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Freital: Rettungsaktion für 700 Jahre alte Grabplatten

Freitals mittelalterliches Erbe ist überschaubar, aber ein Hingucker. Dafür haben Brigitte und Eberhard Kammer gesorgt. Eine Aufgabe bleibt noch.

Nur alte Steine? Eberhard und Brigitte Kammer haben Freitals Mittelalter gerettet.
Nur alte Steine? Eberhard und Brigitte Kammer haben Freitals Mittelalter gerettet. © Karl-Ludwig Oberthür

Der Mann in der Rüstung ist kräftig, an seiner linken Seite trägt er ein Schwert, der Helm liegt zwischen seinen Füßen. Ein Ritter, gut 500 Jahre alt, blickt dem Betrachter entgegen. "Ich bewundere diese Handwerkskunst. Das ist beeindruckend", schwärmt Eberhard Kammer und fährt mit dem Finger ganz vorsichtig die feinen Gravuren nach.

Es ist nämlich kein Gemälde, sondern ein Sandstein, in den das Abbild des Hans von Grensingk einst gehauen wurde, der Ritter starb 1580. Seine Grabplatte gehört zu den ältesten Denkmalen Freitals.

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Eines der wenigen mittelalterlichen Zeugnisse aus dem Weißeritztal sind die Grabplatten hinter der Döhlener Kirche.
Eines der wenigen mittelalterlichen Zeugnisse aus dem Weißeritztal sind die Grabplatten hinter der Döhlener Kirche. © Karl-Ludwig Oberthür

Insgesamt gibt es 19 dieser Grabplatten. Sie stammen aus der Döhlener Kirche und gehören zu den wenigen Sachzeugnissen aus dem Mittelalter. Die Grabplatten waren schon fast vergessen. Eberhard Kammer und seine Ehefrau Brigitte haben sie in die Gegenwart zurückgeholt. Dank ihrer Rettungsaktion strahlen die alten Steine, wie seit Langem nicht mehr.

Halle als öffentliche Toilette missbraucht

Noch 2010 waren die Grabplatten, die in einer offenen Halle hinter der Döhlener Kirche lagern, in einem bedauernswerten Zustand. Durch einen Artikel in der Sächsischen Zeitung waren die Kammers damals auf die Anlage aufmerksam geworden. "Ich bin zwar ehrenamtlicher Denkmalschützer und Ortschronist in Pesterwitz, aber die Platten waren mir unbekannt", gesteht Eberhard Kammer.

Das Ehepaar machte sich damals auf den Weg zur Döhlener Kirche. Was die beiden entdeckten, schockierte sie zunächst: "Alles war schmuddelig und verdreckt. Manche hatten die Halle als öffentliche Toilette benutzt", erinnert sich Brigitte Kammer. Der Putz bröckelte von den Wänden, durch das Hallendach tropfte der Regen, überall lag altes Laub herum.

Die Kammers schlugen Alarm bei der Kirchgemeinde und wandten sich an die Stadtverwaltung. Eine gründliche Putzaktion war der erste Schritt für ein finanziell gewaltiges Projekt: die Sanierung der Denkmalhalle.

Ältester Grabstein vermutlich von 1356

Dem Heimatforscher Kammer gelang es, Baubürgermeister Jörg-Peter Schautz zu überzeugen. Im Zuge der Neugestaltung des alten Döhlener Ortskerns konnte die Stadt Fördermittel für die benachbarte Denkmalhalle bekommen. So wurden 2012/2013 zunächst Dach, Wände und Fußboden erneuert.

Doch auch die Epitaphe, so die wissenschaftliche Bezeichnung für die Platten, waren in keinem guten Zustand. Viele Jahrhunderte hatten sie die Gräber von bedeutenden Gemeindemitgliedern im Kircheninneren geziert. Der älteste Grabstein stammt vermutlich von 1356 - so genau kann man die Zahl nicht lesen. Auf ihm prangt ein schlichtes Kreuz, die umlaufende Schrift in gotischen Majuskeln - also Großbuchstaben - berichtet von einer Barbara Küchenmeister.

Prominenter waren andere in der Döhlener Kirche Bestattete. So starb 1603 Christoff von Zeutzsch, zehn Jahre später eine Anna Maria von Zeutzsch. Die Zeutzschs waren frühe Vorfahren der späteren russischen Zarin Katharina die Große.

Des Weiteren wurden Grabplatten für mehrere Grensingks und Thelers angefertigt. Der jüngste Stein stammt von 1752, als ein gewisser C. E. von Polenz beigesetzt wurde.

