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„Frauen, traut euch mehr zu!“

Seit Dezember steht die frühere CSU-Spitzenpolitikerin Gerda Hasselfeldt an der Spitze des Deutschen Roten Kreuzes. Im Interview mit der SZ spricht sie über starke Frauen, Ehrenamt und Katastrophenschutz.

© Thomas Kretschel

Frau Hasselfeldt, fiel Ihnen etwas auf, als Sie kürzlich das Foto von der Führungsmannschaft von Horst Seehofer in Berlin betrachtet haben?

Ach ja, es ist mir nicht als Erstes aufgefallen, dass auf dem Foto von Horst Seehofer keine Frau dabei war, aber auf den zweiten dann schon. Allerdings war ich nie jemand, der nur auf Frauen- und Männer-Proporz geschaut hat. Ich bewerte eine Mannschaft erst dann, wenn ich ihr genügend Zeit gegeben habe, um zu zeigen, was sie kann.

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Aber ausgerechnet in der CSU soll es so wenige führungsstarke, kompetente Frauen geben? Ärgert Sie das nicht – nach so vielen Jahren, die Sie in der aktiven Politik verbracht haben?

Es ist nicht so, dass es in der CSU keine Frauen in Spitzenämtern gibt. Aber ich glaube, dass man da viel früher ansetzen muss. Junge Frauen müssen auch immer wieder gefördert werden. Frauen aus einem eher konservativen Umfeld sagen selten: Ich bin eine Frau, jetzt möchte ich etwas werden und Karriere machen. So forsch treten sie nicht auf, sondern sie sind eher zurückhaltend. Sie fragen sich häufig, ob sie der Aufgabe wirklich gewachsen sind und vor allem, ob sich ein politisches Amt mit dem Privatleben verträgt. Viele kommen dann zu dem Ergebnis, das lieber nicht zu machen. Manchmal müssen sie auch ein bisschen geschubst und ermuntert werden, mal ein Risiko einzugehen. Und damit muss man schon relativ früh anfangen. Daran müssen wir alle noch ein bisschen arbeiten.

Ein bisschen? Wenn man mal bedenkt, Sie waren Anfang der 90er-Jahre Bundesgesundheitsministerin. Fast 30 Jahre danach ist nicht viel nachgekommen.

Vieles ist doch auch Zufall. Ich bin auch nicht Landesgruppen-Vorsitzende der CSU im Bundestag geworden, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich halt gerade da war, als so ein Typ wie ich gesucht wurde. Da gab es fünf Männer, die sich nicht einigen konnten, und ich habe daran gar kein Interesse gezeigt, sondern habe mich erst mal zwei Wochen gesträubt, bis ich dann doch zugesagt habe.

Was Frauen sich zehnmal fragen…

Ja, das hat auch mit Zutrauen zu tun, aber es ist auch eine Erziehungsfrage. Frauen, traut euch mehr zu, aber Männer, ihr solltet auch den Frauen mehr zutrauen.

Mancher Mann wird jetzt sagen, dass Sie jetzt die beste Aufgabe für eine Frau gefunden haben: das Soziale. Was hat Sie gereizt an dem Ehrenamt fürs DRK?

Diesen Posten, der weit über das Soziale hinausgeht, haben übrigens jahrzehntelang nur Männer innegehabt. Aber danach habe ich mich nicht gedrängt. Als ich gebeten wurde, dieses Amt zu übernehmen, hat mich jedoch vieles bewogen, Ja zu sagen. Entscheidend aber war für mich: Ich habe in meinem Leben so vieles erlebt. Mir geht es gut. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten meiner politischen Arbeit so viele Menschen kennengelernt, die mehr tun, als nur für die eigene Familie zu arbeiten und Geld zu verdienen. Davon möchte ich jetzt ein Stück weit etwas zurückgeben.

Was wollen Sie ändern beim DRK?

Mein größter Wunsch ist es, die ehrenamtliche Tätigkeit zu stärken. Denn das ist es, was mich von vornherein am Roten Kreuz so begeistert. Bei uns engagieren sich mehr als 425 000 Ehrenamtliche neben der Familie, neben der Berufstätigkeit. Sie stellen sich in den Dienst für andere. Das ist ganz beachtlich. Es kann keine Rede davon sein, dass die deutsche Gesellschaft nur von Egoisten dominiert wird. Wir müssen noch viel mehr Menschen zu ehrenamtlichem Engagement ermutigen. Nicht nur, weil wir vermutlich noch längere Zeit großen Bedarf haben werden und die demografische Entwicklung eben so ist, wie sie ist, und wir immer weniger junge Leute haben. Auch durch die Berufstätigkeit der Frauen bricht da manches weg. Wir müssen darauf achten, dass wir diesen Fundus an Ehrenamtlichen behalten.

