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Radio - was war das noch mal?

Musik-Apps, Streaming-Dienste und Mediatheken: Kommt das gute alte Radio aus der Mode? Nicht in Freital. Ein Werkstattbesuch zum Weltradiotag.

Immer auf Empfang: Cornelia Rechenberger und Ihr Papa und Meister Klaus Friedrich in der "historischen Abteilung" von Radio-Naumann in Freital.
Immer auf Empfang: Cornelia Rechenberger und Ihr Papa und Meister Klaus Friedrich in der "historischen Abteilung" von Radio-Naumann in Freital. © Egbert Kamprath

Man nannte es das Magische Auge. Schloss sich die hellgrüne Iris der Elektronenröhre zum nahezu perfekten Kreis, war der Sender optimal eingestellt. Geräte mit so einer Abstimmhilfe gehörten zum gehobenen Sortiment, sagt Klaus Friedrich. "Die waren eine Klasse besser." Solch ein Gerät hat er nun auf den Knien, ein Naumann Super, Baujahr 1952. Er streicht über das glänzende Holzgehäuse, eine solide Tischlerarbeit. "Heutzutage unvorstellbar", sagt er. "Wahnsinn!"

Der 13. Februar ist Weltradiotag. Vor zehn Jahren hat die UNESCO, die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, diesen Feiertag ausgerufen, um das weltweit noch immer meistgenutzte Medium als Stimme der Gesellschaft zu ehren. Klaus Friedrich hatte da schon sein ganzes Arbeitsleben mit der Ehrung des Radios zugebracht, als Chef von Radio-Naumann in Freital-Burgk.

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Ein früher Radio-Fan: 1932 eröffnete Paul Naumann sein Radiogeschäft mit Reparaturwerkstatt in Freital-Burgk.
Ein früher Radio-Fan: 1932 eröffnete Paul Naumann sein Radiogeschäft mit Reparaturwerkstatt in Freital-Burgk. © Egbert Kamprath

Der Laden in Freitals altem Bergarbeiterquartier ist ein Produkt der Radiobegeisterung anfangs des vorigen Jahrhunderts. 1926 gab es in der 36.000 Einwohner zählenden Industriestadt bereits 800 amtlich registrierte Apparate, dazu zweifellos zahlreiche Schwarz-Hörer. Paul Naumann, ein 36-jähriger gelernter Dreher, erkannte den Trend und eröffnete am 6. Mai 1932 sein Radiogeschäft mit Handel und Reparatur. Radio-Naumann war geboren.

Der Radio-Onkel: gemütlich, aber taff

Klaus Friedrich erinnert sich gern an seinen Radio-Onkel Paul. Ein lieber und gemütlicher Mensch sei er gewesen, aber auch ein beweglicher und taffer Geschäftsmann. Da sein Laden winzig war, veranstaltete er im nahen Restaurant "Zur Hopfenblüte" gut besuchte Funkschauen, wo er laut überlieferter Reklameblättchen eine "erlesene Auswahl der neusten Rundfunkgeräte" - Staßfurt, Blaupunkt, Telefunken - zeigte und vorführte: "Hervorragender Klang, überraschend niedriger Preis!"

Flugblatt vom Ende der 1930er: Radiohändler Naumann lädt zur Funkschau in ein Freitaler Gasthaus ein.
Flugblatt vom Ende der 1930er: Radiohändler Naumann lädt zur Funkschau in ein Freitaler Gasthaus ein. © Repro: SZ

Paul Naumann handelte auch mit anderen Sachen, mit Grammophonen und Schallplatten und mit Musikinstrumenten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Kochplatten hinzu, die der begabte Bastler selber herstellte, auch Bügeleisen und Tischlampen. Aber sein Herz gehörte dem Radio. Und auch das baute er zeitweise selbst.

Besatzungsmacht zieht alle Radios ein

Die sowjetische Militäradministration hatte in einem ihrer ersten Befehle an die besiegten Deutschen verfügt, dass alle Radios abzugeben seien. Der Bedarf an Neugeräten war daher groß. Naumanns Antwort auf den Mangel war sein Naumann Super, ein etwa bierkastengroßer Apparat, den er aus Teilen der Freitaler Radiogehäuse-Industrie zusammensetzte, vollgepackt mit Röhren, Kondensatoren und Trafos, und natürlich mit magischem Auge.

Die Werkstatt von Radio-Naumann zur DDR-Zeit: Meister Klaus Friedrich am Telefon. "Wir waren angesehene Handwerker."
Die Werkstatt von Radio-Naumann zur DDR-Zeit: Meister Klaus Friedrich am Telefon. "Wir waren angesehene Handwerker." © privat

Heute steht der Apparat in der "historischen Abteilung" von Radio-Naumann, zusammen mit anderen Reliquien des vergangenen Radio-Jahrhunderts wie Rema 2003, Erfurt 4 oder dem Magnettongerät MTG 25, original, in der Topas-Schatulle. Es sind ehemalige Kundengeräte. Klaus Friedrich hat sich ihrer erbarmt. Weil sie so schön sind, sagt er. "Sonst wären sie auf der Halde gelandet."

