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Finden Sie, dass ich dazugehöre?

Im Netz wird Journalistin Dunja Hayali oft wüst beschimpft. In ihrer Dresdner Rede sagt sie, was ihr Heimat bedeutet, und erklärt, wer Rassist ist.

© Ronald Bonß

Von Rafael Barth

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Liebevoll für die Großen und Kleinen

In dieser Klinik gehört die Angst vorm Krankenhausaufenthalt der Vergangenheit an. Besonders bei den Allerkleinsten.

Am Ende ihrer Rede macht Dunja Hayali dasselbe wie am Anfang. Sie nimmt ihr Smartphone und richtet die Kamera in den voll besetzten Saal des Schauspielhauses. Später wird sie die Bilder ihrer Familie schicken, die ihr, wie sie sagt, heilig ist. Der Unterschied zwischen den Bildern: Am Ende des Sonntagvormittags steht fast das gesamte Publikum, applaudiert, jubelt, jubelpfeift. Hayali hat es geschafft. Die Leute sind vollends auf ihrer Seite. Ein überraschender Moment, und ein seltener für sie.

Denn so bekannt die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali ist, so sehr wird sie oft angefeindet. Wegen ihrer Arbeit beim „Morgenmagazin“. Wegen ihrer Haltung Richtung Mitmenschlichkeit. Weil sie aussieht, wie sie aussieht, und weil sie diesen Namen hat. Keifende Kommentare überschlagen sich im Netz, Hass beißt um sich. Man hat sie Höhlenbewohnerin geschimpft und aufgefordert, sich im Irak von Muslimen vergewaltigen zu lassen, um zu begreifen, was Deutschland für ein tolles Land ist. So geht das nun, seit sie beim ZDF anfing vor elf Jahren. „Die letzten drei waren die schlimmsten. Ich kann Ihnen sagen, daran gewöhnt man sich nicht. Wenn einem gesagt wird, dass man keinen Anspruch auf diese Heimat hat, kann es einem den Boden unter den Füßen wegziehen.“

Die eigene Erfahrung ist der Grund, weshalb Hayali Heimat als Thema ihrer Dresdner Rede gewählt hat. In diesem Jahr war sie der dritte Gast der Reihe, die das Staatsschauspiel zusammen mit der Sächsischen Zeitung veranstaltet. Weil sie so persönlich wurde, weil sie auch Schwächen eingestand und gleichwohl die Zuhörer mit mutmachenden Worten nach Hause schickte, war ihr Auftritt der bislang emotionalste. Und zwar von Anfang an.

An das Lob für Dresdens Stadtschönheiten bindet Dunja Hayali ein großes Aber. Als Besucherin fühle sie sich hier immer willkommen. „Aber wenn man nicht hier geboren ist, wird es schwer, dazuzugehören.“ Dresden habe politische Systeme, Kriege und Überschwemmungen überdauert, die Stadt ihre Identität Stein für Stein wieder aufgebaut. „Einfach unzerstörbar“, sagt Hayali, aber eben auch: „eine Art geschlossene Gesellschaft. An das Innerste dieser Stadt kommt man als Außenstehende nicht heran.“

Das Gegenbild zeichnet Hayali von ihrer Heimat, dem Ruhrpott. 1974 kommt sie in Datteln zur Welt. Ihre Eltern stammen aus dem Irak. Sie gingen Anfang der Fünfziger nach Wien. Dort studierte die Mutter Pharmazie, der Vater Medizin. Er war in Datteln Chirurg im Krankenhaus, später niedergelassener Arzt. Wer anpacken konnte, gehörte dazu. Das sei im Pott bis heute so, und wer sich dann noch für dieselben Sachen (Fußball!) interessiere, fände schnell Anschluss. Was Hayali zu der Frage bringt, was es denn braucht, um irgendwo hineinzuwachsen. Sie nimmt sich selbst zum Beispiel und lässt jeden im Saal nach Antworten suchen. „Finden Sie, dass ich dazugehöre? Bin ich eine von Ihnen? Bin ich die da aus dem Fernsehen? Bin ich die Vorzeigemigrantin? Bin ich überhaupt qualifiziert? Bin ich deutsch? Bin ich gerade Deutschlands hippe Integrationstante?“

Weil ihr Name, die dunklen Augen, das schwarze Stachelhaar auf die Herkunft verweisen, spricht Dunja Hayali manchmal von ihrem Migrationsvordergrund. Für bestimmte Menschen macht es einen Unterschied, wenn sie erwähnt, dass sie aus einem christlichen Haus stammt. Die Leute glaubten dann zu wissen, mit wem sie es zu tun hätten. Wäre ihre Arbeit weniger wert, wenn sie Muslima wäre? „Schubladendenken macht eigenes Denken, Kennenlernen und Differenzieren obsolet.“

