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„Frauenschach ist anders“

Der Kopftuch-Zwang interessiert oft mehr als die Partien – meint Schach-Großmeisterin Elisabeth Pähtz. Und die frühere Dresdnerin sagt, warum sich das ändern sollte.

© c by Matthias Rietschel

Das deutsche Schach hat in der vergangenen Woche Erfolge in seltenem Ausmaß erlebt: Der 13-jährige Vincent Keymer gewann das größte europäische Open-Turnier – und verdiente sich 15 000 Euro Taschengeld. Elisabeth Pähtz spielte gleichzeitig in Georgien und gewann nach WM-Bronze 2017 nun Silber im Blitzschach sowie den EM-Titel im Schnellschach.

Die gebürtige Erfurterin, die während ihrer Zeit auf dem Sportgymnasium Dresden die Jugend- und Junioren-WM gewann und als Wunderkind gefeiert wurde, ist mit nun 33 Jahren offenbar auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung spricht Pähtz über ihre neuerlichen Erfolge und die Attraktivität des Frauenschachs.

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Frau Pähtz, kehrt das deutsche Schach im 150. Geburtsjahr des einzigen deutschen Weltmeisters, Emanuel Lasker, zu neuer Stärke zurück?

Ich denke, dass das „Lasker-Jahr“ in der Tat jetzt schon ein besonderes Jahr ist. Im März war Berlin Schauplatz des WM-Kandidatenturniers. Vincent Keymer hat zudem einen revolutionären Turniersieg errungen und ich meinen ersten Europameistertitel im Erwachsenenbereich. Und dieses Jahr hat noch knapp acht volle Monate vor sich!

Bei Ihnen läuft es mit 33 Jahren plötzlich wieder. Waren Sie bisher zu sehr Party-Girl?

Mein Vater (Großmeister Thomas Pähtz, Anm. des Autors) hatte in den 30ern seine besten Zeiten. Ich nehme an: wie der Vater so die Tochter. Aber im Ernst: Ich glaube, dass meine Stagnation der letzten Jahre vor allem auf mein eher schwaches Nervenkostüm zurückzuführen ist. Schachlich gesehen war ich nie wirklich schlechter als die meisten der Top-Ten-Frauen – nimmt man die Nummer eins aus, die Chinesin Hou Yifan. Vermutlich bin ich emotional stabiler geworden. Auch bin ich weder bei der WM noch jetzt bei der EM davon ausgegangen, eine Medaille zu erspielen. Vielleicht liegt das Geheimnis einfach darin, ohne jegliche Erwartung in das Turnier zu gehen.

Oder fußt der Leistungssprung darauf, dass Sie daheim mit Ihrem Ehemann, dem Internationalen Meister Iart Luca Shytaj, ständig Blitzschach spielen?

Mit meinem Mann blitze ich nicht. Wir haben Wichtigeres zu tun.

Ist Frauenschach anders als das der Männer? Die Weltranglistenerste Hou Yifan sieht keine Herausforderung mehr für sich bei den Frauen – wird aber gerade beim Topturnier in Baden-Baden von den Großmeistern um Magnus Carlsen eher als Opfer betrachtet.

Hou Yifan ist ein Sonderfall. Sie hebt sich deutlich vom restlichen Frauenfeld ab. Natürlich ist es inakzeptabel, ein anderes System als bei den Männern vorzufinden. Im Gegensatz zu Carlsen muss sie ihren WM-Titel in einem lotteriehaltigen K.o.-System verteidigen. Das würde ich auch nicht hinnehmen. Aber ob Frauenschach anders ist? Nun ja, wir spielen alles aus, selbst sogenannte großmeisterliche Remisstellungen.

Frauenschach wird oft belächelt – und macht meist nur Schlagzeilen, wenn Spielerinnen eine WM im Iran oder in Saudi-Arabien boykottieren, weil sie gegen den Kopftuch- oder Schleierzwang aufbegehren. Wie empfinden Sie das?

Manche Männer mögen uns zwar belächeln – aber wären wir nicht da, wäre ihr Abend langweilig und trist.

Auch Sie sagten, dass der Iran nicht der perfekte WM-Ort ist. Gleichzeitig lobten Sie das Land für die Investitionen, weil es schwer sei, Sponsoren für Frauenschach zu finden. Warum ist das so?

Für Leute, die nicht die Möglichkeit haben, an einer WM teilzunehmen, ist es leicht zu sagen, man müsse das Turnier im Iran boykottieren, weil dort gegen die Rechte der Frauen verstoßen wird. Allerdings bezweifle ich, dass die Leute genauso denken würden, wenn sie selbst davon betroffen wären. Sponsoren für das Frauenschach zu finden, ist nicht leicht. Frauenschach ist nicht so interessant. Man schätzt die positiven Aspekte einfach zu wenig.

Was sind die positiven Aspekte?

Wir spielen unsere Partien aus. Die Remisquote ist deutlich geringer. Wir kleiden uns zumeist elegant und geben der allgemeinen Atmosphäre ein besonderes Flair. Das auch unter dem Aspekt, dass ein Sponsor aus der Wirtschaft oder irgendein Unternehmen den qualitativen Unterschied zwischen den Schachzügen von Magnus Carlsen und der Ukrainerin Anna Muzychuk nicht differenzieren könnte ...

Sehen Sie nach Ihren Erfolgen und Keymers Triumph neue Vermarktungschancen im Fußballland Deutschland?

Ja. Aber dafür braucht man einen gewieften Marketing-Experten, der weiß, wie man Erfolge richtig verkauft.

Warum sollten sich Firmen engagieren?

Weil Schach nicht nur ein Spiel ist, sondern auch für Intelligenz und Kreativität steht. Schach ist relativ häufig im Rahmen von Werbekampagnen bei Banken oder anderen Institutionen vorzufinden. Man muss nicht fragen, warum.

Raten Sie Keymer zur Profi-Karriere?

Vincent ist erst 13 Jahre alt. Es ist einfach zu früh für einen Ratschlag.

Sie waren als 14-Jährige auch schon berühmt, saßen in der Talkshow von Harald Schmidt und spielten gegen die Klitschko-Brüder – konnten den Hype aber nicht nutzen. Gibt es für das deutsche Schach jetzt eine neue Chance?

Vielleicht hat Vincent eine Chance so wie ich als 14-Jährige. Damals war ich die jüngste deutsche Frauenmeisterin aller Zeiten. Vincent hat die stärkste Perfomance-Leistung aller Zeiten in seiner Altersklasse erreicht. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich halte es für möglich, dass er demnächst – so wie ich damals – in verschiedenen Fernsehsendungen zu sehen ist.

Das Interview führte Hartmut Metz.