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Feuerwehrmänner als Türöffner

Kameraden müssen im Öffnen verschlossener Türen geübt sein. In Niesky und Weißwasser steigt die Zahl dieser Fälle.

© Jens Trenkler

Von Steffen Gerhardt

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Es fällt einem Essenausträger auf, als er an einem Sonntag im Januar das Mittagsgericht bei einem Senior in See abliefern will. Da steht noch der Wärmebehälter mit der unberührten Mittagsportion vom Vortag vor der Tür. Der Essenlieferant macht das Richtige und ruft in der Leitstelle an, weil in den vergangenen 24 Stunden keiner die Tür geöffnet habe. Wahrscheinlich ist dem Mann etwas zugestoßen.

In so einem Fall werden Polizei, Feuerwehr und Notarzt alarmiert, die zu der Wohnung oder dem Haus eilen, um Hilfe zu leisten. Hier war es die Seer Ortswehr, die ausrückte. Wehrleiter Siegfried Lange berichtet, dass eine sogenannte Notöffnung vorgenommen werden musste, denn die Tür war verschlossen. Keine komplizierte Sache, dennoch entstand Sachschaden. Dieser wäre aber vermeidbar gewesen. „Der Herr musste kurzfristig ins Krankenhaus und hat wahrscheinlich vergessen, sein Mittagessen abzubestellen“, erklärt der Ortswehrleiter. Denn als die Tür offen war, standen die Einsatzkräfte in einer menschenleeren Wohnung.

Für den Seer Wehrleiter ist es die dritte Notöffnung, die er mitmacht. „Zum Glück war noch kein Toter darunter“, sagt er. Denn nicht nur in diesem Fall sind die Helfer vor Überraschungen nicht sicher. Siegfried Lange hat es auch schon erlebt, dass er vor einer Tür mit vierfacher Verriegelung stand. Dort war selbst der herbeigerufene Schlüsseldienst ins Schwitzen gekommen. „Immer drückt einem die Zeit dabei. Wenn sich nichts mechanisch öffnen lässt, muss es auch mal mit roher Gewalt sein“, so Lange. Aus seiner Sicht besteht in seiner Feuerwehr Nachholebedarf, was die Ausbildung in Sachen Türöffnung betrifft. Er selbst macht sich nun im Selbststudium mit der Materie vertraut. „Es gibt einiges an nützlichem Spezialwerkzeug für die Feuerwehr, aber das hat auch seinen stolzen Preis“, sagt er nach seiner Marktstudie.

Die Nieskyer Stadtfeuerwehr setzt auf selbstgebaute Hilfsmittel, sagt Stadtwehrleiter Steffen Block. Abgeschaut haben die Nieskyer sich das bei den Berufskollegen der Stadtfeuerwehr Dresden. „Sie haben unsere Leute geschult und mit den Techniken und Werkzeugen vertraut gemacht.“ Ins Detail geht der Stadtwehrleiter aber nicht, denn er will Nachahmer nicht neugierig machen. „Wichtig ist, die Tür schnell zu öffnen und dabei nicht viel Schaden zu machen. Dazu diente die Ausbildung.“

Steffen Block schätzt ein, dass jeden zweiten Monat die Stadt-Feuerwehr zu einer Notöffnung ausrücken muss. Für die kommenden Jahre erwartet er einen Anstieg solcher Einsätze. „Die Menschen werden immer älter und leben oft allein in ihrer Wohnung oder ihrem Haus. Die Kinder sind oft weit weg von ihnen“, ist Blocks Erfahrung. Oftmals sind die Essenausträger und Pflegedienste die einzigen Bezugspersonen, die die alten Leute noch haben. Aus diesem Grund ist der Seer Wehrleiter dabei, das Pflegepersonal in seinem Ort dafür zu sensibilisieren. „Das heißt, sie möchten auch den Brandschutz bei den alten Leuten mit im Blick haben. Denn Tauchsieder, Heizdecken und Heizstrahler verursachen bei falschem Gebrauch schnell mal einen Brand“, erklärt Siegfried Lange.

Manchmal sind es aber auch ganz profane Dinge, zu denen die Feuerwehr anrücken muss. Gerd Preußing von der Stadtfeuerwehr Weißwasser berichtet, dass es schon wiederholt vorgekommen ist, dass alte Menschen nicht mehr aus der Badewanne gekommen sind. „Sie versuchen dann, sich über Klopfen oder Hilferufe bei den Nachbarn bemerkbar zu machen. Haben die keinen Schlüssel zu der Wohnung, werden wir alarmiert“, erzählt der bisherige Wehrleiter. Zu 72 Notöffnungen rückte die Stadtwehr im vergangenen Jahr aus, sagt Gerd Preußing. Im Jahr zuvor waren es schätzungsweise über 50 Einsätze zu Menschen in Not. Die Tendenz ist steigend. Vorwiegend alte beziehungsweise hilflose Personen sind es, zu denen die Kameraden gerufen werden. Inzwischen führen die Weißwasseraner einen Satz Austauschschlösser im Fahrzeug mit. Denn nach einem Einsatz muss die aufgebrochene Tür notgesichert werden. Die Polizei kontrolliert das und bestätigt dem Wohnungsinhaber die Notöffnung für seine Versicherung.

Sowohl in Niesky als auch in Weißwasser bleiben solche Einsätze ohne Kosten für den betroffenen Bürger. „Wir gehen davon aus, dass sich Menschen in Not befinden und unsere Hilfe brauchen“, sagt Steffen Block. Das trifft ebenso auf den Notarzt zu, der bei so einem Einsatz auch mal einen Feuerwehrmann verarzten muss.