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SOE: Fahrschulen im Dauerstress

Wer den Führerschein will, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen. Das hat viel mit der Pandemie zu tun. Und mit einem weiteren Phänomen.

Mandy Schröter hat Glück, sie hat einen Termin für die Motorradausbildung bei Fahrlehrer Torsten Böhme . Hier starten die beiden zu einer Praxisfahrt.
Mandy Schröter hat Glück, sie hat einen Termin für die Motorradausbildung bei Fahrlehrer Torsten Böhme . Hier starten die beiden zu einer Praxisfahrt. © Egbert Kamprath

Der Hinweis auf der Homepage ist unmissverständlich. "Bis einschließlich des 25.10.21 sind leider keine Plätze in den Kursen mehr frei", schreibt der Freitaler Fahrlehrer Mike Irmisch in seinem Internetauftritt. Ruft man ihn an, meldet er sich direkt aus dem Fahrschulauto und klingt etwas gehetzt. "Es ist tatsächlich so: Die Fahrschulen sind voll", sagt er. Es tue ihm leid, aber er müsse leider viele Interessenten vertrösten.

So wie Irmisch geht es den meisten Fahrschulen im Landkreis. Sie haben Nachfragen ohne Ende, aber kaum Kapazitäten, kurzfristig oder auch langfristig noch Fahrschüler aufzunehmen. Die Theoriekurse sind ausgebucht, die Praxiskurse sowieso. Und das teilweise bis ins nächste Jahr hinein.

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Dresdens beliebtes eintrittsfreies Festival für Kunst, Kultur und Bildung geht weiter und hat wieder viele Veranstaltungen in der ersten Augustwoche im Gepäck.

Die Kraftfahrschule Sächsische Schweiz in Pirna zum Beispiel nimmt derzeit bereits die Anmeldungen für den Theoriekurs im November/Dezember und die Ferienkurse im Winter 2022 entgegen. Andere haben lange Wartelisten.

Freital: 100 und mehr Namen auf der Warteliste

Deshalb müssen junge Leute wie die 17-jährige Sophie aus Freital ihre Ambitionen zurückstecken. Im Frühjahr habe sie tagelang nach einem Platz in einer Fahrschule herumtelefoniert und auch in Dresden bei etlichen Anlaufstellen nachgefragt.

Der Plan war eigentlich, im Sommer oder im Herbst den Führerschein zu erwerben. "Nichts mehr frei. Meine Freundinnen haben die gleichen Erfahrungen gemacht." Sie hat das Vorhaben nun erst einmal zur Seite geschoben.

"Es ist fast wie zu DDR-Zeiten", kommentiert Torsten Böhme. Er betreibt in Freital eine Fahrschule und arbeitet beim Sächsischen Fahrlehrerverband mit. Auf der Warteliste seiner Fahrschule stehen mehr als 100 Namen. "Meine Kurse sind bis März ausgebucht." Dabei ist das Unternehmen von Torsten Böhme mit zwei weiteren Mitarbeitern und seinem Vater, der als Rentner noch mit aushilft, gar nicht so schlecht besetzt. Das Problem sei ein anderes, sagt Böhme: "Es gibt heute insgesamt zu wenige Fahrschulen und zu wenige Fahrlehrer."

Viele Fahrlehrer sind längst in Rente

Viele Jahre war das anders. Nach der Wende gründeten etliche Fahrlehrer ein eigenes Unternehmen, Fahrschulen gab es quasi an jeder Straßenecke. Der Konkurrenzkampf war hart, mancher überlebte ihn nicht. Heute, sagt Torsten Böhme, gebe es keine Konkurrenz mehr. "Im Gegenteil, wir sind froh, wenn wir Führerschein-Anwärter zu einem Kollegen schicken können, der noch etwas frei hat."

Denn die Fahrlehrer von einst sind in Rente, Nachwuchs kaum da. Dabei, wirbt Torsten Böhme, sei das doch ein toller Beruf. "In knapp einem Jahr erlernbar, immer abwechslungsreich, überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten und die Zeit frei einteilbar." Der Nachteil: Es geht auch mal in die Abendstunden hinein.

Doch es liegt nicht nur am Nachwuchsmangel, dass die wenigen Fahrschulen derzeit nahezu überrannt werden. Pandemiebedingt ruhte das Geschäft im Winter 2021/22 fünf Monate. Es gab keine Theorie- und keine Praxiskurse, Prüfungen verschoben sich. Böhme: "Aber der Bedarf ist geblieben."

Nun muss dieser Stau abgebaut werden, während gleichzeitig die geburtenstarken Jahrgänge die Altersgrenze von 18 Jahren erreichen - und parallel zu Berufsausbildung oder Studium gerne den Pkw-Führerschein und oft auch den fürs Motorrad erwerben möchten.

Fahrschüler brauchen mehr Stunden

Billig war das noch nie, aber es wird immer teurer. Zum einen sind die Betriebskosten der Fahrschulen gestiegen, zum anderen die Anforderungen. Und ganz klar spielt auch die Marktwirtschaft eine Rolle: Hohe Nachfrage plus knappes Angebot ergeben steigende Preise. Das Handelsblatt schrieb dazu erst vor wenigen Wochen, ein Führerschein koste heute zwischen 1.500 und 2.400 Euro.

Man muss inzwischen zwölf Sonderstunden auf der Autobahn, Überland und bei Dunkelheit absolvieren. Dazu kommen die normalen Fahrten zu je 45 Minuten - und auch da wird der Umfang größer, wie Fahrlehrer Ralf Hickmann aus Altenberg erklärt. "Die jungen Leute brauchen länger." Das liege nicht am Intellekt, sondern an den nachlassenden motorischen Fähigkeiten seiner Schützlinge. "Die Jugend kann wunderbar mit dem Smartphone umgehen. Aber bremsen, dann kuppeln und herunterschalten und gleichzeitig noch alles im Blick haben - das bereitet vielen Probleme."

Hickmann arbeitet seit 20 Jahren als Fahrlehrer. Als er anfing, erzählt er, haben von zehn Leuten sechs gut durchgezogen, drei hatten etwas Mühe und einer war ein Problemfall. "Heute ist das Verhältnis eher andersherum." Demzufolge ziehe sich bei vielen die Fahrtausbildung hin und blocke Kapazitäten bei den Fahrlehrern. Und die haben wiederum Arbeitszeitgesetze: Maximal elf Stunden á 45 Minuten dürfen sie am Tag ihre Schützlinge durch den Verkehr dirigieren.

Besser wird es in naher Zukunft wohl nicht, schon gar nicht, sollte die Pandemie zurückkehren. Denn auch Führerschein-Theoriekurse verlangen Präsenzunterricht. "Online-Angebote bezüglich des Theorieunterrichtes sind nicht gestattet", informiert der Sächsische Landesfahrlehrerverband auf seiner Homepage.

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