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Freital: Die Unermüdliche im Einnehmerhaus

Der Kunstverein in Freital zeigt eine ganz besondere Ausstellung. Mittendrin die Grande Dame des Vereins Barbara Hornich.

Barbara Hornich zeigt im Einnehmerhaus, was die Besucher der Ausstellung zur Ausstellungsgeschichte erwartet.
Barbara Hornich zeigt im Einnehmerhaus, was die Besucher der Ausstellung zur Ausstellungsgeschichte erwartet. © Egbert Kamprath

„Girls, Girls, Girls“ nannte der Künstler Hans Scheib seine Ausstellung. In schwarz-roten Buchstaben hatte er 2003 die drei Worte an die Fachwerkfassade des Einnehmerhauses an der Dresdner Straße 2 geschraubt. Nun wirbt der Kunstverein Freital mit diesem Foto für die neue Ausstellung „Rueckblende“, eine Ausstellung zur Ausstellung. Am Sonntag wird sie eröffnet und läuft bis zum 23. Oktober.

Wenn man der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen überhaupt etwas Gutes abgewinnen will, dann ist es vielleicht mehr Zeit. Statt ins Kino zu gehen, zu ihren Enkelkindern zu fahren oder sich einfach mit vielen Leuten zu treffen, nutzte sie Barbara Hornich um die neue Ausstellung zusammenzustellen.

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Neue Heimat für die Kunstzirkel

Seit Februar hat die 80-Jährige Akten gewälzt, Fotos und Dokumente eingescannt, alles in Ausstellungsrahmen platziert. Es ist auch ein Stück ihres Lebenswerkes. Vor 30 Jahren, im Mai 1990, gehörte sie zu den Gründern des Vereins. Die zahlreichen Kunstzirkel in den einstigen Betrieben brauchten nach der politischen Wende eine neue Heimat.

Der Verein schreibt sich übrigens offiziell „k.u.n.s.t.- verein Freital e.V.“ Das stehe für die Attribute: kreativ, unabhängig (Unikat), nützlich, sensibel und traditionell, erläutert Barbara Hornich. Ansprüchen, denen der Verein stets treugeblieben sei. Sie übernahm ab 1991 die Geschäftsführung, seit Februar 2002 ist sie Vorsitzende des Vereins — alles ehrenamtlich. Wichtig ist es ihr, auf ihre Mitstreiter zu verweisen, allen voran Wolfgang Petrovsky und Matthias Jackisch.

Die kleine Frau wirkt unermüdlich. Bis zu ihrer Rente 2004 hat sie als Lehrerin, zuletzt an einer Förderschule, gearbeitet. Zunächst war sie Grundschullehrerin, später studierte sie zusätzlich Kunsterziehung. 1964 erhielten sie und ihr Mann Hans-Dieter ihre Abschlüsse.

Bekanntschaft mit der Keramik machte die „Grande Dame“, wie sie die Sächsische Zeitung einmal nannte, 1974 als ihre Schule zum 100. Jubiläum Plaketten anfertigte. Zehn Jahre später konnte der Keramikzirkel einen großen Brennofen kaufen. Seither findet sie Freude am kreativen Gestalten von Gefäßen und gibt ihre Erfahrungen weiter.

So betreut sie ehrenamtlich seit 1995 im Verein zweimal in der Woche Keramikkurse. Die entsprechenden Räume befinden sich im Erdgeschoss des Einnehmerhauses. Zudem bietet der Kunstverein Kurse unter qualifizierter Anleitung in Textil- und Holzgestaltung, Malerei, Grafik und Fotografie an. Viele verbinden Barbara Hornich mit Keramikarbeiten, nur wenige kennen ihre Gemälde. Nur einmal wurden am Rande einer Ausstellung ihre abstrakten Werke gezeigt. 2005 ehrte Freital Barbara Hornich mit dem Kultur- und Kunstpreis der Stadt. In der Laudatio wurde sie als „Mutter Courage des Einnehmerhauses“ bezeichnet.

Vom Altbau zum Schmuckstück

„Als wir nach unserer Vereinsgründung auf der Suche nach einer Bleibe waren, wurde uns wir schließlich das Einnehmerhaus angeboten“, erzählt sie. In dem 1828 errichteten Gebäude kassierte einst der Einnehmer von den Fuhrleuten eine Gebühr für das Benutzen der Chaussee. Bis 1885 erhob der Staat diesen Zoll. Danach wurde das denkmalgeschützte Haus zum Wohnen genutzt. Zu Beginn der 1990er-Jahre war es, wie viele Altbauten, baufällig. So mussten die Vereinsmitglieder zunächst Schutt hinaustragen, sie klopften den alten Putz an der Fassade ab und legten das Fachwerk wieder frei. Ein Drittel aller Arbeiten leisteten sie selbst. Zudem gab es Fördermittel. „Das Haus sah wohl nie so schön aus als heute“, findet Barbara Hornich. Dabei musste 2002 noch einmal alles erneuert werden. Das Hochwasser stand am 13. August 1,49 Meter hoch im Erdgeschoss, eine Hausecke fehlte sogar. Jammern hilft nichts, der Verein packte an.

Bereits im Oktober 2002 konnte der Verein gemeinsam mit der Zille-Gesellschaft wieder zu einer Ausstellung über den Zeichner und Fotograf Heinrich Zille einladen. Dieser lebte 1865 bis 67 bei seinen Großeltern in Potschappel. Im Zuge der Ausstellung nannte die Stadt Freital am 6. Oktober 2002 die Osterbergstraße in Heinrich-Zille-Straße um.

Alle Ausstellungen waren etwas Besonderes

Vor 25 Jahren, genau am 23. März 1996, eröffnete der Verein seine erste Kunstausstellung im Einnehmerhaus. Mit ihr wurde der Maler Hermann Lange geehrt. „150 sind es bisher. 99 davon haben wir in der aktuellen Ausstellung berücksichtigt“, sagt Hornich. Für mehr habe der Platz nicht ausgereicht. Eine Lieblingsausstellung mag sie nicht benennen, sie seien ihr fast alle ans Herz gewachsen.

So lohnt sich der Bummel durch die Galerie. Erinnert wird unter anderen an Kupferstiche von Baldwin Zettl, an Zeichnungen von Armin Münch, an die Malerei auf Papier von Sándor Dóró, an die Nasenflöte von Claus Weidensdorfer, die Malerei von Jürgen Wenzel und die „schöne Angst“ von Holger John. Im Herbst des vergangenen Jahres zeigte der Kunstverein eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Gottfried Bammes und sein kunstanatomisches Wirken. Danach musste der Verein coronabedingt pausieren.

Die neue Ausstellung, in der an zahlreiche Künstler der Stadt erinnert wird, ist nun auch ein Beitrag zum 100. Jubiläum der Stadt Freital. Und was wünscht sich die Unermüdliche? „Gesund und aktiv bleiben, das sind die besten Rezepte gegen das Altern.“

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