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Fliegender Teppich in Prohlis gesichtet

© Sven Ellger

Das Societaetstheater bringt Geschichten, Theater und Kino ins Neubauviertel. Die Besucher bezahlen nichts.

Von Nora Domschke

Eigentlich sollte es ja nicht immer nur ums Geld gehen, sagt Andreas Nattermann. Weil aber genau das bei vielen Prohliser Familien und Rentnern eben nicht im Überfluss da ist, will der Geschäftsführer des Societaetstheaters Kunst und Kultur kostenlos in den Stadtteil im Dresdner Süden bringen. Und das nicht nur für ein paar Tage, sondern für zwei Jahre.

Den Anfang macht nun ein gelb-weißes Zelt in XXL-Format auf dem Albert-Wolf-Platz. Es ist der Auftakt des Langzeitprojektes „Zu Hause in Prohlis“. Wie wohnt es sich hier, was macht das Leben in einem Plattenbauviertel aus, warum ist es gut, warum ist es schlecht? All diesen Fragen will Nattermann gemeinsam mit Quartiersmanagerin Katrin Lindner nachgehen.

Bis zum 29. September ist das Zelt ein zentraler Ort, an dem sich Künstler und Dresdner begegnen sollen. „Die sogenannte Kennenlernphase“, sagt Nattermann. „Wir wollen uns einlassen auf den Stadtteil, auf seine Bewohner.“ Und diese haben sich verändert in den vergangenen Jahren; neben Rentnern, die schon seit Ende der 1970er-Jahre im Viertel wohnen, leben hier Neu-Prohliser. Die Gründe, warum sie die preiswerte Bleibe im Zehn- oder Sechszehngeschosser wählten, sind ganz unterschiedlich. Meistens jedoch ist es wohl doch die Frage, wie groß der Geldbeutel ist. Und diese Frage hat eben oft auch Einfluss darauf, ob ein Theater- oder Kinobesuch drin ist. Das soll vorerst keine Rolle mehr spielen. Denn jeder ist eingeladen ins große Zelt, in dem nun täglich Veranstaltungen stattfinden. „Ein Heimatabend auf dem roten Sofa“ am Freitag ab 19 Uhr zum Beispiel. Auf dem farbigen Möbel nehme junge und etwas ältere Prohliser Platz und kommen ins Gespräch darüber, wo sie am liebsten zu Hause sind. Wer mag, hört zu, genehmigt sich dabei Schmalzstullen und ein Gläschen Wein und tanzt, wenn die Band „Die Nierentische“ aufspielen.

Doch warum eigentlich Prohlis? „Der Stadtteil braucht uns nicht“, sagt Andreas Nattermann. „Aber es gibt Defizite, vor allem im Angebot von Kunst und Kultur.“ Und weil sich das Societaetstheater ohnehin auf die Fahnen geschrieben hat, die Schauspielkunst auch außerhalb der angestammten Theaterstätte auf die Bretter zu bringen, geht es nun eben von der Inneren Neustadt an den äußeren Stadtrand. „Wir haben Theater in den Alaunpark gebracht – nun war es an der Zeit für etwas Neues.“

Dabei ist Prohlis zu DDR-Zeiten selbst ein Ort mit zahlreichen Kunst- und Kulturstätten gewesen. Wie etwa die Galerie Süd an der Prohliser Allee. „Vieles ist weggefallen, weil es keine Förderung mehr gab“, erklärt Katrin Lindner. Die Quartiersmanagerin ist nah dran an jenen Menschen, die damals wie heute den Stadtteil beleben. Sie kennt die Wünsche nach mehr Angeboten – und hofft zugleich, dass viele Prohliser das neue Projekt annehmen. Denn es ist eine Chance, vor allem um sich kennenzulernen. Dazu bietet jetzt auch ein Raum im Prohliszentrum die Möglichkeit. Auf der Ladenfläche des ehemaligen Eiscafés ist jeden Dienstag das Organisationsteam anzutreffen. Hier gibt es Informationen zu den geplanten Aktionen und Platz für Veranstaltungen wie Filmabende, Gespräche, Lesungen, Theater und Konzerte.

Das „Kiez“ soll zur dauerhaften Einrichtung werden, im Prohliszentrum kann es allerdings nur bis März 2018 bleiben; das Geschäft soll dann wieder vermietet werden. „Dass wir hier starten dürfen, ist trotzdem wie ein Sechser im Lotto“, sagt Andreas Nattermann. Es geht darum, das Projekt erst einmal bekannt zu machen. Finanziert wird es unter anderem mit Fördermitteln des Freistaates, auch die Stadt gibt etwas dazu. Rund 34 000 Euro sind es insgesamt an Drittmitteln, auch aus dem Budget des Quartiersmanagements kommt Geld. Dinge wie Tische, Stühle und Bühne steuert das Societaetstheater bei.

Noch ist viel zu tun, damit an diesem Freitagabend rund 100 Prohliser und andere Gäste das Theaterzelt stürmen können. Der Fußboden muss verlegt, die Bühne aufgebaut, eine Heizung angeschlossen werden. Der fliegende Teppich wurde schon gesichtet über den Dächern des Viertels. Er bringt nicht nur am Sonntag Geschichten auf die Erzählbühne nach Prohlis.

Das Programm: www.societaetsthetaer.de