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Frecher Lausbub

Der ehrgeizige Julian Nagelmann überträgt seine Mentalität aufs Hoffenheimer Team.

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© dpa

Von Joachim Klaehn, Heidelberg

Wer ist eigentlich Julian Nagelsmann? Der mit 29 Jahren jüngste Bundesliga-Trainer, so viel lässt sich nach einem knappen Jahr konstatieren, hat gleich zweimal mächtig für Furore gesorgt. Erst rettete der gebürtige Landsberger die von Milliardär Dietmar Hopp aufgebaute Fußball-Firma vor dem freien Fall in die zweite Liga. Dann formte er die TSG 1899 Hoffenheim zu einem Spitzenteam, das sich berechtigte Hoffnungen auf die erstmalige Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb machen darf.

Diese Parameter haben inzwischen nicht nur in Deutschland Aufmerksamkeit erregt. In den vergangenen Wochen und Monaten standen beispielsweise Reporter von Frankreichs Sportbibel L’Équipe, des Guardian, der Sun und der BBC aus Großbritannien im schmucken Trainingszentrum Zuzenhausen Schlange, um das Erfolgsgeheimnis dieses frechen Lausbuben zu erkunden.

Nagelsmann wirkt älter, reifer und abgezockter, als es die 29 Lebensjahre vermuten lassen. Das mag daran liegen, dass er mit 20 Jahren seinen Vater verlor. Die beiden älteren Geschwister waren bereits aus dem Haus im oberbayerischen Issing. Also musste der Jüngste anpacken, organisieren und seine Mutter unterstützen. Dieses schlimme Erlebnis hat ihn ebenfalls geprägt wie sein frühes Karriereende wegen eines Knorpelschadens im Knie.

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Das Trainerdasein schmackhaft gemacht hat ihm der heutige BVB-Trainer Thomas Tuchel. Von einem Mentor-Schüler-Verhältnis, damals beim FC Augsburg, hat sich Nagelsmann inzwischen mehrfach distanziert. Von Tuchel und dessen akribischer Trainingsmethodik ließ er sich inspirieren, ja. Aber „Nagel“, wie sie ihn rufen, wollte seinen eigenen Weg ins Trainergeschäft suchen und finden.

Das Talent sagt Hoeneß ab

Ernst Tanner, sein Entdecker, hat ihn als Jugendtrainer von 1860 München nach Nordbaden gelotst. 2014 wurde Nagelsmann mit Hoffenheims U 19 deutscher Meister. Davor hatte er mal zum Profi-Trainerstab als Assistent von Markus Gisdol gehört. Gisdol wollte ihn als Co behalten, doch Nagelsmann lehnte dankend ab. Zwei Alphatiere nebeneinander taten sich schwer.

Im Sommer 2015 sagte Nagelsmann sogar Bayern-Ikone Uli Hoeneß ab. Der wollte ihn als U-17-Trainer in München haben, doch der Umworbene dachte bereits an viel größere Herausforderungen. Außerdem legte Hoffenheims Gesellschafter Dietmar Hopp sein Veto ein.

Nagelsmann wartete, kam am 11. Februar 2016 für Knurrer Huub Stevens, erhielt einen Vertrag bis 2019 – und siegte. Sensationell stand der Klassenerhalt zu Buche. Die TSG-Verantwortlichen wurden für eine mutige Entscheidung belohnt.

Seine Herangehensweise als Trainertalent hat Nagelsmann metaphorisch beschrieben: „Ich arbeite wie ein Bäcker, mische Dinge zusammen, schiebe sie in den Ofen und gucke, ob mir das schmeckt, was rauskommt.“ Was einfach klingt, ist in Wahrheit wesentlich komplizierter. Nagelsmann gilt als Perfektionist und Tüftler, beschäftigt sich permanent mit abwechslungsreichen Trainingsübungen, taktischen Systemen und Zukunftsideen. Sein größtes Plus ist seine natürliche Autorität und Führungskompetenz. Seine Antrittsrede saß auf den Punkt. Das diesjährige Saisonziel steht auf einem Notizzettel in der Kabine und wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. So viel sei verraten: Mehr als Platz neun soll es unbedingt sein.

„Ich will immer gewinnen, sogar beim Schnick-Schnack-Schnuck“, sagt der passionierte Motorradpilot, Mountainbike- und Skifahrer Nagelsmann – auch am Sonnabend in der Leipziger Red-Bull-Arena.

RB wird Hoffenheim sicherlich nicht unterschätzen. Der TSG-Cheftrainer ist ehrgeizig, selbstbewusst, erfolgsbesessen und handlungsstark. Die Mentalität des vielleicht größten Trainertalents im Land hat sich auf sein Ensemble übertragen.