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Freital: Das Ende des schwarzen Goldes

Ein altes Steinkohlebergwerk bei Freital-Wurgwitz ist eingebrochen. Nun werden die alten Stollen gesichert. Anschließend kommt der Betonmischer.

Die Bergmänner Piotr Bergolc (li.) und Volker Neumann räumen Schutt aus dem alten Bergwerk.
Die Bergmänner Piotr Bergolc (li.) und Volker Neumann räumen Schutt aus dem alten Bergwerk. © Karl-Ludwig Oberthür

Es ist Handarbeit gefragt. Mit Spitzhacke und Schaufel wühlen sich Volker Neumann und Piotr Bergolc im Halbdunkel durch ihren Arbeitstag. Unter den Gummistiefel klebt zäher Schlamm. Vor sich haben die beiden Männer eine Wand aus Lehm, Kiesel und Steinkohle. "Im Prinzip alles Abfall", sagt Neumann und füllt die lockere Masse in die Schubkarre.

Die beiden Bergleute arbeiten in gut sechs Meter Tiefe unter einer Wiese bei Wurgwitz nahe der Pennricher Straße. Hier tat sich 2014 ein Loch auf, 4,50 im Durchmesser und zwei Meter tief. Ein Tagesbruch, so heißt es bergmännisch, wenn alte Stollen oder Abbaue nachgeben. Seit einigen Monaten ist nun die Bergsicherung Freital vor Ort, um die Lage zu sondieren.

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Steinkohle bereits im Mittelalter geschürft

Die Steinkohle brachte dem Plauenschen Grund einst einen gewissen Wohlstand. Bereits im ausgehenden Mittelalter wurde der begehrte Brennstoff in sogenannten Bauernschächten abgebaut. Die Bergleute folgten dem Kohleflöz, welches dicht unter der Grasnarbe begann und leicht schräg abfallend nach unten führte, einfach hinterher.

Je tiefer sie kamen, desto mächtiger wurde das Flöz - bis zu neun Meter bemaß seine Stärke. "Die beste Kohle aber lag ganz oben, weiter unten wurde die Qualität schlechter", sagt Volker Neumann. Das könne man heute noch gut erkennen.

Neumann schnappt sich einen Baustellenstrahler und weist auf eine Fahrt, so heißen im Bergbau die Leitern. Es geht schräg nach oben, einen schmalen Stollen entlang. Man muss sich bücken und den Kopf einziehen. "Wir sind jetzt mittendrin im abgebauten Flöz. Das war hier alles mal Kohle", erklärt der Bergmann und zeigt auf die Stöße, also die Seitenwände.

Sie glänzen schwarz. Man kann gut die einzelnen Schichten erkennen, die von gewaltigen Naturkräften einst geschaffen wurden. Fährt man mit dem Finger darüber, sind diese sofort kohlrabenschwarz. Auch die Firste, also die Decke, besteht aus Steinkohle.

Reporterin Annett Heyse hält hier zwei Steinkohlebrocken in den Händen. Die Bergleute des Mittelalters beuteten die Grube nur zum Teil aus, um die Standsicherheit nicht zu gefährden.
Reporterin Annett Heyse hält hier zwei Steinkohlebrocken in den Händen. Die Bergleute des Mittelalters beuteten die Grube nur zum Teil aus, um die Standsicherheit nicht zu gefährden. © Karl-Ludwig Oberthür

Kohlepfeiler blieben zur Sicherheit stehen

Dass die Bergleute nicht das komplette Flöz abbauten, hatte einen einfachen Grund: Die Hohlräume wären viel zu groß und instabil geworden. "Man hätte alles abstützen und ausbauen müssen, damit die Stollen nicht einbrechen. Aber das wäre aufwendig und teuer geworden", erklärt Ingolf Bergmann, Bauleiter bei der Bergsicherung.

Die damaligen Bergleute hätten sich deshalb für eine andere Technik entschieden. Sie höhlten nur einen Teil des Flözes aus und ließen den anderen Teil als Pfeiler stehen. So entstand ein unterirdisches System aus Kammern, Gängen und Pfeilern. "Wurgwitz ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse", kommentiert auch Volker Neumann.

Vermutlich gab es eine Vielzahl an kleinen Bergwerken, die teils dicht nebeneinander lagen. Von wem sie betrieben worden, ist unklar. Es gibt aus der Zeit keinerlei Unterlagen über die Lage und den Verlauf der Stollen und Abbauorte. Möglich ist auch, dass mancher Bauer auf eigene Faust hinter seinem Haus auf die Suche nach der Kohle ging.