Die Denkmalhalle wurde 1899 gebaut. 2012/13 erfolgte eine umfangreiche Sanierung des Gebäudes, in dem 19 wertvolle Grabplatten wie in einer Galerie ausgestellt sind.
Die Denkmalhalle wurde 1899 gebaut. 2012/13 erfolgte eine umfangreiche Sanierung des Gebäudes, in dem 19 wertvolle Grabplatten wie in einer Galerie ausgestellt sind. © Karl-Ludwig Oberthür

Grabplatten nach Abriss der Kirche ausgelagert

1880 wurde die Döhlener Kirche abgerissen und durch einen größeren Bau ersetzt. Die Grabplatten wurden dabei einfach an die Friedhofsmauer gelehnt, wo sie nicht nur der Witterung, sondern auch der damals schlechten Luft im Weißeritztal ausgesetzt waren.

Der Rittergutsbesitzer Freiherr Dathe von Burgk ergriff schließlich die Initiative und spendete Geld für eine Rettungsaktion. Es wurde eine offene Halle errichtet, um die Platten wie in einer Galerie auszustellen. Sogar der russische Zar Nikolaus II. spendete dafür einen Geldbetrag - wegen der verwandtschaftlichen Beziehung zu den Zeutzschs. 1899 wurde die Denkmalhalle der Öffentlichkeit übergeben.

Eberhard und Brigitte Kammer sind nun sozusagen in die Fußstapfen des Burgker Freiherrn getreten. Denn es galt 2012, nicht nur die Halle zu retten, sondern auch die Steinplatten. Über die Patina konnte man noch hinwegsehen, doch nicht über die zahlreichen Schäden an den historischen Steinen.

Neue Spendenaktion für Wandbemalung

Die Kammers gingen auf Betteltour, wie sie selbst sagen. "Wir baten in Unternehmen, im Rathaus, bei der Kirchgemeinde um Geld." Es wurde ein lange währendes Unterfangen. Fördermittelanträge mussten ausgefüllt werden. Am Ende kamen die notwendigen 40.000 Euro für eine Sanierung der Grabplatten zusammen.

Diplomrestaurator Michael Eilenberger aus dem erzgebirgischen Holzhau nahm sich des Auftrags an. Er reinigte die Platten, machte die Inschriften besser sichtbar, sicherte und festigte deren Oberflächen und ergänzte abgebrochene Bereiche, soweit möglich. Gut drei Jahre zogen sich die Arbeiten hin, nun sind sie beendet. Wie neu sehen die Epitaphe nicht aus, das war auch nicht das Ziel. Kammer: "Es ging darum, den Bestand zu sichern und vor einem weiteren Verfall zu bewahren."

Die Grabplatten der Familie Zeutzsch bilden den Mittelpunkt der Denkmalhalle. Die Zeutzschs gehören zur Ahnenreihe der Zarin Katharina II. von Russland.
Die Grabplatten der Familie Zeutzsch bilden den Mittelpunkt der Denkmalhalle. Die Zeutzschs gehören zur Ahnenreihe der Zarin Katharina II. von Russland. © Karl-Ludwig Oberthür

Brigitte und Eberhard Kammer lassen die Blicke über die Steine gleiten. "Wir sind sehr stolz darauf, es soweit geschafft zu haben", sagen sie. Doch eine Aufgabe bleibt noch - und sie ist finanziell betrachtet ebenso gewaltig. Die Denkmalhalle hatte zur Eröffnung 1899 eine Wandmalerei bekommen. Teile davon sind noch zu erahnen.

Nach den Stein-Experten sollen nun Maler kommen und die Reste des farbigen Schmucks retten. Die Kirchgemeinde hat einen Spezialisten damit beauftragt. Erste Arbeitsstunden wurden schon geleistet und alte Inschriften wieder sichtbar gemacht. Nach und nach sollen die Wappen, Sprüche, Zweige wieder hervorgeholt werden. Kostenpunkt: etwa 36.000 Euro. "Wir sammeln dafür weiter", kündigt Eberhard Kammer an.

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Für weitere Arbeiten an der Denkmalhalle werden noch Spenden gesammelt. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann einen Betrag auf folgendes Konto einzahlen:

  • Kassenverwaltung Pirna - KD-Bank LKG Sachsen, IBAN DE11 3506 0190 1617 2090 27, Verwendungszweck RT 0852 Denkmalhalle Döhlen

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