Wie kann das gelingen?

Wir streben auch in Sachsen bei der Freistellung vom Arbeitsplatz bei ehrenamtlichen Helfern des DRK und der anderen anerkannten Hilfsorganisationen für Großeinsätze eine Gleichstellung mit der Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk an. Das würde vielen das ehrenamtliche Engagement erleichtern. Außerdem setzen wir uns für die Einführung einer bundesweiten Ehrenamtskarte ein, die Vergünstigungen für Veranstaltungen oder Museen mit sich bringt. In einigen Gemeinden, auch in Sachsen, gibt es so etwas schon. Es geht hier um die gesellschaftliche Anerkennung ehrenamtlichen Engagements.

Im Flüchtlings-Jahr 2015 haben sich auch in Sachsen viele für die Ankommenden engagiert, sind aber bald als „Gutmenschen“ beschimpft worden.

Jeder, der Rettungskräfte oder Helfer diffamiert oder behindert, der schadet dem Menschen schlechthin. Sowohl denjenigen, die gerade Hilfe bekommen, als auch denen, die versuchen, Hilfe zu leisten.

Haben Sie den Eindruck, dass unsere Gesellschaft kälter geworden ist?

Ich sehe die Entwicklung nicht so dramatisch. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen groß ist – das macht sich bei der Spendenbereitschaft und der Zunahme der ehrenamtlichen Tätigkeit bemerkbar. Das spüre ich auch. Als Verantwortliche müssen wir immer darauf hinweisen, dass jeder von uns auch mal auf Hilfe angewiesen sein kann. Und dann sind wir froh, wenn es Menschen gibt, die eben nicht nur eigennützig auf sich schauen, sondern auf die Schwächeren in der Gesellschaft.

Sie kommen aus Bayern, das von hohem ehrenamtlichen Engagement geprägt ist. Sachsen gehört zu den Ländern, die in dieser Frage eher zu den Schlusslichtern gehören. Inwieweit ist das gesellschaftlich ein Problem? Und wie lässt sich das ändern?

Vergessen Sie nicht, dass sich auch in Sachsen viele Menschen ehrenamtlich engagieren – allein beim DRK-Landesverband sind es fast 15 000. Nicht nur im Flüchtlingsjahr 2015, sondern vor allem auch beim Hochwasser 2002 war die Bereitschaft der Sachsen sehr groß, anderen zu helfen. Die Erfahrung zeigt: Dort, wo Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, wo sie versuchen, das Beste draus zu machen, wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. In Bayern haben wir in allen Dörfern unheimlich viel Engagement, in den Städten ist das dagegen auch schon schwieriger. Aber wenn man sich gegenseitig kennt, wenn man weiß, da wohnt eine alleinstehende Frau, die gelegentlich mal Hilfe braucht – dann ist eine gute Gemeinschaft möglich.

Die Hochwasserkatastrophe in Sachsen 2002 und das Flüchtlingsjahr 2015 – beide Male hat man gemerkt, dass Deutschland doch nicht so gut vorbereitet ist. Wie lässt sich das ändern?

Im Nachhinein war es sicher ein Fehler, dass nach dem Ende des Kalten Krieges ab Mitte der 90er-Jahre in Deutschland Vorratshaltungen mit Nahrungsmitteln, Zelten und Betten für Not- und Katastrophenfälle auf Landesebene heruntergefahren und auf Bundesebene vollständig aufgelöst wurden. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder gemerkt, dass da etwas fehlt. Deutschland ist zurzeit auf die Versorgung einer großen Zahl von Menschen bei Naturkatastrophen, Epidemien wie Ebola oder nach Cyber-Angriffen auf die Strom- oder Wasserversorgung nicht ausreichend vorbereitet. Deshalb hat das DRK gemeinsam mit den anderen anerkannten Hilfsorganisationen der Bundesregierung ein Konzept zum nationalen Krisenmanagement vorgeschlagen.

Was ist geplant?

Es sollen zehn Materiallager in ganz Deutschland etwa mit Betten, Zelten und medizinischen Produkten ausgestattet werden. Die anerkannten Hilfsorganisationen wollen die Lager betreuen und dafür sorgen, dass das Material ständig in einwandfreiem Zustand und abrufbar ist. Das Material soll jeweils für 5 000 Menschen ausreichen, insgesamt also für 50 000. Die Gesamtkosten belaufen sich auf anfänglich 109 Millionen Euro. Der DRK-Landesverband geht beim Katastrophenschutz im Übrigen mit gutem Beispiel voran. Ich habe mir das Logistikzentrum in der Bremer Straße in Dresden angeschaut, in dem vom Feldbett bis zum Hygieneartikel wichtige Materialien für den Notfall lagern, und bin davon schwer beeindruckt.

Das Gespräch führte Annette Binninger.