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Bergbauverein macht Licht in Freitals Unterwelt

Im Poisental mündet der alte Wasserstollen des Segen-Gottes-Schachtes. Zum Tag des offenen Denkmals ist er wieder geöffnet.

Wieland Büttner zündet am Sonntag die Freiberger Blende an und fährt gemeinsam mit Besuchern in die Rösche Poisental ein.
Wieland Büttner zündet am Sonntag die Freiberger Blende an und fährt gemeinsam mit Besuchern in die Rösche Poisental ein. © Egbert Kamprath

Der Schein einer Taschenlampe huscht übers grob bearbeitete Gestein. Rot, grau und hell schimmert es. Dazwischen sind etwa kieselsteingroße dunkle Brocken auszumachen. "Lavabomben. Sie wurden von den Vulkanen zwischen Kreischa und dem Tharandter Wald ausgeworfen", erklärt Wieland Büttner.

Büttner ist der Vorsitzende des Bergbau- und Hüttenvereins Freital und steht tief unter dem Windberg. Hier befindet sich eine der letzten begehbaren Grubenbaue aus Freitals Steinkohlezeit - die Rösche im Poisental. Zum Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag, der in diesem Jahr übrigens mit dem Mühlentag zusammenfällt, wird sie wieder für Besucher geöffnet sein.

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Für Wieland Büttner und seine gut ein Dutzend Mann zählenden Mitstreiter vom Verein ist es ein besonderer Tag. Sie stehen sonst eher selten im Licht der Öffentlichkeit. Aber sie nehmen seit 20 Jahren am Denkmaltag teil - ziemlich erfolgreich sogar. "2019 haben wir hier um die 300 Besucher durchgeschleust", berichtet Büttner stolz.

Handarbeit in 128 Meter Tiefe

Eine Rösche ist im Bergbau ein wasserführender Stollen, quasi ein unterirdischer Kanal. Der Bau im Poisental wurde von 1856 bis 1858 in den Berg getrieben, hauptsächlich mit Schlägel und Eisen. Möglicherweise kam auch Schießpulver zum Einsatz, um Teile des Bergmassivs wegzusprengen.

Die Strecke führte in relativ gerader Richtung auf einer Länge von knapp 320 Meter zum Segen-Gottes-Schacht, dessen oberirdische Anlagen sich nahe des Windbergs befanden, wo heute das Bergmannsdenkmal liegt.

Hier förderten die Bergleute bis ins Jahr 1916 Steinkohle. Die tiefsten Baue des Segen-Gottes-Schachtes lagen bei 490 Meter. Die Rösche traf allerdings schon in einer Tiefe von 128 Meter auf den Schacht.

Die Rösche führt 320 Meter in den Berg hinein, am Ende wird sie immer niedriger.
Die Rösche führt 320 Meter in den Berg hinein, am Ende wird sie immer niedriger. © Egbert Kamprath

Wasser mündet in den Poisenbach

Wieland Büttner geht voran. Um besser laufen zu können, - die Bergleute nennen es fahren - hat der Verein die Sohle, als den Fußboden des Stollens, mit Gitterroste ausgestattet. Darunter gluckst Wasser. Weiter hinten, irgendwo im Stockdunklen, plätschert es wie bei einem kleinen Wasserfall.

Es ist größtenteils Niederschlagswasser, welches sich über dem Windberg abregnet und durch Spalten und Klüfte in die Rösche sickert. Um in der Grube unter dem Windberg überhaupt arbeiten zu können, musste das Wasser raus aus dem Bergwerk. Dafür wurde es mittels Pumpanlagen bis auf das Niveau der Rösche gehoben und von dort per Freispiegelgefälle ins Poisental geleitet.

Noch heute ist die Ableitung in Betrieb. Wieland Büttner schätzt, das wohl locker hundert Liter Wasser täglich von der Rösche in Rohre münden, die Straße unterqueren und in den Poisenbach fließen.

