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Voll im Saft

Wer sein Obst gern trinkt, kann es bei Sonntagssaft in Possendorf auspressen lassen. Das Angebot hat schon viele Freunde.

Ein Fan des Slow Food: Gasthofbesitzer Lutz Peschel verstaut frisch gepressten Sonntagssaft in seinem Kleinbus. Um genügend Rohstoff zu haben, hat er über fünfzig alte Obstsorten neu gepflanzt.
Ein Fan des Slow Food: Gasthofbesitzer Lutz Peschel verstaut frisch gepressten Sonntagssaft in seinem Kleinbus. Um genügend Rohstoff zu haben, hat er über fünfzig alte Obstsorten neu gepflanzt. © Daniel Schäfer

Wie viele Behälter mit Äpfeln passen in einen Opel Corsa? Mehr als man denkt. Immer neue Beutel, Säcke und Eimer holt Marita Roßberg aus ihrem Kleinwagen hervor, aus dem Kofferraum, vom Beifahrersitz, von der Rückbank. Eine gute Ernte hat sie in ihrem Schrebergarten eingefahren. "Ich kann das nicht alles essen." Aber trinken. Deshalb ist sie hier, auf dem Hof der Firma Sonntagssaft in Possendorf, und schüttet ihre Ware in graue Kunststoffkörbe. Etwa hundert Kilo Obst werden es wohl sein. Daraus könnten sechzig, siebzig Liter Saft werden. Sie freut sich schon aufs Abholen. Saft aus dem eigenen Garten, von den eigenen Äpfeln: "Das ist doch gut!"

Saft aus der Box hält bis zur neuen Ernte

Bei den Sonntags ist auch montags Betrieb, jedenfalls in der Obsterntezeit. Dominic Sonntag, 35, Gründer und Chef der Firma Sonntagssaft, steht inmitten des alten Gutshofs und spielt Verkehrspolizist. Kleine und große Autos, mit und ohne Anhänger, auch Pickups und Handwerkertransporter dirigiert er zu den freien Stellen an der Kistenwand, wo die Fracht entladen wird. Das Bewusstsein fürs Produkt aus dem eigenen Garten wächst spürbar, sagt Herr Sonntag. "Und dafür machen wir ein gutes Angebot", findet er.

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Ein Corsa voller Äpfel: Marita Roßberg aus Seifersdorf füllt die Ernte aus ihrem Kleingarten in die Kisten der Possendorfer Mosterei.
Ein Corsa voller Äpfel: Marita Roßberg aus Seifersdorf füllt die Ernte aus ihrem Kleingarten in die Kisten der Possendorfer Mosterei. © Daniel Schäfer

Das Angebot der Firma ist eine spezielle Variante der Lohnmosterei. Während es sonst üblich ist, für abgegebenes Obst Preisnachlässe auf bereits produzierte Säfte zu erhalten, kriegt man bei Sonntags genau den Saft zurück, der im eigenen Obst steckt. Er wird in Kunststoffschläuche mit Zapfhahn gefüllt, die wiederum von stabilen Pappkartons umhüllt sind. Dank Hitzekur bleibt der Saft haltbar, mindestens bis zur nächsten Ernte. 

Lust am Obst auf Kinder und Enkel übertragen

Im Superobstjahr 2018 hat Sonntagssaft etwa 150 Tonnen Obst verarbeitet und an die 100.000 Liter Saft gepresst. Der Kundenstamm wird immer größer, sagt Dominic Sonntag. Längst sind es nicht mehr nur Leute aus jener Generation, die es gewohnt ist, nichts wegzuwerfen. Mittlerweile kommen auch deren Kinder und Enkel. Gerade für Kinder ist es "eine super Sache", sagt der Chef, wenn sie den Baum übers Jahr beobachten, die Früchte reifen sehen und dann das Produkt kosten. "Das hat eine ganz andere Qualität, als einfach Saft zu kaufen."

Die Lust auf den eigenen Saft wächst, sagt Sonntagssaft-Chef Dominic Sonntag (35). Seit 2012 presst er auf dem Familien-Anwesen das Obst der anderen aus.
Die Lust auf den eigenen Saft wächst, sagt Sonntagssaft-Chef Dominic Sonntag (35). Seit 2012 presst er auf dem Familien-Anwesen das Obst der anderen aus. © Daniel Schäfer

Nachdem er 2018 einige Leute hatte wegschicken müssen, weil der Andrang gar zu groß war, hat Dominic Sonntag nun aufgerüstet. Er hat sich eine effizientere Presse besorgt und den Kundenstrom neu geregelt. Jetzt kann man online Wunschtermine zur Abgabe buchen. Idealerweise rollen die Lieferungen nun im Zehn-Minuten-Takt an. Das entlastet seine Mitarbeiter, sagt Sonntag, und erspart der Kundschaft das Schlangestehen. Der Plan scheint aufzugehen. "Die Leute nehmen das dankbar an."

Apfelernte mit dem Schneeschieber

Wenigstens vierzig Kilo Obst muss man mitbringen, um bei Sonntags bedient zu werden. Im Schnitt liefern die Leute um die 120 Kilo Früchte ab. Da fällt der Kreischaer Frank Koenitz schon ein wenig aus dem Rahmen. Letztes Jahr hat er 450 Kilo in mehreren Schüben pressen lassen. Seine heutige Fuhre schätzt er auf 170 Kilo, "taufrisch vom Baum". Familie und Nachbarn haben tags zuvor einen Ernte-Einsatz hingelegt. Entlohnt wird die Arbeit mit Naturalien, sagt er, also mit Saft.

