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Aufstand bei Freitaler Wohnungsgenossenschaft

Auf dem Raschelberg hat sich Frust über die gleichnamige Genossenschaft angesammelt. Es geht um alte Garagen, eine Rattenplage und viele Kleinigkeiten.

Die Kritiker: Thomas Neidenau, Torsten Klimpel, Siegfried Hochmut und Michael Neidenau (v.l.) monieren den Abriss der Garagen.
Die Kritiker: Thomas Neidenau, Torsten Klimpel, Siegfried Hochmut und Michael Neidenau (v.l.) monieren den Abriss der Garagen. © Annett Heyse

Häuser aus den 50er-Jahren, dazwischen Rasen, Hecken, Blumenrabatten. Senioren tragen ihre Einkäufe nach Hause, eine Kitagruppe ist auf Spaziergang unterwegs. Den Raschelberg, so scheint es, kann so schnell nichts aus seinem Idyll reißen.

Auf einem Flugblatt, welches vor einigen Tagen im Briefkasten etlicher Mieter der Wohnungsgenossenschaft Raschelberg landete, liest sich das allerdings ganz anders. "Wohnen wir wirklich im grünen Flair?" steht da in dicken Lettern gedruckt und "Sind wir noch Genossenschaftler?"

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Auf der Rückseite wird zu einer Versammlung unter freiem Himmel aufgerufen. Ein Putschversuch auf dem Raschelberg? "Unser Ziel ist es, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen, die dem Aufsichtsrat das Vertrauen entzieht. Dann kann ein neuer Aufsichtsrat gewählt werden, der einen neuen Vorstand einsetzt", erklärt Siegfried Hochmut, einer der Rebellen.

Demnächst 25-Jahr-Feier auf dem Raschelberg

Das ist außergewöhnlich, zumal die Genossenschaft mit ihren rund 950 Mitgliedern bisher als Vorzeigevermieter galt und sich gerade auf eine Feier anlässlich des 25-jährigen Bestehens vorbereitet.

Man schloss das vergangene Geschäftsjahr mit einem deutlichen Plus ab, der Leerstand tendiert gegen Null, die Nachfrage auch seitens junger Familien nach den Genossenschaftswohnungen ist hoch. Die Mieten gelten als günstig, die Wohnlage ist ruhig, die Infrastruktur gut ausgebaut. Schulen, Kita, Einkaufsmöglichkeiten, Busanbindung - alles vorhanden.

Bei den Kritikern jedoch herrscht alles andere als Festtagsstimmung. Bemängelt wird die Grünanlagenpflege, der Winterdienst, das Management bei notwendigen Reparaturen und ganz besonders auch die Sprechzeiten der Geschäftsstelle. "Mehrfach gemeldete Schäden werden nicht oder nur unzureichend behoben", heißt es in dem Flyer und weiter: "Die Außenanlagen verkommen zur Wildnis, zahlreiche Abfälle geben ein desolates Bild des Wohngebietes ab." Sprechzeiten würden schon seit März 2020 nicht mehr existieren. "Die Art und Weise, wie der Vorstand mit uns Genossenschaftlern umgeht, ist nicht länger hinnehmbar", sagt beispielsweise Wolfgang Träber.

Streit wegen Rattenplage

Träber und einige seiner Nachbarn liegen schon seit längerem im Clinch mit dem Vorstand. Den Anfang machten ein paar Ratten am Waldblick, wo Träber wohnt. Ein Mieter des Blockes entdeckte die Nager an einem Abwasserschacht. Ein Schädlingsbekämpfer rückte an, die Rechnung bekamen die Mieter von Nummer 12 auf ihre Betriebskosten umgelegt, weil dieser Hauseingang dem Schacht am nächsten liegt.

Zu Unrecht, wie Träber findet. "Wenn, dann müssten alle Bewohner des Blockes zahlen, denn der gesamte Block mit fünf Hauseingängen hängt an dem Abwasserkanal." Und außerdem: Es gebe mehrere Gerichtsurteile, wonach akute Schädlingsbekämpfung gar nicht auf die Mieter umgelegt werden dürfe. Seit zwei Jahren schon streitet sich Träber mit dem Vorstand der WG Raschelberg. Es geht um wenige Euro pro Haushalt.

Kritik wegen Reparaturen

Man könnte das noch als Kleinlichkeit abtun, wäre Wolfgang Träber der einzige Aufständische. Ist er aber nicht. Da wäre auch noch die Sache bei notwendigen Reparaturen. Thomas Neidenau berichtet, dass er mehrmals anrufen musste, weil in seiner Wohnung die Warmwasserversorgung gestört war.

"Das betraf auch andere Mieter, aber als ich endlich jemanden in der Geschäftsstelle erreichte, hieß es, da sei bestimmt die Mischbatterie kaputt." Als dann doch nach mehreren Tagen ein Klempner kam, entdeckte dieser einen Defekt an der Steuerung der Heizungsanlage. "Anliegen werden nicht ernst genommen, in der Geschäftsstelle ist keiner ansprechbar", moniert Neidenau. Ähnliches habe er auch von anderen Genossenschaftlern gehört.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Garagenhof am Buchlicht.

