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Film ab im Königspavillon

Das Zeitkino im Hauptbahnhof war ein außergewöhnliches Lichtspieltheater. Vor 60 Jahren wurde es eröffnet. Geblieben sind nur Erinnerungen.

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© MOMENT

Von Lars Kühl

Bis unter die Decke wäre dieser Ort voll mit ihnen, wenn sich Erinnerungen stapeln lassen könnten. Heute ist er komplett leer. Nichts ist übrig vom einstigen Charme, den er reichlich versprühte. Das Filmtheater im Hauptbahnhof war legendär. Dabei war der Anbau an die Vorderfront ursprünglich nur Hochwohlgeborenen vorbehalten. Als die Eisenbahnstation Ende des 19. Jahrhunderts anstelle des alten Böhmischen Bahnhofes hochgezogen wurde, ließ Sachsens Oberhaupt den Königspavillon errichten – für sich und seine Familie, damit sie in aller Ruhe und abgeschottet ihre luxuriösen Zugabteile besteigen konnten. Aber auch für Staatsmänner und Könige, die er in dem Séparée empfing. Inzwischen ist die Halle seit fünf Jahren für jedermann offen, als ein kahler Zugang zu den Bahnsteigen 17, 18 und 19 sowie ab und zu als Ausstellungsort.

Heute ist der Königspavillon zwar saniert ...
Heute ist der Königspavillon zwar saniert ... © Lars Kühl
... genutzt wird er aber lediglich als Eingangshalle.
... genutzt wird er aber lediglich als Eingangshalle. © Lars Kühl

Dazwischen liegen bewegte Jahrzehnte. Ab 1918 gab es in der Halle eine Fahrkartenausgabe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus ein Kino für bis zu 170 Besucher. Elf Wochen brauchten die Arbeiter der Reichsbahn-Bau-Union, um die Ruine „in eine ansprechende Kulturstätte“ zu verwandeln, schreibt die SZ am 16. Juli 1956 drei Tage nach der Eröffnung des Zeitkinos. „Das helle Gestühl hinterließ beim Besucher im Einvernehmen mit den lindgrünen Vorhängen und dem Goldbezug der Wände einen wohltuenden Eindruck gegenüber der rauchgrauen Fassade des Hauptbahnhofes.“ Schlicht und zweckmäßig.

Zur Premiere an einem Freitag, dem 13., gab es den „Schuhputzer“, einen italienischen Streifen von Vittorio de Sica. Wie für ein Zeitkino üblich, wurden danach täglich Filme in Wiederholungen gezeigt, vom Vor- bis zum Nachmittag Animationen, Dokumentationen und Kurzbeiträge, vor allem auch, um den Bahnreisenden die Zeit bei ihrem Aufenthalt in Dresden zu verkürzen. Abends dann Spielfilme. Bis zum 19.Juli 1956 kamen bereits 5 129 Besucher, berichtete die SZ damals.

„Dies war der Ort, wo für mich die Bilder laufen lernten“, sinniert Mechthild Glöckner in einem Internet-Forum. „Staunend und fasziniert saß ich 1977 im vollen Kino und amüsierte mich über einen lustigen Film.“ Der Dresdner Lorenz Kohlsch war oft mit seinem Opa in dem so urigen Filmtheater. „Er erzählte mir immer, dass er manchmal so sehr lachte, bis die Aufsicht ihn rauswarf, weil die anderen nichts mehr verstanden haben.“ Überhaupt gehörten die Nebengeräusche zum Mono-Ton, den es bis 2000 gab, bei einem Kinobesuch dazu. Die Züge, die in den Bahnhof einrumpelten, waren einfach zu laut. „Viele Male kehrte ich zurück und stand in der Schlange an, um hier dem Grau des DDR-Alltags zu entfliehen“, schreibt Mechthild Glöckner. Die nostalgische Kinokasse befand sich auf der linken Seite, rechts lagen Programme. Die Filme wurden mittels Projektoren gezeigt, sogar 16-Millimeter-Formate waren möglich. Vielen sind die harten Stühle im Gedächtnis geblieben. Linderung für das geschundene Sitzfleisch verschafften Kissen, die sich die Gäste nehmen konnten. Erst nach einer Renovierung hatte das Filmtheater ab 1987 Polstersessel, jetzt sogar 194, einen anderen Fußboden, Wandbespannung und eine neue Leinwand. Frank Apel, langjähriger Kinobetreiber in Dresden, erinnert sich an die nun orangefarbene Tapete im Siebziger-Jahre-Stil, eine Pelzmütze, um den Lüftungsschacht zu isolieren, und die beiden Platzanweiserinnen. Deren Umkleide befand sich neben der Leinwand. Schon kurz vor Filmende schlürften sie immer dorthin, ihr Schlüsselbund klapperte dabei.

Nach der Wende war es Manfred Krieger, der das Filmtheater im Hauptbahnhof weiter betrieb. An Erfahrung mangelte es ihm nicht, unter anderem arbeitete er im Lichtspielhaus im Schillergarten, im Filmtheater West und bei den Stephenson-Lichtspielen in Leuben. Bei allen fiel der Vorhang, Ende 2000 auch am Bahnhof. Ein Jahr zuvor hatte das Kino noch einen nationalen Filmpreis gewonnen. Es lief, zuletzt kamen 29 000 Cineasten im Jahr. Doch wegen des Baugeschehens am Wiener Platz war deren Besuch nicht mehr sicher. So die offizielle Version. „Dresden verliert das Relikt der Filmtheater aus alten Zeiten: knarrende Holzsitze, Blümchentapete, Deckenverkleidung aus Bast. Und alles ohne Popcorn“, schreibt die SZ am 5. Dezember 2000. Einen Tag später steigt Krieger zum letzten Mal die Stufen zur Vorführerkammer hinauf: Rollen einlegen und Film ab!