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Flexibilität gegen Existenzangst

Arbeit der Zukunft: Internet-Autor Sascha Lobo trifft auf Peter Blersch, Chef der Leiharbeits- und Vermittlungsfirma DIS.

© Robert Michael

Dresden. Eine der größten deutschen Personalvermittlungs-firmen hat ihr 50-jähriges Bestehen in Dresden gefeiert: Die DIS AG aus Düsseldorf lud Kunden in Dresdens Gläserne VW-Manufaktur ein, um in Industrie-Atmosphäre zu diskutieren. Firmenchef Peter Blersch (49) engagierte den Blogger Sascha Lobo (42) als Redner. Beide stellten sich der SZ zum Interview. Sie glauben, dass Deutschland die Arbeit nicht ausgeht.

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Herr Lobo, würden Sie jemanden fest einstellen, der eine so langweilige Frisur hat wie Herr Blersch?

Lobo: Ich würde das nicht nur von äußeren Werten abhängig machen, aber auch. Ich würde tendenziell mit Ja antworten, auch wenn ich zur Festanstellung wechselnde Haltungen hatte in meinem Leben.

Und Sie, Herr Blersch, könnten Sie Herrn Lobo unterbringen, falls er mal nicht mehr als selbstständiger Internetautor und Redner leben kann?

Blersch: Die Frisur wäre jedenfalls das letzte Kriterium. Da kommt ganz viel vorher. Wir haben uns eben erst kennengelernt, aber es gibt bestimmt Überschneidungen, die uns zusammenführen können.

Sie sind hier zusammen, um 50 Jahre Bestehen Ihrer Firma DIS zu feiern – gab es denn 1967 schon Leiharbeit?

Blersch: Ja, das Unternehmen war Pionier, eines der ersten auf diesem Gebiet in Deutschland. Wir haben uns auf Fach- und Führungskräfte spezialisiert, zum Beispiel für Informationstechnologie und Ingenieur-Dienstleistungen.

Wird es Leiharbeit noch lange geben?

Blersch: Bei der Zukunft der Arbeit ist Flexibilität einer der wesentlichen Faktoren. Für Mitarbeiter, die das auch wollen, und für Unternehmen, die Mitarbeiter suchen werden. Aus meiner Sicht ist die Zukunft besser als je zuvor.

Aber führt der Fachkräftemangel nicht dazu, dass die Firmen Mitarbeiter fest an sich binden wollen?

Blersch: Der Wunsch ist heute schon da, wir haben ganz viel Personalvermittlungsgeschäft. Ganz viele Firmen stellen fest ein. Aber es gibt Saisonalität: Wir sind dafür da, Auftragsspitzen abzudecken. Es gibt Qualifikationen, die findest du nicht mehr überall. Die Kunst ist dann, die Menschen zu finden, die bereit sind, beispielsweise nach Dresden zu kommen und etwa in der Chip-Industrie die engen Qualifikationen auszufüllen.

Nun gibt es neue Gesetze. Künftig dürfen Leiharbeiter nicht länger als 18 Monate im selben Betrieb arbeiten. Was wird tatsächlich passieren, werden sie übernommen oder rausfliegen?

Blersch: Es wird ja über Ausnahmen von den 18 Monaten diskutiert, etwa in der Metall-Industrie. Entscheidend ist für mich die faire Bezahlung der Mitarbeiter, die gibt es durch Branchenzuschläge. Die zeitliche Begrenzung halte ich für falsch, wenn es um Arbeit der Zukunft geht. Warum soll nicht der Mitarbeiter entscheiden, wie lange er bei welcher Firma arbeiten sollte?

Kann das wirklich der Mitarbeiter entscheiden? Nach 18 Monaten wird er doch wohl gerne bleiben.

Blersch: Nach dem Gesetz geht das nicht mehr.

Lobo: Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt finden statt wie ein Orkan. Ich glaube, die Leute, die glauben, es beträfe sie nicht, die irren sich. Flexibilisierung kann positiv oder negativ wirken. In der Leiharbeitsbranche wie in allen Branchen gibt es schwarze Schafe. Wenn die Leute sich fair behandelt fühlen, dann passt ein Plus an Flexibilität vielen Menschen sehr gut ins Konzept. Gerade Arbeitgeber von hoch qualifizierten Menschen klagen, wenn die nach 18 Monaten wieder weg sind oder mit der Arbeitszeit rauf- und runtergehen. Viele wollen ein bisschen experimentieren. Es gibt unterschiedliche Typen von Menschen in unterschiedlichen Phasen.

Wie oft kommt es denn vor, dass die Wünsche erfüllt werden?

Blersch: Wer zu uns kommt, kann sagen, was er möchte. Wenn er eine feste Einstellung möchte, sorgen wir für einen Job in einem Unternehmen. Es gibt eine Generation von modernen Arbeitern, speziell in der Informationstechnologie, die wollen nicht fest angestellt werden. Die wollen flexibel sein und auch mehr Geld verdienen. Da sind wir Vermittler. Und der dritte Weg ist die klassische Zeitarbeit. Hier kann jeder bei uns einsteigen. Ein großer Teil findet aus der Arbeitslosigkeit wieder in Arbeit.

