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„Flüchtlinge nehmen keinem die Wohnung weg“

WGP-Chef Jürgen Scheible über die Bereitstellung von Flüchtlingsunterkünften in Pirna und die Folgen für den Wohnungsmarkt.

© Daniel Förster

Thomas Möckel

Herr Scheible, Pirna bringt Flüchtlinge dezentral unter und greift dabei größtenteils auf Wohnungen der Städtischen Wohnungsgesellschaft Pirna (WGP) zurück. Löst der Flüchtlingsstrom gar Ihr Leerstandsproblem?

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Ganz eindeutig: nein. Es mildert das Problem, löst es aber nicht.

Wie hoch ist der Leerstand?

Der Leerstand bei unseren Flächen insgesamt liegt bei knapp elf Prozent. Auch wenn wir zusätzlich Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, vermindert sich diese Zahl nicht wesentlich.

Haben Sie aber jetzt viele Wohnungen und Häuser belegt, die vorher als schwer vermietbar galten?

Nein, wir vermieten ausschließlich sanierte Häuser. Heruntergekommene Buden sind bei uns nicht im Angebot. Die Flüchtlinge ziehen in ganz normale Wohnungen ein, sie werden wie jeder andere Mieter behandelt. Auch werden die Wohnungen exakt so belegt, wie sonst auch.

Es gibt keine engen Massenquartiere?

Wir werden keine zehn Doppelbetten in eine Zweiraumwohnung stellen, wenn Sie das meinen. Wir legen großen Wert darauf, dass die Wohnungen ihrer Größe entsprechend belegt werden. Daher läuft es bei uns auch besser als anderswo.

Wie viele Wohnungen hat die WGP als Flüchtlingsunterkunft bereitgestellt?

Bis zum 1. Februar werden es 104 Wohnungen sein. Zwei Wohnungen sind für die Betreuer reserviert, 102 sind mit 320 Flüchtlingen belegt, darunter viele Familien.

In welchem Stadtteil wurden die meisten Wohnungen an Asylsuchende vergeben?

Die meisten Wohnungen haben wir auf dem Sonnenstein bereitgestellt, wo sich 50 Prozent des gesamten WGP-Wohnungsbestandes befinden. Der Leerstand ist dort auch höher als anderswo. Wir bemühen uns aber, Asylsuchende im gesamten Stadtgebiet unterzubringen.

Weil sonst die Gefahr besteht, dass sich bei einer gewissen Ballung eine Art Mikrokosmos bildet, der nicht mehr beherrschbar ist?

Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, das im Blick zu behalten, damit keine Ghettoisierungseffekte eintreten. Wir versuchen bei der Unterbringung, die Menschen in den Stadtteilen gut zu durchmischen. Es soll sich dort jeweils ein Gesamtbild der Bevölkerung wiederfinden. Und eine Integration der Flüchtlinge kann nur gelingen, wenn sie nicht nur unter sich sind.

Wer kommt eigentlich für die Miete in den Flüchtlingswohnungen auf?

Das grundlegende Prozedere geht wie folgt: Der Landkreis ist hier die zuständige Unterbringungsbehörde. Um diese Aufgabe zu bewältigen, hat das Landratsamt einen Vertrag mit der Immobilienbetreuungs-, Tourismus- und Beherbergungsgesellschaft Dresden GmbH (ITB) als Dienstleister geschlossen. Die ITB wiederum mietet die Wohnungen von uns.

Zu welchem Preis?

Die ITB zahlt eine marktübliche Miete. Es gibt keine flüchtlingsbedingten Zuschläge und auch keine Rabatte. Es sind ganz normale Mieten, in Pirna bewegt sich der Satz für die betreffenden Wohnungen zwischen 4,40 und 5,70 Euro Kaltmiete je Quadratmeter.

Bislang läuft seitens der Stadt die Unterbringung von Flüchtlingen recht geräuschlos. Dennoch ist kaum vorstellbar, dass es in den Wohngebieten keinen Widerstand dagegen gibt. Wie nehmen Sie Ihre Mieter in dieser Angelegenheit mit?

Wir machen keine Großveranstaltungen. Vielmehr suchen wir das direkte Gespräch mit den Menschen. Wenn irgendwo Probleme auftreten, versuchen wir, sie vor Ort zu lösen. Die direkte Kommunikation ist noch immer der beste Weg. Und viele Dinge sind nicht neu für uns. Der Vertrag mit der ITB besteht nun seit fast fünf Jahren, wir haben aber auch schon vor zehn Jahren Asylbewerber untergebracht. Wir konnten sozusagen lange genug in die Aufgaben hineinwachsen.

Was tut die WGP ihrerseits für Flüchtlinge?

Wir überlegen, wie wir den Flüchtlingen helfen können, sich hier zu integrieren. In der Diskussion ist gerade, wie wir Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten können, beispielsweise mit Praktikumsplätzen. Dahingehend gibt es auch eine Initiative des Verbandes der Wohnungswirtschaft, in dem wir Mitglied sind. Zudem helfen wir auch finanziell, wir haben 2015 unter anderem Geld für das Begegnungscafé in Pirna gespendet.

Wie viele Wohnungen hat die WGP noch im Bestand, in denen Flüchtlinge untergebracht werden können?

Wir bieten zurzeit knapp 400 freie Wohnungen zur Vermietung an.

Würde die WGP auch neu bauen, um Flüchtlinge unterzubringen?

Nein.

Welche Auswirkungen hat die Bereitstellung von Quartieren für Asylsuchende auf den freien Wohnungsmarkt in Pirna?

So gut wie keine. Wenn wir Flüchtlinge unterbringen, mildert sich lediglich das Leerstandsproblem. Aber auch der anhaltende Flüchtlingsstrom führt jetzt nicht dazu, dass der Wohnraum knapp wird.

Gibt es bei Ihnen noch genügend Wohnraum für Mietinteressenten?

Ja, wir haben noch ausreichend freie Wohnungen. Die aktuellen Angebote finden sich stets auf unserer Internetseite.

Das heißt, jeder, der bei Ihnen eine Wohnung mieten will, bekommt auch wunschgemäß eine?

Dem Grunde nach ja. Das hängt allerdings davon ab, was der Mietinteressent gern möchte. Wenn er bei uns eine Wohnung findet, die ihm zusagt, dann bekommt er sie. Aber auch sonst muss in Pirna niemand unter der Brücke schlafen.

Plant die WGP Neubauten für den freien Wohnungsmarkt?

Wir werden in erster Linie Geld in bestehende Immobilien investieren. So wollen wir zwei Gebäude an der Ecke Hauptstraße/Leglerstraße in Copitz sanieren. Weil wir dafür Fördermittel bekommen, können wir die Wohnungen für eine relativ günstige Miete anbieten. Neubauten sind in den nächsten Jahren vorläufig nicht geplant. Längerfristig können wir uns auch Neubauprojekte vorstellen. Das alles hat aber mit Flüchtlingen nichts zu tun, eher mit der allgemeinen Marktentwicklung.