der wurde jetzt erst durch ein Neufahrzeug ersetzt.

Den Oldie lieben auch Schaulustige

Dergestalt ertüchtigt steht der Oldie-Kamerad modernen Feuerwehrfahrzeugen in nichts nach. Klar, die Geräuschkulisse in der Fahrerkabine ist etwas unkomfortabler als in modernen Fahrzeugen - und die können auch ein bisschen schneller fahren, aber: "Als wir letztes Jahr zu dem Großbrand in dem Gewerbegebiet an der Reichenbacher Straße in Görlitz ausgerückt sind, waren die Herrnhuter Kameraden nur drei Minuten schneller", erinnert sich Patrick Jähne. In unwegsamem Gelände sei der Allradler dem modernen Mercedes der Großhennersdorfer wegen der günstigeren Gewichtsverteilung sogar überlegen - und brauche dazu noch wesentlich weniger Kraftstoff. Und wenn es sein muss, hält er auch harte Einsätze durch. "Bei einem Einsatz im letzten Jahr in Bertsdorf lief die Pumpe 16 Stunden am Stück, das ist schon beachtlich", sagt Patrick Jähne.

Die Einsätze des W50 geraten auch immer wieder zu "Star"-Auftritten der Großhennersdorfer. "In Görlitz etwa war unserer der einzige W50 und das einzige DDR-Fahrzeug am Einsatzort, der hatte die Blicke aller Schaulustigen", sagt Jähne. Dafür sorgt mitunter, dass ihr W50 beim Anrücken ordentlich Lärm schlägt - denn auch das Martinshorn wurde damals bei der Sanierung kampfwertgesteigert. "125 Dezibel - da denken die Leute, da käme Gott weiß was für ein Fahrzeug, und dann ist es unser W50", sagt Sören Jähne lachend. 125 Dezibel, das entspricht einem startenden Düsenjet in 100 Metern Entfernung. Auch als Gast bei Feuerwehrfesten ist der Oldie immer stark gefragt. Feuerwehrkameraden lieben ihn sowieso: "Wenn wir Ausbildungsfahrten machen, ist der W50 immer als erster voll besetzt", erzählt Sören Jähne.

Der W50 bleibt in der Familie

Und wenn der W50 dann doch irgendwann mal ausgemustert werden muss - die Schrottpresse droht ihm ganz gewiss nicht mehr. "Er ist unser Baby", sagt Patrick Jähne. Und sein Bruder Sören verspricht: "Der wird die Grenzen von Großhennersdorf nicht mehr verlassen." Nicht mal dem Feuerwehrverein mit ihrem Museum im alten Feuerwehrdepot will er den W50 überlassen - die haben aber eh einige davon im Bestand. "Den stelle ich mir dann bei mir zuhause hin", sagt Sören Jähne - wie es sich für ein Familienmitglied gehört.

Der W50 bei einem Einsatz an der Großhennersdorfer Lindenallee.
Der W50 bei einem Einsatz an der Großhennersdorfer Lindenallee. © Freiwillige Feuerwehr Großhennersdorf
Die Löschkanone auf dem Dach des W50 hat eine Reichweite von 35 Metern.
Die Löschkanone auf dem Dach des W50 hat eine Reichweite von 35 Metern. © Freiwillige Feuerwehr Großhenne
Der W50 bei einem gemeinsamen Einsatz mit der Herrnhuter Wehr.
Der W50 bei einem gemeinsamen Einsatz mit der Herrnhuter Wehr. © Freiwillige Feuerwehr Großhenne
Wasser laden an einem Löschteich.
Wasser laden an einem Löschteich. © Freiwillige Feuerwehr Großhenne

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