Wie viele Beschäftigte haben Sie hier in der Dresdner Region?

Blersch: Um die 700. Ein Branchenschwerpunkt ist hier die Halbleiterbranche, schon immer.

Zu Ihrer Firmengeschichte gehört auch, dass Sie der Halbleiterbranche geholfen haben, Hunderte Mitarbeiter loszuwerden. Damals hat Infineon befristete Beschäftigte an Leiharbeitsfirmen wie DIS übertragen, und nach der Pleite der Infineon-Tocher Qimonda waren viele ganz draußen.

Blersch: Das kenne ich nicht, dazu kann ich nichts sagen. Wann war das?

Die Qimonda-Pleite war 2009.

Lobo: Ich weiß über diesen Fall im Detail nichts, aber für mich ist Folgendes entscheidend: Deutschland hat einen wahnsinnigen wirtschaftlichen Erfolg in den letzten 10, 15 Jahren hingelegt. Es ist traurige Realität, dass nicht alle davon profitieren. Es muss trotzdem eine Gemeinschaftlichkeit geben, nämlich, das Land weiter so erfolgreich wie bisher wirtschaften zu lassen. Dazu muss der digitale Wandel gemeistert werden. Wir haben an diesem Beispiel der Chipfabrik gesehen, dass das kein Selbstgänger ist.

Wird die Arbeitswelt immer besser oder immer schlechter?

Blersch: Ich rede gerne von Mut und Zuversicht bei solchen Themen. Jeder ist anders betroffen. Junge Menschen müssen sich bei der Berufswelt überlegen, auf welchen Pfad sie gehen – auch wenn sich jeder lebenslang weiterentwickeln muss. Es gibt Berufe, bei denen wird es wahrscheinlich in 15 Jahren schwierig, bei anderen wird es hohes Interesse am Arbeitsmarkt geben.

Nennen Sie ruhig Beispiele, das interessiert auch die Eltern und Großeltern.

Blersch: Durch das autonome Fahren werden reine Fahrberufe seltener, das vorherzusagen ist keine große Kunst. Es wird aber Berufe in diesem Umfeld geben. Andere Berufe sind wenig bedroht: Personalchefs wird es immer geben, die Tätigkeit wird aber anders aussehen.

Lobo: Da möchte ich widerspechen. Es wird möglich, dass der Personalchef durch bestimmte algorithmische Auswertungen unterstützt wird. Es kann aber auch jemand sagen, die Entscheidungen des Personalchefs beruhten mehr auf dem Bauchgefühl, das machen wir lieber algorithmisch. Ich würde aber nicht wetten, dass es genauso kommt. Niemand von uns kann präzise vorhersagen, was wo wie bei diesem Wandel genau geschieht. Auch ich nicht, obwohl ich mich den ganzen Tag damit beschäftige.

Wie soll man sich dann auf den Wandel einstellen?

Lobo: Wir müssen mit dieser Ungewissheit leben. Es bleibt wichtig, uns eine gewisse Flexibilität zu bewahren. Das darf nicht zu negativen gesellschaftlichen Folgen führen. Darüber wird viel zu wenig diskutiert. Arbeit wird nicht übermorgen abgeschafft. Aber ganze Branchen merken, dass sie gar nicht so abhängig sind von Personal aus Fleisch und Blut.

Die Bundesagentur für Arbeit will künftig lebenslange Beratung anbieten. Bieten Sie das Ihren Beschäftigten auch?

Blersch: Ja, und viele Zeitarbeiter müssen regelmäßig den Job wechseln. Das ist zum Teil auch gewollt. Junge Ingenieure lernen gerne drei, vier Firmen kennen, um sich dann zu entscheiden. Später können sie entscheiden, ob sie dort bleiben oder sich mit ihrem neuen Wissen selbstständig machen. Auch bei uns ist es möglich, dass ein Marketingmann in die Personalabteilung wechselt.

Haben Sie Beispiele für Berufe der Zukunft?

Lobo: Ich glaube fest an das Friseurhandwerk. Aus sehr persönlichen Gründen halte ich das für einen der Berufe, die vielleicht durch Roboter ersetzt werden können, aber nicht dürfen. In vielen Berufen gibt es eine Verschiebung. Pflegeroboter, das hört sich nach Horror an. Aber wenn im Krankenhaus ein älterer Mensch gewendet werden muss, kann ein Roboter die Pfleger entlasten.

Blersch: Je mehr Qualifikation du dir aneignest, umso sicherer bist du in der Welt der Zukunft der Arbeit.

Lobo: Es geht sehr zentral darum, das Lernen zu lernen. Ich halte aber auch die Abschaffung der Existenzangst für wichtig, für das edelste Ziel der Zivilisation.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.