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Dresden-Preis für das "Napalm Girl" 

Dieses Foto hat die damals neunjährige Kim Phuc Phan Thi weltberühmt gemacht. © dpa/PA

Ein Foto aus dem Vietnamkrieg hat die damals neunjährige Kim Phuc Phan Thi berühmt gemacht. Ihr Schicksal berührte die Welt. Nun wird sie in der Semperoper geehrt. 

Von Heidrun Hannusch 

Als mit der Rechnung die Glückskekse kommen im Restaurant „Mandarin“ im kanadischen Ajax, holt Kim aus ihrer Geldbörse einen kleinen schmalen Zettel. Es ist der Zettel aus jenem Glückskeks, den sie vor 26 Jahren bei ihrem ersten Besuch einer asiatischen Gaststätte in Toronto aufbrach. Ein Spruch, der sie eher aufschreckte als aufbaute. Denn er verhieß ihr genau das, dem sie 1992 mit ihrer Flucht nach Kanada zu entkommen hoffte: „Deine Bestimmung ist es, berühmt zu sein.“

Tag 1 ihres tragischen, ungebetenen Ruhms - der 10. Juni 1972, als alle großen Zeitungen in aller Welt das gleiche Foto abdruckten. Es war im südvietnamesischen Trang Bang entstanden und zeigte ein kleines, nacktes, verbranntes Mädchen, das mit ausgebreiteten Armen schreiend vor einer Napalmwolke davonläuft. Zur gleichen Zeit, als Millionen schockiert dieses Bild sahen, als Nixon wütend von einer „abgekarteten Sache“ sprach, als Anti-Kriegsdemonstranten das Bild durch die Straßen trugen, lag die neunjährige Kim zwischen Toten in der Leichenhalle des örtlichen Kinderkrankenhauses. Noch lebte sie, aber man hatte sie aufgegeben. Hier fand sie ihre Mutter, die drei Tage lang nach der Tochter gesucht hatte. Der Körper des Kindes war bereits von Maden befallen.

Jenes Foto, das sie berühmt machte als „Napalm Girl“, sah sie erst 14 Monate nach der ersten Veröffentlichung. Weil sie nicht gestorben war im Leichenhaus, war sie in ein amerikanisches Hospital nach Saigon gebracht worden. Das war spezialisiert auf die Behandlung von Brandwunden, tiefen, großflächigen Brandwunden, wie sie Napalm hinterlässt. Jeden Morgen schrie sie vor Schmerzen im sogenannten „Verbrennungsbad“. 17 Operationen musste sie durchleiden. Nach mehr als einem Jahr wieder zu Hause,  zeigte der Vater ihr das Foto, für das der Fotograf Nick Ut inzwischen den renommierten Pulitzer-Preis bekommen hatte. „Ich war schockiert und dachte, so ein hässliches Foto“, erzählt Kim. Sie schämte sich. Alle hatten sie nackt gesehen.

„Ja, ich habe mich gefragt, warum hilft mir niemand?“

Niemand hatte sie bedeckt an jenem Junitag. Lange nicht, so lange, bis jeder sein Foto im Kasten hatte. „Ja, ich habe mich gefragt, warum hilft mir niemand?“, gibt sie heute ihre Gedanken von damals wieder, als sie schwer verletzt die Straße entlanglief. Mehr als ein Dutzend Kriegsreporter waren an diesem Tag in Trang Bang. Ein kleiner Ort, 60 Kilometer nördlich von Saigon, durch den die aktuelle Frontlinie zwischen Vietcong und südvietnamesischer Armee lief. Die Bewohner hatten im Tempel Schutz gesucht. Dann warf ein Bomber Signalfeuer neben dem Tempel ab. Alle flohen auf die Straße - direkt ins Feuer. Vier Napalmbomben hatte die südvietnamesische Armee abgeworfen. Ein Film zeigt die Explosion, ein Inferno. „Es ist so heiß, es ist so heiß“, schrie das Mädchen, während es über die Route 1 lief. 60 Prozent ihres Körpers waren verbrannt.

