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Formeln fürs Leben gefunden

Der Großenhainer Professor Thomas Bley hat eine der wichtigsten Ehrungen für Biotechnologen erhalten.

© Kristin Richter

Von Birgit Ulbricht

Großenhain. Professor Thomas Bley lächelt verschmitzt. „Ich habe mir Mühe gegeben und wohl nicht alles falsch gemacht. Und natürlich braucht es dazu auch immer Glück im Leben.“ Das ist glatt untertrieben. Der Großenhainer hat jetzt die Dechema-Medaille für seine herausragenden Verdienste in der Forschung erhalten. Nun sagt der Name „Dechema“ wohl den wenigsten etwas – in der Branche der Biotechnologen ruft diese Ehrung andächtiges Raunen hervor. Professor Bley ist zudem der erste Ossi, wie er selbst sagt, dem diese Auszeichnung zu teil wird.

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Dabei hat der heute 67-Jährige, wie er selbst gesteht, nicht „zu oft“ selbst im Labor gestanden. Er sieht sich dennoch als Praktiker, der Ergebnisse sehen will. Doch damit ein Biotechnologe etwas sieht, muss er wissen, wie sich seine Schützlinge verhalten, was er mit ihnen anstellen kann, wie er sie bewegen kann, sich so und nicht anders zu verhalten – und das vorher. Professor Bleys Welt ist die Mathematik.

Der Großenhainer hat es in seiner Karriere geschafft, Gleichungen zu entwickeln, die beschreiben, wie sich Zellen in großen Bioreaktoren verhalten. Für eine einzelne Zelle mag das noch vorstellbar sein. Aber wie ist das in einem Tausend-Kubikmeter-Topf, wie Professor Bley seinen Bioreaktor liebevoll nennt? Da spielen so viele Faktoren hinein, dass es erst seit 30, 40 Jahren überhaupt möglich ist, das Verhalten von Zellen zu berechnen. 1980 gab es überhaupt den ersten Lehrstuhl für Biotechnologie – in Hamburg. Noch heute gehören die Dresden Biotechnologen bezeichnenderweise zur Fakultät Maschinenwesen. Am bekanntesten ist natürlich die Sparte Maschinenbau. Dazu gehören aber auch die Werkstofftechniker und die Verfahrenstechniker, und bei letzteren ordnen sich historisch entstanden die Biotechnologen ein. Seitdem hat sich die Wissenschaft sprunghaft entwickelt und die Industrie saugt jede neue praktische Anwendung förmlich auf.

Lebendige Zellen drucken

In einem der Labore des Instituts für Naturstofftechnik der TU Dresden zeigt Professor Bley eine unscheinbare Apparatur unter Glas. „Green Bioprinting“ steht auf einer Tafel. „Ja, das haben wir hier im Institut erfunden“, sagt er fast beiläufig. Hier werden Zellen gedruckt. Ersatzteile für Menschen. Knochen oder Gewebe. Was an sich schon unglaublich genug klingt, wird noch packender, wenn Professor Bley erklärt, worin die eigentliche Schwierigkeit bestand.

Denn Zellen drucken konnten damals auch andere schon. Nur das Problem war, das Gewebe mit Sauerstoff zu versorgen, dass es lebt. Wie lassen sich Adern in die Zellen hinein drucken, war die Frage. „Meine jungen Leute kamen irgendwann auf die Idee, Algen dafür zu verwenden“ erzählt er stolz. Mit „seinen jungen Leuten“ hat er das Projekt verwirklicht. Das ist nur eine der vielen Erfolgsgeschichten aus der Dresdner Bergstraße 120.

41 Doktoren hat Thomas Bley inzwischen betreut. Inzwischen gibt es 220 Diplom-Ingenieure in der Bioverfahrenstechnik. Der Abschluss mit „Diplom“ ist Thomas Bley wichtig. „Das war damals eine wilde Zeit und ich habe mich dafür eingesetzt, das Diplom zu erhalten“, sagt er. An anderen Universitäten schaut man da zuweilen etwas neidisch nach Dresden.

Manche jungen Wissenschaftler sind in die Welt hinausgezogen, wie Stephan Karl, der in Melbourne an einem weltweit führenden Malaria-Forschungsinstitut eine leitende Position innehat. Für junge Leute hat Professor Bley heute noch als Seniorprofessor ein gutes Händchen. Die 23-jährige Melanie Colditz aus Quersa ist sozusagen sein wissenschaftliches Küken. Sie beschäftigt sich mit akustischen Oberflächenwellen, denn zunehmend kommt es darauf an, einzelne Zellen gezielt irgendwohin dirigieren zu können. Die Verfahren werden filigraner, gehen in den Nanobereich. Die junge Dame hat am Großenhainer Gymnasium ihr Abi gemacht und war bei Sigrid Jurisch im Leistungskurs Chemie.

Ihre „besondere Lernleistung“ hat sie damals schon bei Professor Bley am Institut erbringen können, weil der die Patenschaft für das Großenhainer Gymnasium übernommen hatte. Denn mit Großenhain verbindet sich der Name Bley über Generationen. Der Vater hatte an der heutigen Berliner Straße, damals Ernst-Thälmann-Straße, ein bekanntes Glaswarengeschäft. Die Familie war stets hoch musikalisch. Thomas Bley hat selbst bei Herbert Gadsch das Orgelspiel erlernt und sogar die Prüfung als Hilfskantor abgelegt.

Sein Bruder ist Sänger am Görlitzer Theater. Der Maler Kurt Globig verkehrte mit der Familie, Stadtarchivar Siegfried Hoffmann war der Cousin der Mutter. Da gibt es immer etwas zu erzählen über die Heimatstadt, über alte und neue Bekannte. Längst wohnt Thomas Bley in Pohrsdorf bei Tharandt, hat dort einen wunderschönen 2000-Quadratmeter großen Garten, denn seinen Facharbeiter als Gärtner hat Bley schließlich auch mal als junger Mann gemacht. Das große Grünen und Blühen fasziniert ihn genauso wie die einzelne lebende Zelle, die es in einer Gleichung zu fassen gilt. Natürlich lässt einen so viel Faszination auch mit 67 nicht los.

Zufrieden mit seinem Tun

Thomas Bley betreut als Seniorprofessor gerade zehn Doktoranden und füllt seinen ohnehin angefüllten Arbeitsalltag mit zahlreichen Ehrenämtern aus, zum Beispiel als Sprecher des acatech-Themennetzwerkes Biotechnologie und Bioökonomie oder als Mitglied in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Thomas Bley strahlt Heiterkeit und Gelassenheit aus. Er ist zufrieden mit seinem Tun, und dass 2004 „sein“ Institut mitsamt den Laboratorien nach langem Ringen endlich doch saniert wurde, und dass sein Nachfolger Thomas Walther – ein Sachse – sein Wunschkandidat war. Ein begabter Forscher, wie Bley sagt und ein toller Mensch. Beste Voraussetzungen also, um auch künftig exzellente Biotechnologen in Dresden hervorzubringen.

Alles ansehen und anfassen kann jeder zur Langen Nacht der Wissenschaften in Dresden am 15. Juni im Institut für Naturstofftechnik, Bergstraße 120.

www.wissenschaftsnacht-dresden.de