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Warum "Frau Deuben" ihren Laden schließt

Das Bekleidungshaus an der Dresdner Straße in Freital macht Ende des Jahres zu. Chefin Stefanie Lohse blickt zurück, aber auch nach vorn.

Inhaberin Stefanie Lohse (links) und Mitarbeiterin Martina Höppner im Bekleidungshaus Deuben
Inhaberin Stefanie Lohse (links) und Mitarbeiterin Martina Höppner im Bekleidungshaus Deuben © Egbert Kamprath

Mit alter Schrift steht es groß über dem Laden an der Dresdner Straße: Bekleidungshaus Deuben. Darunter: Räumungsverkauf. Beim Türöffnen klingelt ein Glöckchen. Im Inneren: Anzugshosen, Krawatten, Hemden, Blusen, Röcke - umspielt von Radiomusik. Spiegel spiegeln sich zwischen den Kleiderständern. Spieglein, Spieglein, möchte man fragen, wer ist die Chefin hier im Laden?

Eine Verkäuferin kommt, ob sie helfen könne. Ja, wer ist denn die Chefin hier? Sie zeigt hinter sich. Dort steht Stefanie Lohse. Schick gekleidet, freundlich lächelnd. Gerade berät sie eine ältere Dame.

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Stefanie Lohse, sie ist die "Übriggebliebene" von den drei Frauen, die einst zu dritt den Laden eröffnet hatten. Das war 1991. Ihre beiden Mitstreiterinnen sind schon längst in Rente. Chefin Stefanie Lohse, 75 Jahre alt, möchte das jetzt auch. "Irgendwann reicht es." Deshalb wird sie zum Ende des Jahres das Bekleidungshaus schließen. Was danach passiert, ist ungewiss.

Bekleidungshaus Freital Deuben schließt Ende Dezember 2020
Bekleidungshaus Freital Deuben schließt Ende Dezember 2020 © Egbert Kamprath

Die Freude am Anziehen

Eigentlich hat Stefanie Lohse in der DDR Finanzwirtschaft gelernt. Warum sie den Laden gegründet habe? Sie schaut nach links - zu ihrer Verkäuferin Martina Höppner. Sie ist ebenso von Anfang an dabei. "Wir wollten anderen eine Freude machen", sagt diese und Stefanie Lohse ergänzt: "Es war die Freude am Anziehen."

So gründeten sie an der Dresdner Straße 227 ein Bekleidungshaus für Damen und Herren. Das hätten viele anfangs komisch gefunden. "Vorher war hier nur Herrenmode drin. Smoking und Anzug. Wir wollten aber die ganze Familie einkleiden." Gedauert habe es nicht lange, bis sich das Bekleidungshaus etablierte. Denn Stefanie Lohse erkennt das passende Kleidungsstück für jede Kundin und jeden Kunden auf den ersten Blick.

Mode für Mann und Frau

"Der hat eine 27. Die Männer probieren nicht mehr als drei Hosen an. Das muss passen, sonst haste schon verloren", weiß die 75-Jährige. Sie sieht es den Leuten an, was passt und was nicht. Und da müsse man auch mal ehrlich sein. "Ich will ja, das mich die Leute auf der Straße lächelnd grüßen und ich nicht weggucken muss."

Ehrlich und offen sein. Das habe sich Stefanie Lohse fest vorgenommen, als sie das Bekleidungshaus Deuben eröffnet hat. Genau deshalb konnte sie den Kundenstamm aufbauen. Wenn Sie durch Freital geht, dann erkennt sie viele wieder. Da weiß sie mit einem Lächeln im Gesicht: "Dem hab ich zur Jugendweihe den Anzug ausgesucht. Und später zur Hochzeit nochmal." Ein tolles Gefühl.

Ob Familienfeier, Weihnachtsessen oder Vorstellungsgespräch. Es ist ein Bekleidungshaus für jeden größeren und kleineren Anlass. "Für den Gestandenen", wie Stefanie Lohse ihre Kundschaft nennt. Ihre Kunden kennt sie und schätzt sie. Viele würden schon jahrelang zu ihr kommen.

Hochwasser, Online-Handel, Corona

Doch auch Stefanie Lohse, die Verkäuferin, Chefin, Verwandlerin, Beraterin hat mit dem Laden schon vieles durch. Hochwasser. Online-Handel. Corona. Sie weiß viel zu erzählen. Und auch die Wünsche der Großmütter hätten sich verändert. "Die Oma von heute ist nicht mehr die Oma von früher." Klar. Die trage nicht mehr so viel schwarz und braun.

Das Angebot hat Stefanie Lohse immer darauf abgestimmt. Jahrelang hat sie die passenden Hersteller zusammengesammelt. Sie hat gesucht und gefunden - vieles auf Messen. Besonders schwierig war es anfangs, passende Hosen für die älteren Damen zu bekommen. Das sei gar nicht so einfach gewesen. Doch dann kamen die "Wilma" und die "Erna". So hießen die Damenhosen von Gerke. Und sie heißen noch immer so. "Die passt einfach immer. Egal wie dick oder dünn. Da kamen die Leute schon die Tür hinein und fragten: Ist die Erna da?"

Doch eines weiß Stefanie Lohse, die auch schon mal liebevoll "Frau Deuben" genannt wird: Ihrem Stadtteil kann sie die Mode nicht vorschreiben. "Du musst dich den Leuten anpassen, nicht andersrum."

Die Kunden bleiben aus - jetzt gibt es Rabatt auf alles

Die Chefin selbst ist stolz und zufrieden. Die Arbeit habe ihr immer Freude bereitet. Und jetzt möchte sie ihren Kunden ein Geschenk zurückgeben. Denn durch die Ladenschließung müsse alles raus. "Es gibt Rabatt auf jedes Kleidungsstück."

Doch trotz der gesenkten Preise bleiben die Kunden aus. Nicht etwa, weil ihnen das Sortiment missfalle, sondern vielmehr, weil sich die ältere Generation wegen der Pandemie nicht nach draußen traue.

Die Chefin des Ladens ist darüber enttäuscht. "Schreiben Sie das: Die Leute können trotzdem zu mir kommen." Denn die Kleidung ist nur noch bis Ende des Jahres verfügbar. Danach wisse sie noch nicht was komme, weder persönlich noch geschäftlich. "Ich nehme mir nichts vor für die Rente. Das geht nur schief", sagt sie.

Und was den Laden angehe, bleibe der erstmal geschlossen. Es habe sich niemand gemeldet, der das Bekleidungshaus von Stefanie Lohse übernehmen oder neu gestalten wolle. Doch die Chefin wartet. Der Laden befindet sich in ihrem Eigentum. "Und das bleibt auch erstmal so."

Derweil klingelt das Eingangsglöckchen. Eine Kundin kommt ins Geschäft. Sie will eine Bluse. Stefanie Lohse geht zielstrebig zum nächsten Ständer. Sie weiß einfach genau, was gefällt und auch passt.

Das Bekleidungshaus Deuben befindet sich in der Dresdner Straße 227. Es schließt zum Jahresende. Das Geschäft hat von Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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