Kim Phuc Phan Thi ist heute 55 und sieht um Jahre jünger aus. Die Narben am Körper hält sie bedeckt. © Heidrun Hannusch

Die heute 55-Jährige ist die Blicke gewohnt, die mehr oder weniger verstohlen nach ihren Narben suchen. Und natürlich tut es instinktiv jeder, der ihr begegnet. Zumal der erste Eindruck die pure Makellosigkeit ist. Klein und zierlich, ein nahezu faltenloses, offenes Gesicht. Sie könnte auch 15 Jahre jünger sein. Wie immer trägt sie ein Kleid mit langen Ärmeln. Aber wenn beim Gestikulieren oder beim Essen der Ärmel hochrutscht, ist es zu sehen. Es sind nicht nur Narben, es sind Verwüstungen, die noch heute auch ihren gesamten Rücken bedecken.

Niemand wird mich je lieben können. Das dachte Kim lange. Andere Kinder mieden sie. Als sie älter wurde, wollte sie ein Teenager sein wie jeder andere. Wollte alle Kleider tragen, die sie mochte, auch kurzärmelige. Wollte schwimmen gehen. Und sich mit Jungs verabreden. Sie wollte nichts anderes, als normal zu sein. Aber sie war nicht normal, sie war das Mädchen von dem Foto. Als jenes Bild entstand, konnte noch niemand ahnen, welche Macht es entwickeln würde. Doch dieses wehrlose, verletzte, nackte, schreiende Kind symbolisiert die Brutalität des Krieges mehr, als es ein Fotomotiv je getan hatte. Die Jahre, die Jahrzehnte vergingen, doch die Wirkung blieb.

„Ich hasste alles, das Foto, mein Schicksal, mein Leben“

Die Wirkung, die das auf Kim Phuc hatte, ist nicht leicht zu beschreiben, denn am einfachsten beschreibt und ordnet man ein anhand von Vergleichen. Aber es gibt nichts Vergleichbares. Wie ein Überlebender für immer gefangen bleibt in dem schlimmsten Moment seines Lebens. Eine weltweite Opfer-Ikone auf Lebenszeit. So wie sie damals vor dem Feuer geflohen war, versuchte sie nun, vor dem Foto davonzulaufen. Aber sie konnte ihm nicht entkommen. Sie war das lebende, vorführbare Symbol des gesamten Vietnamkriegs mit all seiner Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit. Und sie wurde vorgeführt. „Ich hatte kein eigenes Leben. Die vietnamesische Regierung bestimmte darüber, wann ich studieren durfte und wo, welche Interviews ich geben soll, wohin ich reisen muss und sprechen, auf welchen Bühnen ich auftreten soll.“ Und sie erzählt weiter: „Ich hasste alles, das Foto, mein Schicksal, mein Leben“. Sie dachte an Selbstmord. „Ich wollte nur, dass alles ein Ende hat.“ Sie suchte Halt, irgendwo. Mit 19 Jahren trat sie zum Christentum über. Es half und hilft ihr noch immer. Aber die eigentliche Wende kam erst neun Jahre später.

Lange schon wollte sie fort aus Vietnam, wo sie nie etwas anderes hätte sein können als das „Napalm Girl“. Sie überlegte sogar, es wie die Boat People zu tun. Dann bat sie darum, im Ausland studieren zu dürfen. Sie durfte - und zwar in Kuba. Einer der anderen vietnamesischen Studenten in Havanna war Bui Huy Toan, ein Nordvietnamese, einer, den Kim früher Feind genannt hätte. Er bewies, dass sie falsch lag. Ja, sie konnte doch geliebt werden. Im Sommer 1992 heirateten sie. Noch waren sie vietnamesische Staatsangehörige, es gab nicht viele Optionen für die Hochzeitsreise. Sie entschieden sich für Moskau. Und kurz bevor das Flugzeug auf dem Weg zurück nach Havanna in Neufundland zwischenlandete, erklärte Kim ihrem Ehemann, wofür sie sich entschieden hatte. Sie werde nicht weiterreisen, sondern Asyl in Kanada beantragen.