Zugang mit Unrat und Müll verfüllt

Büttner führt weiter in den Berg hinein. 30 Meter sind so ausgebaut, dass man mit festen Schuhwerk gut gehen kann. Dann versperren dicke Eisenstäbe den Stollen. Endstation. Doch der Gang geht viel weiter. Büttner leuchtet hinein. Man sieht Gestein und Wasser.

"Nur mit Gummistiefeln kommt man da nicht weit", sagt Büttner und erzählt, dass der eine oder andere Bergbaufan früher auf schmalen Booten oder selbstgebauten Flößen den Gang erkundet habe. Am Ende, wo die Rösche immer niedriger wird, trifft man auf eine gemauerte Wand: Sie trennt den ehemaligen Schacht, der inzwischen verfüllt ist, von der Rösche.

Die Erkundungen auf eigene Faust geschahen illegal. Ohnehin war von der Rösche bis 2001 nicht mehr viel auszumachen. Der Zugang war mit Hausmüll und Unrat verfüllt, darauf war dann noch das Laub vieler Sommer gefallen und verrottet. Lediglich ein Gitter im Boden wies noch auf eine Einstiegsmöglichkeit hin.

Die Gesellschaft für Arbeit und Beschäftigung (Gabs) baggerte den Zugang schließlich frei. Das Tor des Mundlochs wurde instandgesetzt, das Mauerwerk neu errichtet.

Am 9. September 2001 - zum damaligen Denkmaltag - wurde die Anlage der Öffentlichkeit übergeben.

Der Zugang am Mundloch war vor 2001 mit Unrat verfüllt. Der Schlussstein im Gewölbe trägt unter anderem die Zahl 1858.
Der Zugang am Mundloch war vor 2001 mit Unrat verfüllt. Der Schlussstein im Gewölbe trägt unter anderem die Zahl 1858. © Egbert Kamprath

Kleine Lichtquelle wie vor 160 Jahren

Seitdem pflegt der Bergbau- und Hüttenverein die alte Rösche. Einige Mitglieder liebäugeln bereits damit, weitere Meter wieder zugänglich zu machen. Würde man mehr oder andere Dinge sehen? Eigentlich nicht, sagt Büttner. "Aber für die Besucher wäre es trotzdem interessanter, spektakulärer." Jeder Meter ein Stück Bergbaugeschichte.

Außerdem sind die Vereinsmitglieder gespannt, was sie noch so im Wasser finden. Alte Hölzer sind aufgetaucht, eines davon mit Eisen beschlagen. Die Hobbybergmänner vom Verein vermuten, dass es sich um das Teil einer Mechanik handelte.

Damit sich die Besucher des Denkmaltages vorstellen können, wie es in der Rösche zur Zeit ihrer Auffahrung vor rund 160 Jahren gewesen sein muss, wird bei den Führungen auch für einige Sekunden das Licht ausgeschaltet, sodass das grob bearbeitete Gestein in Finsternis versinkt. Eine Freiberger Blende, also eine Öllampe, ist dann die einzige Lichtquelle. Das, so Bütter, passe auch ganz gut zum Motto des Denkmaltages 2021: Sein und Schein.

Diese Denkmale und Mühlen sind geöffnet (Auswahl):