Es sind solche Sätze, auf die man sich im Schauspielhaus mühelos einigen kann. Doch sieht es im Moment danach aus, als müssten solche Sätze wieder und wieder in die Welt gerollt werden, zur Ermutigung, und um den Satzrollern von anderen Seiten nicht das Feld zu überlassen. Hayali beunruhigt es, mit welcher Energie sich der rechte Rand gebärdet, um dieses Land gegen vermeintliche Invasoren von außen und gegen die eigene Bundespolitik zu verteidigen. „Selbst ernannte Heimatbeschützer kriechen in unsere Köpfe und fummeln an den Schaltern rum. Sie missbrauchen den wunderbaren Begriff Heimat als Chiffre für Ausgrenzung.“ Und, urteilt Hayali, sie seien schon ziemlich weit gekommen, wenn jemand wie sie darüber nachdenke, was sie öffentlich noch sagen könne.

Dunja Hayali bewahrt Haltung auch im Wortsinn. Manchmal unterstreicht sie ihre Sätze, indem sie die Hände ausbreitet. Meist steht sie ruhig am Pult. Fast immer leuchtet ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Es ist diese Art Lächeln, das einer hat, obwohl er von Unfassbarem erzählt. Hayali spricht vom Sommer 2015 und räumt ein: Es kamen zu viele Menschen ins Land, sie kamen zu schnell, zu unkontrolliert. Alles in allem aber habe die Gesellschaft diesen Stresstest gut bewältigt.

Und nun? Nun sieht es ihrer Meinung nach im Rückblick so aus, als sei das Land nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt. Selbst in der Union spräche man heute von Kontrollverlust, und Rechtspopulisten hätten es geschafft, dass Menschen sich schämten für ihre Hilfsbereitschaft. „Es kommt mir vor wie eine einzige Gehirnwäsche.“ Das Schlimmste aber: Auf breiter Front gebe es Verständnis für jene, die Politiker Vaterlandsverräter nennen und auf der Straße „Haut ab!“ rufen. Das seien ja die Abgehängten, um die müsse man sich kümmern. Der Gutmensch stehe als Volltrottel da. Der Schlechtmensch tue nichts außer zu meckern und Angst zu verbreiten. „So sieht die Welt gerade aus.“

Jetzt nähert sich Dunja Hayali dem Punkt, an dem sie am meisten Applaus bekommt. Zweimal, dreimal unterbricht Klatschen ihre Rede. Es ist wie im Rockkonzert: Man mag den Song und freut sich, dass er gespielt wird. Jeder, betont die 43-Jährige, soll seine Sorgen und Ängste äußern dürfen, ohne gleich in die Nazi-Ecke gestellt zu werden. Aber Meinungsfreiheit ist kein Alibi für jedes Schandwort. „Wenn sie sich rassistisch äußern, sind sie verdammt noch mal ein Rassist. Dieser Satz steht, dieser Satz bleibt.“

Hayali hatte dasselbe vor zwei Jahren gesagt, nur hatte sie es damals nicht geplant. Emotional überwältigt bedankte sie sich 2016 für die Goldene Kamera in der Kategorie Beste Information. Es war ein Glanzpunkt ihrer Karriere, die nach dem Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln schnell Fahrt aufnahm. Sie moderierte Sportsendungen für die Deutsche Welle und schon mit Anfang 30 das „Heute-Journal“ als Kollegin von Steffen Seibert. Unerschrocken, direkt, persönlich: So kennt man Hayali seit 2010 aus dem „Morgenmagazin“, ebenso aus Reportagen und der nach ihr benannten ZDF-Sendung. Sie läuft ab Sommer regelmäßig einmal im Monat.

Möglich, dass Heimat auch dort ihr Thema wird. Dunja Hayali hat dazu ein vielfältiges Verhältnis. Der Ruhrpott, Köln, inzwischen auch Berlin: für sie alles Heimat. Sie konstatiert: „Ich bin durch und durch Deutsch.“ Weil sie weiß, dass der räumliche Bezug mitunter zur Abschottung missbraucht wird, schaut sie zusätzlich in die Verfassung. „Meine Heimat ist Freiheit“, sagt Hayali. Sie fühlt sich aufgehoben im Grundgesetz, das die Würde des Menschen schützt, „nicht nur die des deutschen Menschen“. Auch dafür: Applaus!

In ihrer Dresdner Rede schlägt Dunja Hayali einen weiten Bogen. Sie lobt die Pressefreiheit und gesteht Journalistenfehler ein. Sie verteidigt Politiker und empört sich über die lahme Regierungsbildung. Sie spricht über den geringeren Wohlstand im Osten, fehlende Wohnungen in Städten, schleppende Digitalisierung und ist beim Pflegenotstand noch nicht zu Ende mit den Problemen, die viele Bürger umtreiben. Eigentlich, sagt Hayali, ist gerade alles wichtiger als der heilige Zorn der selbst ernannten Heimatbeschützer.