Ihr überraschter Ehemann willigte schließlich ein, wenn auch mit großen Ängsten. „Ich habe in den ersten Wochen in Kanada kaum geschlafen“, erzählt er. Kim aber sei regelrecht fröhlich gewesen. Denn sie hatte einen Plan. Endlich ein normales Leben, anonym in einem fremden Land, keine Ikone mehr, nicht mehr berühmt, kein Napalm Girl, nur Kim Phuc, die eine Familie möchte. Letztlich war es eine spontane Idee gewesen. Sie kannten niemanden in dem Land. Und Kim verzichtete bewusst auf einen Promibonus, den sie auch hier hätte haben können. Sie waren Flüchtlinge wie andere auch. 1994 wurde Kim, wovon sie so lange geglaubt hatte, es nie werden zu können, Mutter. Der erste von zwei Söhnen wurde geboren. Sie hatte, was sie immer wollte. Kurz darauf bemerkte sie  vor ihrem Haus zwei Frauen, die immer wieder kamen. „Ich ging nicht mehr raus, ich habe mich versteckt“, erzählt Kim. Denn sie wusste, wer draußen wartete - Journalisten. Sie war gefunden worden.

Kim Phuc Phan Thi 2014 mit Nick Ut, der das berühmte Foto aufgenommen hatte und dafür den Pulitzer-Preis erhielt. © imago

Zwei Jahre später hielt sie eine Rede vor dem Vietnam Memorial in Washington. Sie sprach vor allem von Versöhnung. Ganz persönlich bot sie einem ehemaligen US-Soldaten ihre Vergebung an. Er hatte bei der Planung des damaligen Bombenangriffs eine Rolle gespielt und war auch zum Denkmal gekommen. Kim Phuc hatte akzeptiert, dass sie immer das „Napalm Girl“ bleiben würde. Aber sie wollte nie mehr die Geisel eines Fotos sein. Sie wollte selbst entscheiden, ihre Rolle als eine Ikone der Kriegsopfer selbst definieren. „Heute sehe ich das Foto als Geschenk“, sagt sie. „Es zeigt, was Krieg bedeutet. Es kann etwas bewirken.“

Kim Phuc gründete eine Stiftung, die sich um vom Krieg versehrte Kinder kümmert. Sie sammelt unter anderem Spenden für Krankenhäuser in Kriegsgebieten. Und sie kann sehr überzeugend sein mit ihrer Geschichte. „Ich wollte immer Ärztin werden, um direkt helfen zu können. Leider ging das nicht. Aber jetzt habe ich eine Möglichkeit gefunden, noch viel mehr für die Kinder im Krieg zu tun“, sagt sie. Sie wurde Goodwill-Botschafterin für Frieden und Versöhnung der Unesco. Und wenn sie spricht, wie sie es jedes Jahr vor Tausenden tut, sagt sie immer auch diesen Satz: „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können die Zukunft heilen.“ Er ist wie ein Mantra, auch für sie selbst. Nein, sie kann nichts ungeschehen machen, nicht den Lauf durch das Feuer, nicht den Tag zwischen den toten Kindern, nicht die Schmerzen, die sie noch heute fast täglich quälen. Was sie kann und getan hat, ist, Bitternis und Hass hinter sich zu lassen. Und wenn ausgerechnet sie das kann, ist das keine Geschichte aus der Vergangenheit. Gerade heute, in Zeiten eines Hasses, der immer ein Ziel findet, ohne vorher nach einem Grund zu suchen, ist das eine starke Botschaft.