Hundert Prozent Bio: Frank Koenitz (r.) aus Kreischa wuchtet mit Schwiegersohn Tino die Früchte seiner Streuobstwiese aus dem Anhänger.
Hundert Prozent Bio: Frank Koenitz (r.) aus Kreischa wuchtet mit Schwiegersohn Tino die Früchte seiner Streuobstwiese aus dem Anhänger. © Daniel Schäfer

Frank Koenitz besitzt eine alte Streuobstwiese mit aktuell noch 45 Bäumen. Er weiß nicht alle Sorten. Aber eins weiß er: "Da ist keine Chemie dabei." Nur Arbeit ist dabei, das Verschneiden und das Grasmähen und jetzt das Aufsammeln, wozu sich ein großer  Schneeschieber am besten eignet, wie er schwört. Nein, er möchte keinen verbilligten Bananensaft haben, sondern den Saft seiner eigenen, mühsam eingebrachten Ernte. "Das ist mir viel mehr wert."

Vitaminspritze für die Geschäftspartner

Es dauert eine Weile, bis der Anhänger von Frank Koenitz in 15 Kisten umgeladen ist. Dominic Sonntag scannt den Barcode an jeder Kiste mit seinem Handy ein. Im Kontor wird daraus der Auftrag erzeugt. Eine Charge reiner Apfel, eine Charge Apfel-Birne. In wenigen Tagen wird Kunde Koenitz automatisch eine Nachricht erhalten, dass seine Ware abholbereit ist. Die Saftpakete werden nicht nur in der Familie kursieren, sondern als Werbegeschenke für Geschäftspartner seiner Firma in ganz Deutschland. "Eine Vitamin-Spritze für die weitere Zusammenarbeit", sagt er feixend.

Lisa Schulz befüllt die neu angeschaffte Bandpresse in der ehemaligen Scheune. Die Maschine wäscht, mahlt und entsaftet die Früchte in einem Arbeitsgang.
Lisa Schulz befüllt die neu angeschaffte Bandpresse in der ehemaligen Scheune. Die Maschine wäscht, mahlt und entsaftet die Früchte in einem Arbeitsgang. © Daniel Schäfer

Die Kunden des Sonntag-Hofes kommen, mangels ähnlicher Angebote, teils von weit her, sogar vom Erzgebirgskamm. In der Regel aber wohnen sie in einem 25-Kilometer-Radius um Possendorf herum. So auch Ursula, die in Hänichen zu Hause ist und jetzt Apfelkisten aus ihrem Kleinlieferwagen wuchtet. Laut Aufschrift stammen die Behälter noch vom VEB Kombinat Obst, Gemüse und Speisekartoffeln. Stabil sind sie noch immer. "Die hüte ich", sagt Ursula.

Schöner von Herrnhut trifft Flaschenbirne

Enthalten sind Äpfel der Sorten Schöner von Herrnhut, Carola und Gelber Köstlicher sowie - es grenzt an ein Wunder - vier Kilo Flaschenbirnen. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hat der Baum wieder getragen. Auch Ursula wird die Chargen mischen und den Saft in Drei-Liter-Boxen füllen lassen, das Stück zu 4,60 Euro. Mag sein, dass es etwas teurer ist als im Supermarkt. Aber im Supermarkt kauft Ursula schon lange keinen Saft mehr ein. "Hier weiß man, was man hat."

Siebband und Presswalzen lassen dem Saft keine andere Wahl, als aus dem Fruchtmus in den Auffangbehälter zu fließen.
Siebband und Presswalzen lassen dem Saft keine andere Wahl, als aus dem Fruchtmus in den Auffangbehälter zu fließen. © Daniel Schäfer

An der Türe vom Hofladen ist Lutz Peschel damit beschäftigt, frisch abgefüllte Saftpakete in seinen Kleinbus zu stapeln. Peschel ist einer der eher seltenen Gewerbekunden bei Sonntags. Er führt einen Gasthof, das Kleine Vorwerk im erzgebirgischen Sayda. Dort hat er sich der Slow-Food-Bewegung verschrieben, die für achtsame Esskultur eintritt. Da passt der Sonntagssaft, den er von seinen über fünfzig Obstbäumen gewinnt, perfekt hinein, findet er. "Gut, sauber, fair und regional - das ist unsere Philosophie."

Kommt der Apfel nicht von selbst, wird er abgeholt

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Ab 100 Kilogramm Obst kann sich jeder seinen eigenen Apfelsaft pressen. Aromatisch, haltbar, ohne Zusatzstoffe. Das Internet hilft, Wartezeiten zu verkürzen.

Inzwischen sinkt die Sonne über dem Sonntaghof. Lutz Peschel rennt schnell noch mit einem Bottich ins Presshaus, ausgequetschten Obstbrei einzusammeln. Mit dem Trester füttert er als Jäger das Wild an. Für Dominic Sonntag ist der Feierabend weit. Bis acht wird noch angeliefert. Und dann fährt er selber los, Obst bei Kunden aufzuladen. Ein neuer Service, den er sich ausgedacht hat: Wenn der Apfel nicht zu ihm kommt, dann holt er ihn sich eben.

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