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1922 – erstes Osterfest in der jungen Stadt Freital

Ostersymbole, die vor 100 Jahren in fast allen Schaufenstern in Freital und in der Zeitung zu sehen waren.

Ostersymbole, die in dieser Anordnung vor 100 Jahren in fast allen Schaufenstern des Freitaler Handels und in der Freitaler Lokalzeitung zu sehen waren.
Ostersymbole, die in dieser Anordnung vor 100 Jahren in fast allen Schaufenstern des Freitaler Handels und in der Freitaler Lokalzeitung zu sehen waren. © SZ-Archiv

Ostern wird im Jahre eins der Stadt Freital zum großen Ereignis, und das trotz unerfreulicher Vorzeichen. Der Frühlingsauftakt 1922 geht im Schneegestöber unter. Schmuddelwetter, das sich über die Feiertage fortsetzt. Nur ab und an blitzt Sonnenschein auf. Keine günstigen Bedingungen für den Gang Goethes berühmten Osterspaziergang. Dennoch ziehen hunderte Freitaler im Familienverband ins Freie. Mit dem üblichen Proviant im Gepäck: selbst gebackenen Kuchen und Kartoffelsalat der Marke Hausmacher.

Im Zeichen der Osterglocken eine geradezu erdrückende Fülle von Veranstaltungen. Jede Lokalität, die etwas auf sich hält, bittet an beiden Feiertagen zum „Feinen Ball“. Auf über 40 Sälen wird getanzt. Vom Gasthof Kohlsdorf bis zur Rehbockschänke Gittersee. Oft haben die Wirte zwei, drei Varietédarbietungen als Einlagen für Tanzpausen eingekauft.

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Uraufführung in Birkigt

Gründonnerstag 1922 erlebt der Gasthof Birkigt eine Uraufführung. Die örtliche Volksschule zeigt zum ersten Mal ein von Lehrern verfasstes Bühnenstück zur Geschichte des Plauenschen Grundes. Der Saal ist übervoll. Zur Einstimmung besingt der Schulchor, begleitet von einer Blockflötengruppe, den Lenz. Dann hat Frau Chronika das Wort. Als Mittelpunkt der Handlung erzählt sie Kapitel aus der Chronik des Grundes, vom Jagdgeschehen im wildromantischen Tal, Not und Elend während des Siebenjährigen Krieges bis zum Postillon vor der Abfahrt der letzten Postkutsche Freiberg–Dresden. Frau Chronikas Text wird in fast 20 Bildern gespielt. Die Leute sind hingerissen, nach Ostern kommt es zu weiteren Aufführungen.

Berühmte Frau im Sächsischen Wolf

Organisiert vom Freitaler Verein der Lesefreunde stellt sich am Abend des Gründonnerstags im Sächsischen Wolf Deutschlands auflagenträchtigste Autorin Hedwig Courths-Mahler (1867–1950) vor. Die gebürtige Thüringerin liest aus einem ihrer jüngsten Romane „Wem nie durch Liebe Leid geschah“. Die Art ihres Vortrages geht ans Gemüt. Sie hat ein Herz für pathetische Untertöne.

Neckische Motive standen vor 100 Jahren bei der Gestaltung von Glückwunschkarten zu Ostern an erster Stelle.
Neckische Motive standen vor 100 Jahren bei der Gestaltung von Glückwunschkarten zu Ostern an erster Stelle. © SZ-Archiv

Die wegen ihrer allzu gefühlsseligen Bücher oft geschmähte, aber ökonomisch äußerst erfolgreiche Frau braucht sich über mangelnde Resonanz nicht zu beklagen. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Der tiefere Sinn ihres einzigen Gastspiels in Freital hat übrigens etwas mit Reklame zu tun. Hedwig Courths-Mahler macht sich für „Rothbarths Lesekränzchen“ stark, das im sächsischen Raum Romane um Liebe und Leidenschaft vertreibt. Abonnenten wird Preisnachlass gewährt. In Deuben kann das Kränzchen nach der Veranstaltung über 30 neue Mitglieder aufnehmen.

24 Stunden später musiziert die Dresdner Philharmonie in der dicht gefüllten Deubener Kirche. Ein Konzert zum Karfreitag mit Werken von Bach und Beethoven. Als Veranstalter zeichnet die noch junge Volkshochschule.

Ebenfalls am Karfreitag bringen drei der über 20 Freitaler Chöre im ausverkauften Saal des Döhlener Hofes, gemeinsam mit Dresdner Solisten und dem populären Feiereis-Orchester, das „Lied der Glocke“, ein anspruchsvolles Chorwerk von Max Bruch zur Aufführung. Selbst strenge Dresdner Rezensenten bescheinigen dem Freitaler Konzert „erstaunliches Niveau und Klangschönheit“.

Das große Honigessen

Ein Osterbrauch der im 19. Jahrhundert in unserer Gegend gang und gäbe war, ist in Vergessenheit geraten. Gründonnerstag war der Tag des großen Honigessens. Man verzehrte respektable Mengen – viele verdarben sich dabei den Magen. Dennoch wollte man von dieser Art des süßen Lebens nicht ablassen. Honig galt als ein Symbol des Wohlstandes. Andere Quellen berichten, dass man das Honigessen als Einstimmung auf das Vernaschen österlicher Süßigkeiten betrachtete. Je mehr Honig, umso mehr hatte man Schokolade im Osternest zu erwarten. Wer sich nicht daran halten wollte, den versuchte man mit einem Reim zu bekehren: „Wer Gründonnerstag keinen Honig verspeist, zeitlebens ein Esel bleibt.“ Oft nahmen Bauernregeln Bezug auf April und Ostern. Zum Beispiel: „Heller Mondschein im April, die Baumblüte nicht will“, „Dürrer April schadet Futter und Früchten viel“, „Palmsonntag klar, verspricht ein gutes Jahr“ oder „April warm und nass, tanzt die Mahd ums Butterfass“.

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