Als Laufbursche in die Radio-Welt

Klaus Friedrich gehörte als Schuljunge zu den Laufburschen seines Radio-Onkels, dem ein Verkehrsunfall das linke Bein gekostet hatte. Das Hantieren mit den Radios und bald auch mit den ersten Fernsehern gefiel ihm so sehr, dass er Paul Naumanns Lehrling wurde. 1966 übernahm er die Firma gemeinsam mit einem Partner vom Mentor, der in Rente ging. Zwei Jahre später bekam der Rundfunk- und Fernsehmechaniker Friedrich den Meisterbrief.

Repariert seit über vierzig Jahren bei Radio-Naumann: Funktechniker Hartmut Schramm, hier mit einem DDR-Radiorecorder R 160.
Repariert seit über vierzig Jahren bei Radio-Naumann: Funktechniker Hartmut Schramm, hier mit einem DDR-Radiorecorder R 160. © Egbert Kamprath

Nun ist Klaus Friedrich selbst der Alte Herr. Seine Tochter Cornelia führt inzwischen das Geschäft. Der Senior, 81 Jahre alt, macht hier und da noch ein bisschen mit. Er denkt gern zurück an die Jahre in der DDR und die Aufbruchsstimmung, als der Westen kam. "Wir waren King", sagt er, "ganz angesehene Handwerker." Und heute? "Heute sind wir niemand mehr."

Die Kunden mögen es "sesselfertig"

"Niemand" ist übertrieben. Zwar hat Radio-Naumann nicht mehr, wie in besten Zeiten, zehn Mitarbeiter, sondern nur noch vier, und für Hi-Fi-Türme interessiert sich auch keiner mehr. Aber die Kunden, meist ältere Leute, schätzen es, wenn ihnen die Naumanns den neuen Fernseher "sesselfertig" einrichten, wenn sie verschwundene Sender wiederfinden oder ein kaputtes Kabel tauschen. Manche begrüßen einen an der Tür so erleichtert, als wäre man der Notarzt, sagt Jungchefin Cornelia Rechenberger. "Sie würden uns vermissen."

In den Werkstattschränken lagern Ersatzteile aller Art. Etwa sechzig Prozent der kaputten Gräte werden wieder zum Laufen gebracht.
In den Werkstattschränken lagern Ersatzteile aller Art. Etwa sechzig Prozent der kaputten Gräte werden wieder zum Laufen gebracht. © Egbert Kamprath

Ohne Naumann würden auch etliche Geräte vorzeitig auf dem Müll landen. In der Werkstatt schraubt Funkmechaniker Hartmut Schramm gerade einen R 160 auseinander, den ersten Radiorecorder der DDR, mindestens vierzig Jahr alt. Warum die Leute sowas reparieren lassen? Einerseits aus Nostalgie, sagt er, andererseits, weil man sich daran gewöhnt hat. "Wenn ein Gerät gut lief, will man es auch behalten."

Kaum Chancen in der Wegwerfgesellschaft

Naumann profitiert davon, dass es immer weniger Werkstätten dieser Art gibt. Die Kundschaft kommt teils von weit her, auch aus der Freiberger Gegend, oder von Riesa. Etwa sechzig Prozent der kaputten Apparate kriegt man wieder hin, schätzt Mechaniker Schramm. Doch die Arbeit ist nicht mehr die, die er vor über vierzig Jahren gelernt hat, als man entlang der Schaltpläne den Fehler suchte. Heute werden Platinen ausgetauscht. Doch oft genug sind die Ersatzteile nicht mehr aufzutreiben.

Cornelia Rechenberger, heute Chefin von Radio-Naumann, mit ihrem Jugendweihe-Geschenk, einem SKR 700 vom VEB Stern Radio Berlin.
Cornelia Rechenberger, heute Chefin von Radio-Naumann, mit ihrem Jugendweihe-Geschenk, einem SKR 700 vom VEB Stern Radio Berlin. © SZ/Jörg Stock

Der Beruf des Radio- und Fernsehtechnikers ist auch verschwunden. Vor über zwanzig Jahren ging er im Berufsbild des Informationstechnikers auf. Dort geht es ums Konzipieren und Installieren, Programmieren und Testen ganzer Systeme. Im Kammerbezirk Dresden, also Ostsachsen, gibt es aktuell zwölf Lehrlinge.

Nur noch vier alte Meister aktiv

Soweit die Handwerkskammer in Dresden weiß, sind in deren Beritt nur noch vier Radio- und Fernsehtechnikermeister aktiv. Klaus Friedrich gehört dazu. Eine Zukunft für die Zunft sieht er nicht in der Wegwerfgesellschaft. Cornelia, seine Tochter, will trotzdem weitermachen, auch wenn sie zeitweise schon wieder in ihrem alten Beruf als Erzieherin arbeitet. 89 Jahre hat Radio-Naumann überdauert. Vielleicht reicht es ja bis zur Hundert, sagt sie, wer weiß. In die Zukunft sehen kann keiner. Auch nicht mit dem Magischen Auge von Naumann Super.

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