Opfer von Facebooks Kontroll-Algorithmus

Das Foto von ihr ist inzwischen schon Teil der Popkultur. Banksy nutzte es für eine kritisch-ironische Collage. Samba-Tänzer in Rio stellten die Szene nach. Und auch Verschwörungstheoretiker arbeiten sich daran ab. Eine amerikanische Zeitung veröffentlichte einen bizarren Leserbrief. Darin wird behauptet, Kims Mutter habe die Tochter verbrannt und dafür von den Fotografen Geld erhalten. Das hat Kim wirklich verletzt. Und irritiert war sie auch, als sie erfuhr, dass Facebook ihr Foto gelöscht hatte vor zwei Jahren. Es war ihre Nacktheit, die nicht in einen Kontroll-Algorithmus passte, der Geschichten wie die ihre nicht vorsieht. Aber die weltweite Protestwelle dagegen hat sie sehr beeindruckt. Sogar die norwegische Ministerpräsidentin intervenierte bei Facebook. Die Entscheidung wurde schließlich korrigiert. Kam jemals eine Entschuldigung von Facebook? „Nein“, sagt Kim, „niemand hat sich gemeldet. Aber das hatte ich auch nicht erwartet.“

Auch als sie fort war von dieser Straße in Trang Bang musste Kim Phuc noch sehr weit laufen, um endlich zu entkommen und anzukommen. Heute lebt sie in einem kleinen Ort nahe Toronto. Es ist die Art von Retorten-Kleinstadt, über die man sagen könnte: Hier passiert nie etwas. Aber was mancher langweilig nennen würde, ist für andere beruhigend, die kein Drama mehr brauchen in ihrem Leben. In einer der sehr stillen Straßen von Ajax, die sich alle ähneln in Backstein und Bäumen, bewohnt Kim mit Mann, Söhnen und ihren Eltern ein kleines Haus. Sie ist zur Ruhe gekommen. Erst vor Kurzem erfuhr sie, dass der Bombenangriff damals kein „Friendly fire“ war, also aus Versehen eigene Leute getroffen wurden. Der Befehl sei vielmehr gewesen, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden die Schlacht zu gewinnen. Früher hätte sie diese Nachricht zornig gemacht, heute sagt sie nur: „So ist Krieg.“

Kim Phuc lebt jetzt in dem Teil von Kanada, wohin vor einem halben Jahrhundert besonders viele US-amerikanische Kriegsdienstverweigerer flohen, die nicht nach Vietnam wollten. Vielleicht stimmt es, was immer wieder erzählt wird, aber nie bewiesen werden kann: dass Kims Foto den Vietnamkrieg abgekürzt hat. Zumindest tut sie jetzt alles, was sie mit ihren Mitteln tun kann, damit kein Krieg mehr abgekürzt werden muss, weil er gar nicht mehr stattfindet. Und ja, sie wird sich wohl damit abfinden müssen, noch sehr lange berühmt zu sein.

Die Preisverleihung

Kim Phuc Phan Thi erhält am 11. Februar 2019 in der Semperoper den 10. Dresden Preis. Eintrittskarten zum Preis von 10 Euro (Schüler/Studenten ermäßigt 5 Euro) sind erhältlich beim Besucherdienst der Semperoper, Schinkelwache, Theaterplatz 2, 01067 Dresden, Telefon: 0351 4911 705, [email protected] sowie über www.semperoper.de

Der Dresden Preis

Der Dresdner Friedenspreis wird seit 2010 jährlich vom Verein Friends of Dresden Deutschland e.V. vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem Michail Gorbatschow (Politiker und Friedensnobelpreisträger),  Daniel Barenboim (Pianist und Dirigent), James Nachtwey (Kriegsfotograf), Emmanuel Jal (Friedensaktivist und Musiker), HRH Herzog von Kent, Daniel Ellsberg (Urvater der Whistleblower) und Tommie Smith (US-Olympiasieger und Kämpfer gegen Rassismus).