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Besonderer Nachwuchs auf Streuobstwiese

Am Stadtrand von Freital wurde eine alte Apfelsorte aus der Lausitz gepflanzt. Sein Name klingt leicht kurios, für seine Früchte gibt es schon einen Verwendungszweck.

Langsam wächst der Apfel am Baum. Heike Quendt und Hartmut Freter von Slow Food Dresden pflanzen auf der Wiese von Holger Stein (rechts) in Freital eine alte Sorte.
Langsam wächst der Apfel am Baum. Heike Quendt und Hartmut Freter von Slow Food Dresden pflanzen auf der Wiese von Holger Stein (rechts) in Freital eine alte Sorte. © Egbert Kamprath

Der Boden ist vorbereitet. Holger Stein hat ein Loch in der Größe eines Medizinballs ausgehoben. Dicke, lehmigbraune Erde liegt daneben. "Das ist ideal, weil sich darin die Feuchtigkeit besser hält", sagt er und lobt zugleich, dass es endlich mal wieder einen echten Winter mit viel Niederschlag gab. Ideale Voraussetzungen für seine Herzensangelegenheit: die Streuobstwiese hinter dem alten Dorfkern von Birkigt.

Auf einem Hektar wachsen hier Apfelbäume. Es sind keine gewöhnlichen Gehölze, sondern alte Sorten, die es in keinem Supermarkt zu kaufen gibt und deren Namen nur Experten etwas sagen. Nun kommt Baum Nummer 50 in die Erde - Schöner von Herrnhut.

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Zur Pflanzung hat sich Holger Stein Gäste eingeladen, denn Schöner von Herrnhut ist eine Rarität. "Er ist ein Archepassagier", sagt Hartmut Freter.

Gegenentwurf zur Lebensmittel-Massenproduktion

Die Arche ist ein Projekt von Slow Food Deutschland, deren Dresdner Vertretung von Hartmut Freter geleitet wird. Die Organisation hat sich der regionalen Lebensmittelproduktion verschrieben, sie ist also der Gegenentwurf zur weltweit agierenden Lebensmittel-Massenproduktion. Bei Slow Food geht es um Genuss, Geschmacksvielfalt, um kurze Wege vom Produzenten bis auf den Teller.

Und Slow Food unterstützt das Bewahren regionaler Gemüsepflanzen, Obstbäume und Tierrassen. Es geht dabei auch um genetische Vielfalt, um an bestimmte Standorte angepasste Sorten. "Wir retten vom Aussterben bedrohte Arten wie Schöner von Herrnhut. Das sind Lebensmittel, die wir brauchen", erklärt Heike Quendt, ebenfalls bei Slow Food aktiv.

Denn gerade in Zeiten der Corona-Pandemie habe man ja gemerkt, wie abhängig man von all den internationalen Warenströmen sei. Und wie nachteilig sich Abhängigkeit mitunter auswirke, fügt Holger Stein hinzu. "Wir müssen in der Lebensmittelproduktion zu mehr Regionalität zurück."

Echtes Lausitzer Gewächs

Der Schöner von Herrnhut stammt aus der Lausitz. Seine Früchte sind mittelgroß, saftig, mild im Geschmack. Er ist ein Herbstapfel, erntereif im September. Raues Klima macht ihm nichts aus, seine Blüten sind durchaus frostbeständig. Bei starkem Wind fällt er nicht gleich vom Ast. Lagern lässt sich der Schöner von Herrnhut bis in den Januar.

Zudem widersteht er Krankenheiten recht gut. Nur Trockenheit mag er nicht sonderlich, weshalb Holger Stein das Bäumchen vorerst regelmäßig mit Wasser versorgen wird. "Ich stelle ein Fass daneben auf, über eine Tröpfelanlage wird er ganz allmählich gewässert."

In der Lausitz verarbeiten einige Direktvermarkter den Schöner von Herrnhut zu sortenreinen Apfelsäften. "Die schmecken ganz anders als der Saft aus dem Supermarkt, sind viel aromatischer und nicht so süß", schwärmt Heike Quendt.

Obstbrand statt Apfelsaft

Apfelsaft ist jedoch nicht das Geschäft von Holger Stein. Der Mitfünfziger lebt in Birkigt auf einem alten Dreiseithof, der seiner Familie bereits in der fünften Generation gehört. Eltern und Großeltern verdienten ihr Geld unter anderem im Obstanbau: Im Haus gab es eine Kelterei und Obstannahmestelle.

Holger Stein setzt die Tradition in gewisser Weise fort, wenn auch mit einem anderen Produkt. Nebenberuflich produziert er edle Obstbrände, vor allem aus alten Apfelsorten. Dafür hat er sich eine eigene Destille eingerichtet.

Das Obst kommt nun auch von der eigenen Wiese hinter dem Haus. Gut einen Hektar hat er vor zehn Jahren angelegt. "Alles alte Sorten, kaum einer wächst hier doppelt", sagt er. Viele Bäume hat er selbst aus Reisern herangezogen. Die Äste hat er in der Region und darüber gesammelt.

Holger Stein ist Experte für edle Obstbrände. Die Früchte für seine Destillate kommen von Streuobstwiesen aus der Region.
Holger Stein ist Experte für edle Obstbrände. Die Früchte für seine Destillate kommen von Streuobstwiesen aus der Region. © Egbert Kamprath
In den alten Birkigter Dreiseithof wurde diese Destillieranlage eingebaut.
In den alten Birkigter Dreiseithof wurde diese Destillieranlage eingebaut. © Egbert Kamprath
In solchen Holzfässern wurden Chargen gelagert, die Stein anlässlich des Freitaler Stadtgeburtstages brannte.
In solchen Holzfässern wurden Chargen gelagert, die Stein anlässlich des Freitaler Stadtgeburtstages brannte. © Egbert Kamprath

In zehn Jahren erste Ernte

Im vergangenen Herbst hat Holger Stein erstmals eine Ernte eingeholt. Gut 600 Kilogramm kamen zusammen, aus denen vier Brände hergestellt wurden. Einen Großteil der Früchte bezieht er jedoch von anderen Streuobstwiesen in der Region.

Für den Schöner von Herrnhut war eigentlich gar kein Platz auf der Birkigter Wiese. Jedoch ging ein anderer Baum ein und ein Ersatz musste her.

Auch der neue Baum wird seine Zeit brauchen, bis er erstmals Früchte trägt. Ganz bewusst stutzt Holger Stein jedes Jahr die Äste der jungen Bäume, damit keine Blüten austreiben, sondern die Kraft des Baumes erst einmal ins Wachstum geht.

Um den Nachwuchs vor den Wühlmäusen zu schützen, steckt der Wurzelballen in einem Drahtgeflecht. Es ist so gearbeitet, dass es sich mit den Jahren zersetzt und die Wurzeln sich dann ungehindert ausbreiten können, wenn sie kräftiger werden.

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Ganz fertig ist Holger Stein mit seinem Streuobstwiesen-Projekt aber noch nicht. Er beschreibt mit der Hand einen weiten Bogen über die offenen Wiesen in Richtung Kesselgrund. "Als mein Großvater noch lebte, standen hier überall Obstbäume." Vielleicht, so deutet er an, kommen bald wieder weitere hinzu.

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