Am Ende dieser Kammer zweigte nach rechts einst ein Stollen ab, der nun mit Lehmboden und Kies zugesetzt ist. Linkerhand glänzt schwarz ein stehengelassener Steinkohlepfeiler.
Am Ende dieser Kammer zweigte nach rechts einst ein Stollen ab, der nun mit Lehmboden und Kies zugesetzt ist. Linkerhand glänzt schwarz ein stehengelassener Steinkohlepfeiler. © Karl-Ludwig Oberthür

Sechs Hohlräume entdeckt

Als sich der Abbau nicht mehr rentierte, wurden die Gruben sich selbst überlassen. Sie füllten sich mit Wasser und Sedimenten, viele brachen ein. Kies und Lehm rutschte nach. Dieser Prozess hält bis heute an. Tut sich eine Senke auf, wie 2014 in Wurgwitz, rückt über kurz oder lang die Bergsicherung an.

Zunächst folgten die Bergsicherer dem Tagesbruch und stießen auf einen alten Schacht. Insgesamt zwölf horizontale Probebohrungen in alle Richtungen ergaben, dass von diesem Schacht unterirdisch Gänge und Kammern abzweigen. Insgesamt seien sechs Hohlräume entdeckt worden, teilt das Sächsische Oberbergamt in Freiberg mit.

Die Aufgabe der Bergsicherung ist es nun, diese Hohlräume zu erkunden, zu sichern und zu letztendlich auf immer und ewig zu verschließen. "Dann kommt der Betonmischer", sagt Volker Neumann.

Der alte Schacht wurde so ausgebaut und stabilisiert, dass die Männer der Bergsicherung frische Luft, Licht und Technik nach unten bringen können.
Der alte Schacht wurde so ausgebaut und stabilisiert, dass die Männer der Bergsicherung frische Luft, Licht und Technik nach unten bringen können. © Karl-Ludwig Oberthür

Stollen werden dokumentiert

Noch aber ist es nicht so weit. Piotr Bergolc greift wieder zur Spitzhacke. Er müht sich an einem Hohlraum ab, der längst zusammengebrochen war. Das lose Material muss herausgeholt und der Gang mit Stempeln - das sind hölzerne Stützen - gesichert werden. Bergolc ist Pole, in seiner Heimatstadt in Oberschlesien gibt es allein vier Bergwerke. Sein Kollege Volker Neumann hat einst im Zinnbergbau in Altenberg gearbeitet. "Mit Kohle kenne ich mich eigentlich gar nicht so gut aus", sagt er. Aber Bergbau ist letztendlich Bergbau. Dunkel und faszinierend.

Was die Männer nun unter Wurgwitz finden, wird exakt dokumentiert. Zahlreiche Stollen sind in den vergangenen Jahrzehnten entdeckt worden, manche reichen bis unter die Vorgärten der angrenzenden Bebauung. Und beim Oberbergamt vermutet man, dass das längst nicht alles ist.

"Alle diese kleineren Hohlräume befinden sich im 1. Flöz der Pesterwitz-Kohlsdorfer Zwischenmulde. Wir leiten daraus ab, dass im gesamten 1. Kohleflöz, in dessen Erstreckung über hunderte von Metern, auch weitere analoge Hohlräume nicht auszuschließen sind", erklärt Oberberghauptmann Bernhard Cramer. Dass heißt, es könnte zukünftig zu weiteren Tagesbrüchen kommen.

Die nun wieder freigelegten Hohlräume werden provisorisch mit sogenannten Stempeln abgestützt.
Die nun wieder freigelegten Hohlräume werden provisorisch mit sogenannten Stempeln abgestützt. © Karl-Ludwig Oberthür

Hohlräume werden verfüllt

Damit zumindest der nun entdeckte Teil keine Probleme mehr macht, werden die Stollen und Kammern verwahrt. Klingt technisch und ist es auch: An der Oberfläche werden Bohrlöcher senkrecht in die Erde getrieben, die in den Hohlräumen enden. Dann werden diese mit Beton verfüllt.

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Am oberen Schachtende leert Alexander Sela den Förderkübel aus. Das Gemisch aus Steinkohle, Lehmboden und Kiesen hatte die alten Stollen zugeschüttet.
Am oberen Schachtende leert Alexander Sela den Förderkübel aus. Das Gemisch aus Steinkohle, Lehmboden und Kiesen hatte die alten Stollen zugeschüttet. © Karl-Ludwig Oberthür

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