merken
PLUS Freital

Freital: Großgasthof direkt an der Weißeritz

Wo einst Silbertransporte, mit Fracht beladene Bauernwagen oder Badekutschen begüterter Dresdner eine Zwischenstation in Hainsberg einlegten.

Gasthof zu Hainsberg, vormaliger Name „Zum Goldenen Specht“, Ausgang des 19. Jahrhunderts. Im Hintergrund Hainsbergs erster Bahnhof, links zweigt die hölzerne Weißeritzbrücke zur Rabenauer Straße ab.
Gasthof zu Hainsberg, vormaliger Name „Zum Goldenen Specht“, Ausgang des 19. Jahrhunderts. Im Hintergrund Hainsbergs erster Bahnhof, links zweigt die hölzerne Weißeritzbrücke zur Rabenauer Straße ab. © Archiv: SZ

Der „Goldene Specht“ soll eine Goldgrube gewesen sein. Als 1750 aus einem am Hainsberger Dorfplatz stehenden Bauerngut ein Gasthof wird, da wundert sich so mancher vorbei ziehender Wandersmann – wer sollte in dieser zwar romantischen, aber abgeschiedenen Gegend Einkehr halten? Noch um 1820 wohnen in Heunsperg (einer der ersten Ortsnamen) nicht mehr als 90 Bürger, verteilt auf 20 Häuser. Ein Dorf, das fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebt.

So sah es Edgar Rudolph

Nach Meinung des bekannten Heimatforschers Edgar Rudolph haben die Leute, die den „Goldenen Specht“ betreiben, indes ihr gastronomisches Projekt an der Pforte zur Tharandter Straße, unweit Backofenfelsen, genau überlegt. Edgar Rudolph hat dafür Argumente: Die 1745 angelegte und 1809 chaussierte Straße sorgt für ständigen Betrieb. Der „Specht“ liegt direkt an dieser Verbindung. Gasthof, Scheune und Stallungen dienen Reisenden und Fuhrleuten als Zwischenstation und sogar als Herberge zur Nacht. In Schencks Atlas Jahrgang 1775 wird die Ausspanne mit Übernachtung bereits in die Rubrik „bessere Wirtshäuser“ eingestuft. Vor dem Tor steht, wie es im Volkslied heißt, eine mächtige Linde, in deren Schatten ein Brunnen Wasser spendet.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Eleganz und harte Strohsäcke

Um 1800 wird aus dem „Goldenen Specht“ der „Gasthof zu Hainsberg“. Leute mit Geld, die hier absteigen, können mit diversen Annehmlichkeiten rechnen. Die vorzügliche Küche ist auf Wild- und Fischgerichte spezialisiert. Täglich kommen Forellen aus der keine zehn Meter entfernten Weißeritz auf den Tisch. Die Gästezimmer sind mit unaufdringlicher Eleganz eingerichtet. In einem separaten Raum der Wirtsstube lassen sich Kutscher auf harten Strohsäcken zur Nacht nieder. Ein Bild, das einem Feldlager gleicht.

Auf dem Hof reihen sich Fahrzeuge aller Art: Bauernwagen aus dem Gebirge, beladen mit Butter und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, unterwegs nach Dresden, Langholzfuhren aus dem Tharandter Wald, Silbertransporte aus Freiberg auf dem Weg zur Dresdner Schmelze, aber auch Badewagen aus der Großstadt auf Kurs Sidonien- und Heinrichsquelle Tharandt. Heinrich von Kleist, der Dichter, soll auf der Tour nach Tharandt im Gasthof eine Kaffeepause eingelegt haben.

Zur Winterszeit lassen sich wohlhabende Dresdner mit Pferdeschlitten zur Einkehr kutschieren. Ein Vergnügen, das mit Eröffnung der Albertsbahn 1855 aus der Mode kommt. Die Eisenbahn bringt dem 1836 neu erbauten Gasthof eine andere Einnahmequelle. Auf dem nahen Bahnhof nehmen pfiffige Gastronomen aussteigende Fahrgäste gleich auf dem Bahnsteig in Empfang und dirigieren sie zu einer Mahlzeit in die Wirtschaft.

Die ersten Firmen ab 1836

Der um 1840 einsetzende wirtschaftliche Aufschwung von Hainsberg, ausgelöst durch die „wohlfeile Kohle“ aus dem Döhlener Becken belebt das Geschäft der Gaststätten noch stärker. 1836 kommt es auf Hainsberger Flur zur Gründung des ersten Betriebes: Michaels Stärkefabrik. 1837 eröffnet Römers Garnrotfärberei, 1845 nimmt in der heutigen Rabenauer Straße Kohsers Stuhl- und Möbelfabrik die Arbeit auf, 1857 etabliert sich die Todtesche Papierfabrik.

Die Einwohlzahl steigt sprunghaft. 1870 sind 800, 1900 über 1.600 Einwohner registriert. Die Gastwirtschaft an der Weißeritz stellt sich den veränderten Verhältnissen. In diesem Sinne weist der 1880 umgebaute Saal für 400 Personen eine vornehme Ausstattung aus – viel Plüsch, kunstvoll drapierte Gardinen, schwere Kronleuchter. Regelmäßig gastieren Dresdner Künstler und namhafte Militärorchester.

Der 1863 gegründete Turnverein „Hermania“ hält seine Veranstaltungen und Versammlungen ab. „Teutonia“, der örtliche Männergesangsverein, bittet zu Chorkonzerten. Zum wöchentlichen Tanz strömen auch jüngere Leute aus der nahen Umgebung. Bei sommerlichem Wetter verlagert sich das Veranstaltungsgeschehen in den angrenzenden Lindengarten.

Vergeblicher Rettungsversuch

Was keiner ahnt: Die 80er und 90er-Jahre bringen dem Großgasthof die letzte Blütezeit. Die Verlegung des Bahnhofes, aber auch die Gründung von Gaststätten im nahen Umfeld lassen die Umsätze dramatisch schrumpfen. 1820 sieht Gastwirt Hermann Füssel nur eine Möglichkeit, die drohende Pleite abzuwenden. Unter Beibehaltung der Gaststube veräußert er für 210.000 Mark Liegenschaften und Gebäude an den geschäftstüchtigen Dresdner Stellmacher Emil Zieslik.

Das ist allerdings nicht mehr als ein Intermezzo. Neuer Besitzer wird 1922 die Dresdner Maschinenfabrik Ernst Grafe. Zum gleichen Zeitpunkt scheitert Füssels Versuch, den Rest der Einkehr zu retten. Auch Grafe kommt auf keinen grünen Zweig. Als der Unternehmer auf einer Fahrt im Raume Nürnberg tödlich verunglückt, gerät die Firma ins Abseits und kann sich nicht wieder erholen.

Im August 1932 erwirbt die Sächsische Landwirtschaftsbank das Grundstück, die Gebäude, inzwischen baufällig, werden 1934 abgerissen. Ein Stück altes Hainsberg ist für immer Vergangenheit.

Mehr zum Thema Freital