merken
PLUS Freital

Kreischaer folgen Hilferuf nach Tokio

Dopingkontrolleure aus Sachsen sind bei Olympia dabei - und erleben ein Novum in doppelter Hinsicht.

Die Chemiker Sebastian Rzeppa und Astrid Knieß vom Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie aus Kreischa sind für die Reise nach Japan bestens gewappnet.
Die Chemiker Sebastian Rzeppa und Astrid Knieß vom Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie aus Kreischa sind für die Reise nach Japan bestens gewappnet. © Daniel Schäfer

Die Flugtickets mit dem Ziel Tokio sind gekauft. Übernächste Woche geht es los.

Astrid Knieß, Sebastian Rzeppa und Simone Reimann haben sich aber nicht für einen der Sportwettkämpfe bei den Olympischen Spielen qualifiziert. Die drei Spezialisten vom Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden (IDAS) aus Kreischa zieht eine ganz besondere Mission nach Japan.

Anzeige
Volljurist (m/w/d) gesucht
Volljurist (m/w/d) gesucht

Die Bundespolizeidirektion Pirna sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung für die Leitungsposition eines Sachbereiches.

Sachsen sind Teil des Kontrollteams

Mit Kollegen aus den weltweit 29 Dopinglaboren wollen Chemiker und Laborantin ihren Beitrag für saubere Wettkämpfe leisten. Seit Athen 2004 ist das so üblich und für Detlef Thieme, Chef des Kreischaer Labors, gängige Praxis. Er selbst war bei drei Olympischen Spielen im Einsatz, zuletzt in Rio. Dass alle drei Abgesandten perfekt englisch sprechen, versteht sich in einem internationalen Team von selbst.

Den Hilferuf vom Kontroll-Labor in Tokio nach gut ausgebildeten Fachleuten, um die Dopingtests absichern zu können, haben sie erhört. Schon im vergangenen Jahr ging das dortige Sportministerium an die Öffentlichkeit. Immerhin sind bei den Olympischen und Paralympischen Spielen Informationen zufolge an die 6.500 Proben zu untersuchen, so viel wie im Tokioer Labor sonst in einem Jahr.

Dazu kommt die Schnelligkeit: Haben die Kreischaer jetzt für die Analyse einer Probe bis zu 20 Tage Zeit, müssen bei Olympia Ergebnisse bereits nach 24 Stunden vorliegen. Eine Mammutaufgabe. Immerhin gibt es aktuell an die 350 verbotene Substanzen, die auf der Dopingliste stehen.

Von einer Urlaubsreise weit entfernt

Doch wegen der Pandemie sind wie bei den Sportlern auch bei den Dopingkontrolleuren Fachleute abgesprungen. Internationale Unterstützung ist aber gefragt, damit es nicht zu einem ähnlichen Desaster wie in Rio 2016 kommt, als ein unabhängiger Beobachterstab den Dopingkontrollen erhebliche Mängel attestierte.

Knowhow, technische Ausrüstung hätten danach gefehlt, und es seien weit weniger Tests als geplant durchgeführt worden. Ein Umstand, der die Experten aus Kreischa zusätzlich antreibt, wohl wissend, dass es keine Urlaubsreise wird. Finanziert übrigens wird dieser Einsatz wie die gesamte Arbeit des Labors neben Eigenmitteln durch Mittel des Bundesinnenministeriums.

Aus den Flaschen mit den Urinproben der Sportler werden einige Milliliter für die Analyse im Dopinglabor in Kreischa entnommen. Nötig für die gleichen Arbeitsschritte, die die Fachleute aus Kreischa auch bei den Olympischen Spielen erwarten.
Aus den Flaschen mit den Urinproben der Sportler werden einige Milliliter für die Analyse im Dopinglabor in Kreischa entnommen. Nötig für die gleichen Arbeitsschritte, die die Fachleute aus Kreischa auch bei den Olympischen Spielen erwarten. © Daniel Schäfer

Mit Corona ist alles neu

Wegen Corona nicht zu fahren, war für die Kreischaer nie eine Option. „Die Maßnahmen vor Ort sind so streng, dass wir keine Angst haben“, sagt Rzeppa, der zwar erst seit Februar in Kreischa arbeitet, aber schon Olympiaerfahrung hat.

In Rio allerdings war er noch für das Kontrolllabor aus Oslo am Start. Trotzdem ist vieles neu: „Allein an die 70 Seiten lang ist ein Papier mit Verhaltensregeln wegen Corona, die wir bis zur Ankunft in Tokio verinnerlichen müssen“, sagt der promovierte Chemiker. Dazu sind eine Reihe von Warn-Apps zu installieren.

Schon jetzt ist für Rzeppa aber klar: Der Besuch von ausgewählten Sportwettkämpfen, wie das früher üblich war, wird nicht möglich sein. „Bestenfalls an den letzten Tagen nach den zwei Wochen Quarantäne, in denen wir nur per Shuttle zwischen Labor und Hotel pendeln, ohne Außenkontakt und immer in gleich besetzten Schichten“, erklärt Astrid Knieß. Trotzdem ist es für die Kreischaer eine seltene Gelegenheit, sich mit Kollegen aus anderen Ländern auszutauschen. Konkurrenzdenken gebe es in der Branche nicht, so Knieß. Im Gegenteil.

