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Freie Kameradschaft Dresden im Visier

Die Neonazi-Gruppe soll gezielt Ausländer und Andersdenkende angegriffen haben. Auch auf dem Dresdner Stadtfest.

Von Alexander Schneider

Mit massiven Sicherheitsvorkehrungen haben Polizei und Rathaus im August 2016 das Dresdner Stadtfest geschützt. Eine ungewöhnlich hohe Präsenz von Beamten in Uniform und in Zivil wachte über die Großveranstaltung. Schwer bewaffnete Trupps kontrollierten Zugänge, sogenannte Nizza-Sperren sollten Anschläge mit Lastern vereiteln, nachdem nur Wochen zuvor über 80 Menschen in der Stadt an der Côte d’Azur bei einem islamistischen Terroranschlag ermordet worden waren.

Ausgerechnet bei diesem Stadtfest jedoch soll eine Gruppe uniformierter Neonazis nachts gezielt „Jagd auf Flüchtlinge“ gemacht haben. Mehrere Ausländer, Iraker und Afghanen, wurden angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Jenseits der tonnenschweren Beton-Quader patrouillierte die Gruppe und griff am Königsufer Menschen an, weil sie Ausländer waren. Dass es einen solchen Angriff überhaupt gegeben hat, war lange unklar. Es hatte Tage gedauert, ehe die Polizei diese Tat meldete. Zunächst war von Auseinandersetzungen unter Ausländern die Rede. Wo waren die Einsatzkräfte? Wie kann es sein, dass ein brauner Mob sich an dieser prominenten Stelle austobt und dieses rassistische Fanal erst Tage später bekannt wird? Solche Fragen kann bis heute niemand klar beantworten.

Laut Generalstaatsanwaltschaft Sachsen steht eine altbekannte Neonazi-Gruppe hinter diesen Angriffen: die „Freie Kameradschaft Dresden“ (FKD). Der Verfassungsschutz hat die NPD-nahe Gruppe seit Jahren auf dem Schirm. Sie postet Kommentare auf Facebook, und sie hat sich offensichtlich in den vergangenen Jahren weiter radikalisiert. Die Stadtfest-Aktion nennen Ermittler „kleine Bürgerwehr“. Monatelang ermittelt die Integrierte Ermittlungseinheit der Generalstaatsanwaltschaft („Ines“) und das Operative Abwehrzentrum (OAZ) gegen die Kameradschaft.

Ende November 2016, drei Monate nach dem Stadtfest, holten sie zum Schlag gegen die FKD aus. Knapp 200 Beamte durchsuchen die Wohnungen von 17 mutmaßlichen Mitgliedern. Bei 15 Männern und zwei Frauen im Alter von 16 bis 30 Jahren aus Dresden, Freital und Heidenau werden Handys, Datenträger, Waffen, Pyrotechnik und Kleidung sichergestellt. Gegen sie wird wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Sechs Männer wurden verhaftet. Erst Anfang Mai gab es die letzten Festnahmen. Inzwischen sitzen acht Männer in Untersuchungshaft, gegen zwei weitere Beschuldigte wurden Haftbefehle außer Vollzug gesetzt.

Die Jagd auf Flüchtlinge war nicht die einzige Gewalttat der Neonazis. Die FKD soll auch zusammen mit der unter Terrorverdacht stehenden „Gruppe Freital“ etwa Angriffe auf Asylunterkünfte und ein alternatives Wohnprojekt verübt haben. Bei den Krawallen vor einem zur Flüchtlingsunterkunft umgebauten Baumarkt in Heidenau griffen auch FKD-Mitglieder Polizisten an. Zwei Nächte lang tobte dort ein wütender rechtsextremer Mob. In der dritten Nacht sollen die Kameraden mit der Gruppe Freital dann in Dresden mindestens eine Asylunterkunft mit Steinen und Böllern attackiert haben. Zwei Heranwachsende gaben das in ihrem Prozess zu.

Es scheint ein hohes Maß an Kooperation der beiden Gruppen zu geben. Im derzeit laufenden Terrorprozess gegen acht Angeklagte der „Gruppe Freital“ am Oberlandesgericht hat der mutmaßliche Mitanführer Patrick F. seinen Mitangeklagten Rico K. als eigentlichen Angehörigen der FKD bezeichnet. Er habe ihn erst Mitte 2015 bei Demos kennengelernt. Auch FKD-Mitglieder haben immer wieder Demos besucht, montags bei Pegida, aber auch Kundgebungen vor Asylunterkünften oder wo auch immer sich Protest formierte wie etwa in Laubegast. Sie wollten dort angeblich gegen „die Antifa“ vorgehen.

Als im November 2015 erstmals mehrere Beschuldigte der „Gruppe Freital“ verhaftet wurden, scheint das die „Freien Kameraden“ jedoch nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Die Dresdner Neonazis, mit denen regelmäßig auch der ehemalige NPD-Landtagsabgeordnete René Despang unterwegs ist, müssen sich sehr sicher gefühlt haben. Despang wird nachgesagt, ein Gründer der Gruppe zu sein. Gegen ihn wird jedoch nicht ermittelt, so ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft.