merken
PLUS Freital

Die Detektivin des Stuhlbaumuseums

Die Bannewitzerin Ingrid Fuchs löst in Rabenau manches Rätsel. Und weiß dann mehr als das Internet.

Dr. Ingrid Fuchs im neuen Schaudepot des Deutschen Stuhlbaumuseums in Rabenau.
Dr. Ingrid Fuchs im neuen Schaudepot des Deutschen Stuhlbaumuseums in Rabenau. © Thomas Morgenroth

Es gibt Dinge auf der Welt, die kennt selbst das Internet nicht. Eines dieser Dinge ist der Exler, und der steht im Stuhlbaumuseum in Rabenau. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die nicht, wie der Name vermuten ließe, das Ausfüllen von Exceltabellen vereinfacht, sondern beim Stuhlbau Anwendung findet. Ab diesen Sonntag ist der Exler, den Google gern mit Häcksler übersetzt, was aber etwas ganz anderes ist, im neuen Schaudepot in der ehemaligen Remise zu besichtigen. Zuletzt war diese vollkommen zugerümpelt.

Zusammen mit weiteren Maschinen, wie einer 100 Jahre alten Bandsäge, einer Polsterpresse, einer Bohrmaschine mit Sitz oder einem Trommelschleifer wird der Exler endlich ins rechte Licht gerückt. Um die 2.000 Euro hat das Museum dafür ausgegeben, zu großen Teilen aus dem Leader-Programm unterstützt. Daniela Simon, die Chefin, freut sich über den neuen Ausstellungsraum, dessen erstaunliche Genese sie mittels Fotos, die ein Beamer an die Leinwand wirft, Revue passieren lässt.

Küchen-Profi-Center Hülsbusch
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!

Schon Goethe wusste: Essen soll zuerst das Auge erfassen und dann den Magen. Das gelingt besonders gut in einer schicken neuen Küche. Jetzt zum Küchen-Profi-Center Hülsbusch und sich beraten lassen.

„Der Keller war so vollgestopft und duster, dass ich manche Maschinen, die wir hier aufbewahrt hatten, beim Aufräumen zum ersten Mal gesehen habe“, sagt sie. Und das nach vierzehn Jahren im Dienst des Stuhlbaumuseums. Den Exler kannte sie, ohne freilich zu wissen, welchem Zweck das Wunderwerk mit den vielen Hebeln eigentlich dient. Der stählerne Unbekannte stand also geduldig erst im Staub, dann gereinigt unter hellen Lampen und harrte der Lüftung seiner Geheimnisse.

Auszeichnung fürs Ehrenamt

Die Detektivarbeit übernahm die Bannewitzerin Ingrid Fuchs. Die promovierte Regelungstechnikerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums im Ehrenamt. Selbst sie habe nie zuvor von einem Exler gehört, sagt die 73-Jährige. Dabei hatte Ingrid Fuchs die meiste Zeit ihres Berufslebens im Institut für Holztechnologie Dresden mit Maschinen zu tun, die der Herstellung von Möbeln dienen. Aber ein Exler ist ihr in 37 Jahren nicht untergekommen.

Nach langen Recherchen fand sie eine einzige Erwähnung einer „Universalmaschine mit Exler-Funktion“ in einem Katalog des VEB Maschinenhandel der DDR. Schließlich machte Ingrid Fuchs den Hersteller ausfindig, die im Jahre 1900 gegründete Firma Leonhard Löschner in Neuhausen im Erzgebirge, die von Jürgen Löschner, der in diesem Jahr 75 geworden ist, in dritter Generation geführt wird. Er und sein Sohn Uwe kamen nach Rabenau und setzten die von Jürgens verstorbenen Bruder Paul Löschner gebaute „Zapfenschneidmaschine mit Exler“ wieder in Gang.

Ingrid Fuchs verfasste einen Text dazu, wie auch zu allen anderen der ausgestellten Maschinen. Generell, sagt sie, sei die Faktenlage dünn. „Die Maschinen kamen als Geschenk ins Museum, meistens nur gegen eine einfache Quittung, keiner schrieb etwas dazu auf.“ Es fehlt im Grunde eine Dokumentation, für die sich die Bannewitzerin nun weitere Hinweise von Besuchern des Schaudepots erhofft.

Parallel dazu forscht sie in allen möglichen Quellen, ganz klassisch nach wie vor in Archiven und Bibliotheken. „Solche speziellen Sachen findet man nicht im Internet“, sagt sie. Oder falsche Angaben, die immer wieder geteilt werden. Bestes Beispiel dafür ist die Geschichte der „Gelenka“-Stühle, die das Stuhlbaumuseum 2002 geschenkt bekam – mit dem Hinweis, dass es Designerstücke von Erich Dieckmann seien, also aus Zeiten des Weimarer Bauhauses stammten. Was nicht stimmt, wie Ingrid Fuchs nachweisen konnte.

Ingrid Fuchs suchte in Museen und im Patentamt, nahm Kontakt zu Vereinen und Möbelherstellern auf. Es wurde ihr Meisterstück, auf das sie sichtlich stolz ist, auch wenn noch Fragen offen bleiben. Klar ist jedenfalls, die „Gelenka“-Stühle wurden nicht von Dieckmann, sondern von Ernst Breitenborn entworfen und nicht in den Dreißiger- sondern in den Fünfzigerjahren gebaut. Die „Gelenka-Story“ veröffentlichte sie im Juni 2019 im „Holz-Zentralblatt“, einer Fachzeitschrift, in der dank Ingrid Fuchs in letzter Zeit das Deutsche Stuhlbaumuseum Rabenau öfter vorkommt.

„Sie ist ein Glücksfall für uns“, sagt Daniela Simon. „Die Ergebnisse ihrer Recherchen und ihre Publikationen bereichern unsere Museumsarbeit.“ Sie sei „wissensdurstig“ und „energiegeladen“, bereite nicht nur Ausstellungen und Veranstaltungen vor, „sie putzt, kassiert und bewirtet ebenso bereitwillig.“ Ein Engagement, für das ihr die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, Ende September die Auszeichnung „Ehrenamt im Museumswesen“ verlieh.

Ein Buch war der Auslöser

Ingrid Fuchs, die aus Leipzig-Connewitz stammt, ist 2013 über das Buch „Möbel für alle“ ins Stuhlbaumuseum gekommen. Für das Standardwerk zur Geschichte der sächsischen Möbelindustrie brachte sie ihr Wissen um die Holzbearbeitungsmaschinen ein. Zu jener Zeit war sie noch im Institut für Holztechnologie in Dresden tätig, und sie ist es als Rentnerin noch immer „ein bisschen“, wie sie schmunzelnd erzählt.

Rabenau kennt sie seit Ende der Siebzigerjahre, da war sie zum ersten Mal in der „Polstermöbelbude“, im Gestellbau in Oelsa. Sie kann sich noch gut an die alte Transmission erinnern, mit der ein Motor mehrere Maschinen gleichzeitig antreiben konnte. Oft ist sie nicht in Rabenau gewesen, ihre Partner in der Industrie waren vorwiegend Hersteller von Korpusmöbeln, also Schränken. So hatte sie es mehr mit den Sachsenküchen in Obercarsdorf, den Heidenauer Möbelwerken oder den Deutschen Werkstätten Hellerau zu tun.

Ihr Wissen und ihre Leidenschaft bringt sie jetzt in das Stuhlbaumuseum ein. „Weil es eine gute Truppe ist“, sagt sie. Außerdem würde ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fallen, sie war in ihrem Beruf sehr viel unterwegs. Mindestens einmal pro Woche ist Ingrid Fuchs, seit 2015 Mitglied des Vereins und seit 2017 im Vorstand, in Rabenau. Oft arbeitet sie auch zu Hause an den Projekten. Zu denen gehörte die Ausstellung „Furnier – das Beste vom Holz“ und die Erarbeitung eines museumspädagogischen Angebotes zum Holz als Werkstoff.

Aktuell widmet sie sich einem besonderen Aspekt der Stadtgeschichte. Bis 1900 hatte Rabenau keine Straßennamen und keine Hausnummern. Die Gebäude waren mit einer Brandkatasternummer versehen, die aber chronologisch nach Fertigstellung und nicht straßenweise vergeben wurde. Ingrid Fuchs versucht nun, die Adressen der damals 113 Häuser heutigen Adressen zuzuordnen. Sie recherchiert dafür etwa im Vermessungsamt und im Staatsarchiv.

Zunächst aber freut sie sich auf den Sonntag, wenn das Schaudepot der Öffentlichkeit übergeben wird, mit den Ergebnissen ihrer Recherchen. Ingrid Fuchs weiß jetzt, was ein Exler ist und wie er funktioniert. Wer es auch wissen möchte, sollte sich das von ihr an Ort und Stelle in Rabenau erklären lassen. Das Internet jedenfalls kennt den Exler bis heute nicht.

Tag des traditionellen Handwerks mit Eröffnung des Schaudepots im Stuhlbaumuseum Rabenau, 18. Oktober, 10 bis 17 Uhr, außerdem: „Werkstattmuseum“, Sonderausstellung von Architekturstudenten der TU Dresden.

Mehr zum Thema Freital