  • Rösche im Poisental neben Haus Nr. 153 von 10 bis 17 Uhr: regelmäßige Führungen, Info- und Literaturstand, Ausstellung historische Werkzeuge und Geleuchte, Präsentation Scherenschnittkunst, Umgang mit Schlägel und Eisen für Kinder, Imbiss vom Dorfcafé Pesterwitz
  • Rittergut Limbach von 12 bis 18 Uhr: 1334 urkundlich erwähnt, ehemalige Wasserburg, vierseitige Hofanlage, Umbauten 16. Jahrhundert Wirtschaftsgebäude um 1840. Der Förderverein Freilichtmuseum stellt sich vor, Vorstellung der Pläne für das Herrenhaus, Heimatmuseum zeigt Bildtafeln der Familien von Schönberg, Bilder von Annerose Eberle und Tony Munzlinger in der Kulturscheune
  • Schloss Nöthnitz von 13 bis 17 Uhr: erstmals erwähnt 1370, seit 1524 Rittergut, Anfang des 17. Jahrhunderts als Renaissanceschloss aus- u. umgebaut, heute Gedenkstätte für Johann J. Winckelmann und Graf von Bünau sowie Museum und Veranstaltungsort, Besichtigungen ohne Führungen möglich
  • Dorfkirche Höckendorf von 10 bis 16 Uhr: Architektur- und Ausstattungszeugnisse der Romanik über Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus bis zum Jugendstil, Flügelalter um 1515 und Zeugnissen des Bergbaus und der Familie von Theler. 10 bis 11 Uhr Familiengottesdienst, ab 13 Uhr Führungen nach Bedarf
  • Dorfkirche Ruppendorf von 13 bis 17 Uhr: Schlichte Saalkirche (1674) mit achteckigem Dachreiter und einem spätromanischen Eingangsportal, im Innern mit Sakramentsnische, einem geschnitzten Flügelaltar (um 1520) und einem Taufstein (1529) aus dem gotischen Vorgängerbau. Führungen nach Bedarf
  • Burgruine Tharandt von 10 bis 15 Uhr: Burganlage der Markgrafen von Meißen 13. bis 15. Jahrhundert, seit Mitte des 16. Jahrhunderts Ruine, Ev.-luth. Bergkirche auf der ehemaligen Unterburg aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Öffnung des sonst nicht öffentlich zugängigen Kellergewölbes unter dem Wohnbau der Oberburg. Zugang vom Burgplateau aus, Erklärungen zur Geschichte der Anlage
  • Arno-Lippmann-Schacht Altenberg: das bedeutendste Zeugnis der letzten Altenberger Bergbauperiode mit Förderturm, Sozialgebäude und die reaktivierte Fördermaschine, von 1963 bis 1991 in Betrieb, Führungen 9.30 Uhr
  • Dorfkirche Seifersdorf 14 bis 16 Uhr: errichtet im 15. Jh. errichtet, barocker Innenausbau mit zwei Emporen, einer Kanzel sowie Holzdecke, Altar von 1518.
  • Schloss Naundorf: Renaissancebau von 1608, Sandsteinportal mit den Initialen von Wilhelm von Schönberg und Jahresangabe, wurde Ende des 19. Jhs. im Stil der Neurenaissance überformt und repräsentativ erneuert. 12.30 Uhr Führungen mit dem Eigentümer
  • Denkmalhalle Freital an der Lutherkirche Döhlen 15 bis 21 Uhr: 1899 nach Plänen des Architekten und Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt im russischen Holzbaustil erbaut, birgt sie die ältesten Grabsteine Freitals ab 1356. 15 und 16 Uhr Führungen, 17 Uhr Konzert mit dem Chor Slavica, 19 Uhr Literaturtheater Dresden mit einem Katharina-Programm, 20 Uhr Ausklang mit Illumination und Musik
  • Reichstädter Windmühle: kleinste und höchstgelegene Windmühle Deutschlands, 1850 erbaut, Mühlenführungen von 10 bis 16 Uhr
  • Illingmühle Reichenau: Schneidemühle mit Wasserradantrieb, komplette funktionierende Ausstattung aus den Jahren 1908 bis 1937, 24 PS Schwerölmotor, 8KW E-Motor, Führungen, Schausägen, Gastronomie
  • Herklotzmühle in Seyde 10 bis 17 Uhr: Schneidemühle mit Wasserrad und Transmission im Tal der Wilden Weißeritz, alte Technik komplett erhalten, außerdem komplett erhaltene Stellmacherei-Technik mit Transmissionsantrieb etwa 110 Jahre alt sowie Bandsäge/Hobelmaschine/Abrichte Baujahr 1900. Führungen sowie Gastronomie und Musik

Quelle: Deutsche Stiftung Denkmalschutz

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