Teilen:

Flaute im Horst

© Frank Baldauf

Ein reicher Kindersegen will sich bei den Störchen in der Region nicht einstellen. Das liegt am Wetter.

Von Verena Schulenburg

Osterzgebirge. Es ist kaum zwei Wochen her, da herrschte auf dem Horst weit über den Possendorfer Dächern noch ein reges Ein- und Ausfliegen. Eifrig war das Storchenpaar damit beschäftigt, Nahrung heranzuholen. Aus der Kinderstube heraus wurde ein kleines Schnäblein gesichtet. „Nachwuchs hat sich eingestellt“, verkündete Rathaus-Mitarbeiterin Kerstin Ryssel die frohe Botschaft von Possi und Possine, wie das Storchenpaar vor Ort genannt wird.

Und nun? Von einem kleinen hungrigen Schnäbelchen im Horst ist nichts mehr zu sehen. Schlimmer noch. Vor ein paar Tagen wurde ein toter junger Storch am Fuße des Schornsteines entdeckt. Ist die einzige Brut verloren? „Genau wissen wir es noch nicht“, sagt Andreas Kunzmann. Bisher sei unklar, ob die Weißstörche in Possendorf ein oder zwei Junge hatten. Kunzmann ist ehrenamtlicher Regionalbeauftragter beim Naturschutzdienst und kümmert sich um die Weißstörche im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Grund zur Euphorie sieht er auch anderswo nicht. Die Hitze der vergangenen Wochen habe den Zugvögeln in der gesamten Region arg zugesetzt.

Das Storchenpaar in Reinholdshain, das voriges Jahr sogar fünf Junge zur Welt brachte, hat dieses Jahr seine Brut aufgegeben. Die Nester in Struppen und Cotta wurden im Frühjahr gar nicht erst besetzt. Die beiden Weißstörche, die in diesem Jahr erstmals in Paulsdorf an der Malter einen Platz für sich fanden, haben gar nicht erst gebrütet, so die Bilanz des Naturschützers. Grund zur Hoffnung gebe es noch bei den Störchen in Wilsdruff. Dort lebt derzeit ein Junges bei seinen Eltern. „Wir hoffen, dass es durchkommt“, sagt Kunzmann.

Das hofft auch die Wilsdruffer Rathausspitze. Bürgermeister Ralf Rother erkundigt sich nicht nur regelmäßig nach dem jüngsten Nachwuchs von Hilde und Horst, wie das Wilsdruffer Storchenpaar heißt. Kürzlich klingelte die Stadtverwaltung auch in Lohburg in Sachsen-Anhalt durch, um zu horchen, wie es dem Patenkind geht. Auf dem dortigen Storchenhof lebt Hannah, der kleine Bruchpilot vom Vorjahr. Der 2017 in Wilsdruff geborene Weißstorch stürzte vermutlich bei ersten Flugversuchen ab und landete unsanft auf dem Boden. Ein Storchenfreund fand den Unglücksvogel, der nun in Lohburg neben anderen gehandicapten Störchen ein Zuhause hat. „Hannah geht es soweit gut“, heißt es. Momentan trainiere sie zwar immer wieder flatternd und springend im Gehege ihre Muskulatur. Der rechte Flügel bleibe aber fehlgestellt. Er lässt sich nicht mehr gänzlich ausstrecken, weswegen Hannah wohl flugunfähig bleibe.

Dennoch scheint die junge Storchendame den Herren ihrer Schöpfung zu gefallen. Ein ebenfalls flugunfähiger männlicher Storch habe sich zwischenzeitlich zu ihr gesellt. Beide würden sich gut verstehen. Für beide Störche, einzeln oder gemeinsam, sucht der Lohburger Storchenhof nun einen Dauerpflegeplatz in einem Zoo oder Tierpark, vielleicht auch in einer adäquaten Einrichtung bei Wilsdruff.

Erschwerte Suche nach Nahrung

Nachdem die Störche im Landkreis 2017 mit insgesamt 28 Jungtieren so erfolgreich brüteten wie schon lange nicht mehr, scheint sich diesmal kein reicher Kindersegen einstellen zu wollen. „Die Störche finden schlichtweg keine oder nur unzureichend Nahrung“, erklärt Andreas Kunzmann. Schuld daran sei maßgeblich die lange anhaltende Hitze und Trockenheit, die seit dem Frühjahr besteht.

Birgit Hertzog, Umweltamtsleiterin im Pirnaer Landratsamt, bestätigt das. „Es gibt zu wenig Feuchtbiotope in diesem Teil des Landkreises, die angesichts der allgemeinen Trockenheit als Nahrungshabitat dienen könnten“, erklärt sie. Hinzu komme, dass das Grünland im Umfeld der Horste bis auf wenige Ausnahmen bereits im Mai gemäht wurde. Seitdem sei wegen des fehlenden Regens kaum etwas nachgewachsen. Unter diesen Gegebenheiten ausreichend Nahrung für sich und den Nachwuchs zu finden, sei ein Problem für die Störche. Erst recht in dieser Region.

Die Störche, die linkselbisch brüten, hätten es ohnehin schwerer als ihre Gleichgesinnten auf der rechten Seite der Elbe. Dort gebe es weitläufigere Wiesen und Feuchtbiotope, in denen Storchenleckerlis, wie Frösche, Mäuse oder Blindschleichen, leichter zu haben sind.

Noch können die Naturschützer nicht genau sagen, wie viele Jungtiere die Störche im Landkreis dieses Jahr durchbekommen. „Im August wissen wir sicher mehr“, sagt Kunzmann. Die Situation bleibe angespannt, auch wenn die vergangenen verregneten Tage ein kleiner Segen für die nahrungssuchenden Störche sein dürften.