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Ein Potschappler der großen Projekte

Reichsgraf Hagen war Gerichtsvorsteher, Landwirt, Industrieller und Bauherr in einer Person.

Blick von oberhalb Eisenhammer Richtung Döhlen. Das große Gebäude mit Fachwerk an der Straße im Tal beherbergt die Hagensche Glasfabrik.
Blick von oberhalb Eisenhammer Richtung Döhlen. Das große Gebäude mit Fachwerk an der Straße im Tal beherbergt die Hagensche Glasfabrik. © Zeichung: Archiv SZ

Es ist schon seltsam. Der Reichsgraf Hagen von Potschappel zählt unbestritten zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Weißeritztales. Doch weite Strecken seines Lebensweges liegen im Dunkeln. Wir wissen nicht, welcher Wind ihn 1784 ausgerechnet nach dem armseligen Potschappel treibt. Keine seiner Alltagsgewohnheiten ist überliefert, über Wesen und Aussehen kann man nur spekulieren.

Nirgendwo findet sich eine Abbildung. Selbst Heimatforscher Leßke kann der Nachwelt wenig mitteilen. Er hält sich, was das Private anbetrifft bedeckt, zitiert aber Leistungen des Grafen: „Potschappels Rittergutsbesitzer betrieb mit Sachkenntnis und Eifer den zum landwirtschaftlichen Anwesen gehörenden Steinkohlenbergbau und vermehrte damit nicht nur den persönlichen Besitz. Während seines Wirkens entstanden im Plauenschen Grund eine beträchtliche Anzahl gewerblicher Einrichtungen, die der ganzen Ortschaft zugutekamen.“ Die Vorfahren des Ernst Heinrich Freiherr von Hagen spielen zunächst in Sachsen keine Rolle. Im 16. Jahrhundert in Preußen ansässig, erlangen sie als gehobene Verwaltungsleute, Militärs und Landwirte Ansehen und Vermögen. Ernst Heinrich, der „Potschappler“, macht als Kursächsischer Geheim- und Appellationsrat Karriere. 20 Jahre lang erwählt der Graf das Rittergut im Vorfeld des Osterberges (viel später Bauhof) zu seinem Zuhause. Das Gut an der Weißeritz blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück. So sollen die Brüder Berthold und Dietrich von Potschappel wahrscheinlich im 16. Jahrhundert den Grundstein gelegt haben, Beweise fehlen allerdings. Vom Fiskus finanziert, wird ab 1578 auf Potschappler Flur der Abbau von Kohle betrieben.

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Kleinnaundorf, Klein-Burgk und Zschiedge vereinnahmt

Die Ausdehnung der vom Gut verwalteten Flächen muss erheblich gewesen sein. 1606 werden Kleinnaundorf und Klein-Burgk vom Rittergut vereinnahmt. 1764 kommt Zschiedge dazu. Viehwirtschaft steht an erster Stelle, vor allem die Haltung von Schafen. Herrschaften, die sich auf dem Rittergut am Osterberg ein bequemes Leben in Pomp und Luxus ausrechnen, müssen bald die Segel streichen. So auch die Erben des 1784 verstorbenen Magnus Heinrich von Lüttichau. Schon nach wenigen Monaten geben sie auf und verschleudern den Besitz einschließlich Bergbau und landwirtschaftlichem Grund und Boden für nur 48.000 Taler an Ernst Heinrich von Hagen. Keine 50 Jahre später muss man für das gesamte Objekt 235.000 Taler auf den Tisch legen.

Vitriol-Fabrik und Glas

Der Graf, zugleich Gerichtsherr, entpuppt sich als ein Mann mit Weitblick. Acht Jahre widmet er sich der Landwirtschaft und dem Bergbau zu. 1792 entschließt er sich in die Nähe des Geiersgrabens zum Bau einer Vitriol-Fabrik. Jährliche Produktion: 15.000 Zentner Vitriol. Das freilich nicht sehr umweltfreundliche Unternehmen existiert bis 1837. Unermüdlich nimmt sich von Hagen weiterer Vorhaben an. 1799 eröffnet er eine Ziegelbrennerei, 1801 inspiriert er in Nachbarschaft der Steiger-Gaststätte an der von Dresden nach Tharandt führenden Straße den Bau einer Glasfabrik. Ein Projekt, an dem der ehemalige preußische Bergbeamte Johann Ferdinand Stiller, seit 1793 als Faktor des Montanunternehmens in Hagens Diensten beträchtlichen Anteil hat. Nach Aussagen von Leßke die erste sächsische Glasfabrik nach englischer Art auf Steinkohlenfeuerung.

Schlusspunkt in Tharandt

Dr. Helmut Wilsdorf geht in seiner Publikation „Dokumente zur Geschichte des Steinkohlenabbaus im Haus der Heimat“ noch einen Schritt weiter. Er bezeichnet das Hagensche Unternehmen als erste „deutsche Glasfabrik bloß auf Steinkohlenfeuerung“.

Die Potschappler Kohlenförderung nimmt kaum für möglich gehaltene Ausmasse an und erhöht sich zwischen 1803 und 1805 von 39,3, auf 62,9 Tausend Scheffel. Stärke der Belegschaft: 409. Hagen gibt dem Bergbau eine bergmännische Verfassung, die Kumpel vereinen sich zu einer Bergknappschaft. 1804 trennt sich der Graf von Gut und Landwirtschaft, um im Badeort Tharandt eine neue Funktion zu übernehmen. Als Nachfolger von Chirurgus Butter lässt er an Stelle des überalterten Gasthofes „Harmonie“ das Badehotel errichten, von 1806 an empfangsbereit. Zwei Jahre später beschließt der Adlige sein Tharandter Gastspiel – ein Schlusspunkt unter Jahre voller Unrast.

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