Kein Platz mehr für die Autos

39 alte Garagen stehen dort, baufällig, teils nicht mehr nutzbar. Mit einem halben Jahr Vorlauf kündigte die WG den Mietern die Stellflächen zum Jahresende. Rechtens wäre auch eine Kündigungsfrist von vier Wochen gewesen, heißt es aus dem Vorstand.

Torsten Klimpel und auch Thomas und Michael Neidenau gehören zu den Betroffenen. Sie sind empört. "Es gibt hier so schon kaum Parkmöglichkeiten und jetzt fallen auch noch die Garagen weg", moniert Klimpel.

Er vermutet, dass der Vorstand das Areal für den Bau eines neuen Wohnhauses braucht. "Wir wollen hier aber nicht irgendeinen modernen Betonklotz", sagt Klimpel. "Wir sind Mitglieder der Genossenschaft und wollen mitbestimmen, was hier geschieht."

Anonyme Vorwürfe gegen Vorstand

In der WG-Zentrale an der Wilhelm-Müller Straße sitzen Jeanette Effenberg und Lutz Trept. Sie bilden den Vorstand und leiten die Geschäfte. Und sind entsetzt über den Inhalt des anonymen Flyers mit all den Anschuldigungen.

"Dass wir die Sprechzeiten stark einschränken mussten, hat einen Grund: Corona. Hier arbeiten nur fünf Leute. Einmal musste das Team in Quarantäne. Da blieb dann alles liegen", berichtet Effenberg.

Man sei immer für die Mitglieder da, natürlich nicht rund um die Uhr und sieben Tage die Woche, aber während der üblichen Arbeitszeiten. "Wir beantworten alle Mails, wer auf den Anrufbeantworter spricht, wird zurückgerufen." Nicht immer sofort, aber zeitnah. "Wir sind auch viel draußen unterwegs, man kann uns jederzeit ansprechen." Gesprächstermine würden nach Anmeldungen vereinbart und auch durchgeführt.

Jeanette Effenberg und Lutz Trept leiten die Geschäfte der Wohnungsgenossenschaft Raschelberg mit ihren rund 950 Mitgliedern.
Jeanette Effenberg und Lutz Trept leiten die Geschäfte der Wohnungsgenossenschaft Raschelberg mit ihren rund 950 Mitgliedern. © Andreas Weihs

Zwei Meinungen zur Rasenpflege

Besonders ärgern sich die beiden Vorstände über den Vorwurf zur Grünanlagenpflege. "Im Grunde gibt es nur zwei Parteien: Die einen wollen einen gepflegten, kurz geschnittenen englischen Rasen, die anderen wollen üppiges Grün", sagt Lutz Trept.

Man versuche, einen Mittelweg zu gehen. "Den Rasen lassen wir grundsätzlich erst im Mai mähen, damit es auch mal blüht und die Pflanzen Samen abwerfen können. Das tut dem Wuchs gut." Hecken könne man wegen der Vogelbrut erst ab Juli stutzen, Bäume nur zwischen November und Februar.

Dass sämtliches Grün in diesem Jahr besonders gut wuchs und sich mehr als sonst verbreitete, lag einzig und allein am feuchten Wetter. "Wir könnten auch noch weitere Rasenschnitte einführen, aber das erhöht die Betriebskosten und das möchte auch niemand", sagt Trept.

Garagenhof soll umgestaltet werden

Dass sich der Ärger über kleinere und vermeintlich größere Probleme nun vor allem wegen der 39 Garagen Bahn bricht, haben beide Vorstände wohl geahnt - gab es einen ähnlich gelagerten Fall vor zwei Jahren bei der Freitaler Wohnungsgenossenschaft Gewo. Inzwischen habe man mit den meisten Betroffenen schon Gespräche geführt und Übergangslösungen angeboten, sagt Lutz Trept.

Was genau die Genossenschaft mit dem Garagengelände vorhat, wollen beide Vorstände nicht kommentieren. Es handele sich im Ideen und erste Pläne, die zunächst am 23. September mit dem Aufsichtsrat besprochen werden sollen. Trept: "Nur so viel: Wir schaffen ausreichend neue Stellplätze und wollen dort auch einen schönen Spielplatz anlegen."

Darüber wolle man die Genossenschaftsmitglieder informieren, wenn man einen konkreten Vorschlag habe. Effenberg: "Es bringt nichts, mit halbfertigen Ideen an die Öffentlichkeit zu gehen."

Versammlung unter freiem Himmel geplant

Alles gut also? Mitnichten, heißt es seitens der Kritiker. Sie haben bereits 150 Unterschriften gesammelt, um die außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Zehn Prozent, also 96 Unterschriften, wären laut Satzung notwendig gewesen.

Am 9. September will man sich nahe der Geschäftsstelle an der Wendestelle Wilhelm-Müller-Straße treffen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Eingeladen sind alle Mitglieder. 19 Uhr soll die es losgehen.

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