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Filmteam dreht fürs ZDF in Görlitz

Der Sender thematisiert Roman Polanskis Kindheit. In der Stadt laufen derweil Vorbereitungen für den nächsten Film.

© Pawel Sosnowski

Von Daniela Pfeiffer

Nicht weinen, mein Junge, wir sehen uns bald wieder“, schluchzt die Mutter. Doch es kommt anders. Es ist das letzte Mal, dass Henry Glanz seine Mutter sieht. Der Abschied auf dem Kieler Bahnhof passiert am 31. August 1939 – fünf Stunden vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen.

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In der Pause freundlich, aber wenn die Kamera läuft, werden diese beiden Komparsen sehr böse.
In der Pause freundlich, aber wenn die Kamera läuft, werden diese beiden Komparsen sehr böse. © Pawel Sosnowski
Regisseur Gordian Maugg (rechts) erklärt den Komparsen im Bahnhof, wie sie spielen sollen.
Regisseur Gordian Maugg (rechts) erklärt den Komparsen im Bahnhof, wie sie spielen sollen. © Pawel Sosnowski
Erzählt in der Dokumentation über seine schreckliche Kindheit: Regisseur Roman Polanski.
Erzählt in der Dokumentation über seine schreckliche Kindheit: Regisseur Roman Polanski. © dpa

Henry Glanz ist Jude. Seine Familie bekommt ihn auf dem letzten rettenden Kindertransport nach England unter. Die britische Regierung hatte bis Kriegsbeginn etwa 11 000 meist jüdischen Kindern aus Nazi-Deutschland Zuflucht gewährt. Ohnedem hätte Henry Glanz, der noch heute in London wohnt, vielleicht nicht überlebt.

Doch so kann er von seinem Schicksal erzählen. Er tut das auch – jetzt wieder in einem zweiteiligen ZDF-Dokudrama über den Kriegsbeginn, das in dieser Woche in Görlitz gedreht wird. Untermalt werden seine Erzählungen von Spielfilmsequenzen. Die Abschiedsszene wurde jetzt in der Görlitzer Bahnhofshalle gedreht. Völlig unkompliziert, nur mit Flatterband abgesperrt, konnten Passanten zuschauen und sogar Fotos machen.

Szenen aus dem Krakauer Ghetto

Im Bahnhof kamen neben Laienschauspielern aus Berlin auch etliche Komparsen zum Einsatz – darunter mehrere Kinder aus der Grundschule Schöpstal. Mit ihr hatte das Drehteam schon im vergangenen Herbst zusammengearbeitet, als es in Görlitz „Nacht über Deutschland“ drehte. Damals ging es um die Reichspogromnacht 1938. Die jetzigen Dreharbeiten bilden quasi die Fortsetzung. Produzent ist wieder der Pole Andrzej Klamt von Halbtotal Film aus Wiesbaden. In der Fortsetzung jetzt thematisiert er auch das Schicksal eines berühmten Landsmannes: des Regisseurs Roman Polanski. Er wurde 1933 in Paris geboren, floh mit seiner Familie aber vor rassistischer Hetze zurück nach Polen. Ein fataler Fehler. Seine Familie kam ins Krakauer Ghetto, die Mutter und weitere Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet. Seine kurze glückliche Zeit in Krakau, aber auch die schwere im Ghetto, werden in Görlitz nachgestellt. Gedreht wird dafür unter anderem auf dem ehemaligen Gaswerksgelände An der Lunitz.

Produzent Klamt freut sich, einen so prominenten Zeitzeugen vor die Kamera bekommen zu haben. „Vor allem, da sich Polanski lange nicht dazu geäußert hatte. Es war zu hart für ihn“, sagt Klamt. Aufarbeitung hat Polanski später unter anderem mit seinem Film „Das Piano“ betrieben. „Die Geschichte von Roman Polanski ist tragisch, aber nicht untypisch“, so Klamt.

Bekannt ist auch der dritte Zeitzeuge, dessen Geschichte das ZDF in dieser Woche verfilmt: Niklas Frank, der 1939 in München als Sohn des Naziverbrechers Hans Frank geboren wurde – auch als „Schlächter von Polen“ bekannt. Frank hat sich mit der Vergangenheit seines Vaters später in dem Buch „Der Vater. Eine Abrechnung“ auseinandergesetzt.

All diese Schicksale werden nun am Drehort Görlitz vereint. Klamt reiht sich damit ein in die Produzentenriege, die die Stadt so schätzen. „Weil es so angenehm ist, hier zu arbeiten und weil die Zusammenarbeit mit der Stadt so reibungslos klappt“, sagt Andrzej Klamt. Er finde hier Motive, die es woanders nicht gibt. Häuser und Straßen ohne Leuchtreklamen. „Es gibt viele ursprüngliche Orte, die auch 1939 so hätten aussehen können.“

Die ZDF-Produktion wird ausschließlich in Görlitz gedreht. Für den Spielfilm „Käthe Kruse“ werden es nur einige Szenen sein. „Der Film erzählt den beeindruckenden Weg Käthe Kruses aus einer Kindheit in Armut zur berühmten Puppenmacherin, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Spielzeugbranche revolutionierte.“ Das schreibt die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) zum Drehstart vor einigen Tagen. Die Titelrolle spielt Friederike Becht, die auch in „Der Vorleser“ mitwirkte. Gefilmt wird bereits in Altenburg. Weitere Drehorte sind München, Graz und eben Görlitz.

Hier sollen unter anderem Außenszenen unter den Arkaden des Kaufhauses entstehen. Drinnen soll selbst nicht gedreht werden, bestätigt das Kaufhaus-Projektteam. Allerdings wird trotz Baustelle ein abgesperrter Bereich im Erdgeschoss eingerichtet, in dem bereits in den nächsten Tagen Kostümproben stattfinden. Wahrscheinlich für eingeladene Komparsen. Ein offenes Casting soll es wohl nicht geben, da die Produktion mit der Castingagentur Filmgesichter zusammenarbeitet und diese ihre Komparsen aus dem Görlitzer Raum bereits vor einiger Zeit informiert hatte.

Kurzfristige Straßensperrungen

Die Münchener Produktionsfirma hat sich bislang zum Dreh in Görlitz noch nicht geäußert. Allerdings bestätigt die Stadt Görlitz auf Nachfrage, dass es Anträge wegen Verkehrseinschränkungen gibt. „Diese betreffen den Demianiplatz (Kaufhaus), den Untermarkt sowie das Gebiet Fischmarkt/Krischelstraße/Schwarze Straße“, teilt Sylvia Otto von der Stadtverwaltung mit. „Derzeit können aber über Sperrungen, Umleitungen oder kurzzeitige Unterbrechungen des Verkehrsflusses noch keine spruchreifen Aussagen gemacht werden.“

Das ZDF-Dokudrama wird im September ausgestrahlt: Der erste Teil („Kriegsbeginn 39 – der erste Tag“) am 2. September um 20.15. Uhr, der zweite Teil („Der Überfall“) am 9. September um 20.15 Uhr.