Fachwissen aus dem Labor gefragt

„Nicht nur deshalb ist die Reise zum Arbeitsort auf Zeit für die Chemisch-Technische Assistentin Simone Reimann eine ganz besondere Premiere. Ihre in Japan gefragte Expertise ist dabei auch ein Novum für das Institut“, sagt Laborchef Detlef Thieme.

Denn genau für diesen Bereich hätten die japanischen Kollegen mangels an Fachkräften vor allem um Hilfe gebeten, erstmals in der etwa 40-jährigen Geschichte des Kreischaer Labors, das nach staatstragenden DDR-Zeiten 1992 neu gegründet wurde und ein An-Institut der TU Dresden ist. Das von der Welt Anti-Doping-Agentur (WADA) akkreditierte Kontrolllabor ist mit spezialisierten Chemikern bestens ausgestattet.

Mit EPO-Expertise gegen Dopingsünder

Reimann, die sich im Urlaub gerade noch für den anstrengenden Einsatz erholt, ist in Kreischa für die Analytik von Erythropoetin, besser als EPO bekannt, verantwortlich.

EPO ist seit 1987 als Arzneimittel auf dem Europäischen Markt. Der Umstand, dass damit eine höhere Anzahl von Erythrozyten bei gleichem Volumenstrom des Blutes erzeugt wird, so zu einem intensiveren Sauerstofftransport und dadurch zu besserer Ausdauerleistung führt, macht es als Dopingmittel interessant - und steht auf der Liste der verbotenen Medikamente.

Während Simone Reimann in Tokio unmittelbar im Labor arbeitet, wo die Urin- und Blutproben der Athleten entgegengenommen werden, sind die beiden Chemiker mit der Auswertung der Analysenergebnisse beschäftigt.

Diese helfen, Dopingsünder zu entlarven. Ist das Ergebnis nach speziellen Screeningverfahren nicht eindeutig, werden mögliche Auffälligkeiten mit verfeinerten Methoden erneut untersucht. Stellen sie dabei eine verbotene Substanz fest, entnehmen die Wissenschaftler einen weiteren Teil der Probe, um so das Corpus Delicti genau identifizieren zu können.

Sebastian Rzeppa und Astrid Knieß werten am Doping-Institut in Kreischa Ergebnisse von Urinproben nach Analysen mit dem Gas-Chronometer (im Hintergrund) aus.
Sebastian Rzeppa und Astrid Knieß werten am Doping-Institut in Kreischa Ergebnisse von Urinproben nach Analysen mit dem Gas-Chronometer (im Hintergrund) aus. © Daniel Schäfer

Genug Zeit zur intensiven Vorbereitung

Im Gepäck haben alle drei Fachleute ausreichend Erfahrung mit genau diesen auch für Tokio wichtigen Analysemethoden – und viel Praxis. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen hätte sie Corona nicht zurückgeworfen, sagt ihr Chef Thieme.

Zwar seien die zu untersuchenden Urinproben im vergangenen Jahr von etwa 15.000 auf 12.000 zurückgegangen, weil es weniger Training und Wettkämpfe gab ­- 90 Prozent davon übrigens Urin- und nur zehn Prozent Blutproben.

Dafür sind die Monate vor Olympia, die Zeit der intensiven Vorbereitung, besonders stressig für die Kontrolllabore. Die Mitarbeiter sind so aber bestens für Tokio gewappnet.

Proben kommen in die Kühlkammer

Auch die Arbeitsschritte sind die gleichen: Nach Abgabe von insgesamt 100 Milliliter A- und B-Urinproben, die im Labor ankommen und gut gekühlt verwahrt werden, entnehmen die Chemiker je nach Testzielen zwischen zehn und 30 Milliliter der A-Probe für die Analyse.

Der Rest wird in der Kühlkammer bei minus 20 Grad aufbewahrt, je nach den Wünschen des Auftraggebers zwischen einigen Monaten und zehn Jahren.

Die B-Probe darf nur vom Sportler selbst geöffnet werden, wenn er eine Überprüfung des Ergebnisses wünscht. „Aber nur etwa ein Prozent aller pro Jahr bei uns eingereichten Proben sind tatsächlich positiv, sagt Detlef Thieme.

Sünder bleiben für Kontrolleure anonym

Von wem die jeweilige Probe ist, wissen die Chemiker und Laboranten übrigens nicht. Die Flaschen kommen anonym, nur mit einer Nummer versehen. So wird es auch in Tokio sein.

Weiterführende Artikel

Anti-Doping-System noch haltbar?

Anti-Doping-System noch haltbar?

Für saubere Sportler eine Horrorvision: Schon nach leichtem Hautkontakt mit einem Kontrahenten werden sie zu Dopern. Eine ARD-Doku zeigt, wie das möglich ist.

Das heißt, ob gerade die Probe von Kanute Tom Liebscher, Leichtathletin Gina Lückenkemper, Tischtennisspieler Timo Boll oder einem der anderen etwa 11.000 internationalen Athleten inspiziert wird, das erfahren die drei Kontrolleure aus Kreischa nicht. Aber mit einem Auge werden sie bei den Wettkämpfen sein.

Denn wenn sie auch keine Spitzensportler sind, so finden sie doch beim Radfahren, Volleyball oder Joggen Ausgleich – alles auch olympische Disziplinen.

Mehr zum Thema Freital