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Für eine stille Nacht war keine Zeit

Zum ersten Weihnachtsmarkt in Potschappel 1862 sorgten Händler von außerhalb für lange Gesichter bei einheimischen Handwerkern.

Potschappler Marktszene anno 1911.
Potschappler Marktszene anno 1911. © Zeichnung: Siegfried Huth

Weihnachtsmänner werden nicht älter. Ihr von Frost und Grog gerötetes Gesicht sah schon vor 100 Jahren so respekteinflößend aus wie heute – da ist nicht eine Runzel dazugekommen. Der weiße Rauschebart hat längst einen Bart, so hochbetagt ist er.

Vor reichlich 140 Jahren hatten die prominenten Herren noch zusätzlichen Dienst zu übernehmen. Auf Anweisung der Gemeindeväter mussten sie sich täglich auf dem Weihnachtsmarkt in Potschappel sehen lassen. In dem allgemeinen Gedränge die nötige Würde zu bewahren, das konnte zu Schwerstarbeit ausarten. Im Dezember 1862 erlebte der Potschappler Markt den ersten Weihnachtsmarkt des Plauenschen Grundes. Am 29. Oktober 1862 hatte das Amtsgericht Döhlen eine entsprechende Genehmigung erteilt. Von Anfang bis Mitte Dezember hatte der einheimische Handel zum Christmarkt eine Zeitspanne, die schon bald verlegt wurde und die den Heiligen Abend direkt mit einbezog.

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Fast von Anfang an mussten sich die Geschäfte aus unserer Gegend einer starken Konkurrenz erwehren. Gewerbetreibende aus dem Erzgebirge und selbst aus der Lausitz drängten nach Potschappel. Da konnten Querelen nicht ausbleiben. Ging ein Markttag zur Neige, wollten Händler von auswärts die übrig gebliebenen Waren nicht wieder nach Hause buckeln. Sie halfen sich, indem sie ihre Erzeugnisse weit unter dem normalen Preis feilboten. Mit so viel Erfolg, dass die Gesichter der am Markt beteiligten ortsansässigen Geschäftsleute immer länger wurden. Erbitterter Streit brach aus, keine Seite wollte nachgeben. Die Lage spitzte sich so zu, dass Döhlen 1897 einen Gerichtsbeschluss herbeiführte. Demnach wurden fremde Händler wegen unseriöser Schleuderpreise vom Potschappler Christmarkt ausgeschlossen. Allerdings nur für drei Jahre. 1900 durften die „Ausländer“ wiederkommen.

Blitzblank bis ersten Feiertag früh

Jeder im Plauenschen Grund kannte und schätzte seinerzeit auch die Weihnachtsmärkte von Deuben am sogenannten Anger (heute Sachsenplatz) und Potschappel. Als amtlicherseits neue Öffnungszeiten eingeführt wurden, konnten sich die Händler und ihre Mitstreiter selbst am Weihnachtstag nicht mehr am Zauber der stillen, heiligen Nacht erbauen.

Nun spielte sich alles vom 18. bis 24. Dezember, jeweils bis nachts 10 Uhr ab. Die Marktordnung war unerbittlich. Unter Paragraf 6 hieß es klipp und klar: „Mit dem Aufstellen der Buden und Stände darf nicht eher als drei Tage vor dem ersten Markttag begonnen werden. Das Abbauen und Abfahren der Stände hat am Heiligabend, unmittelbar nach Schluss des Marktes, einzusetzen und ist während der Nachtzeit abzuschließen. Am ersten Feiertag früh muss der Platz vollständig geräumt sein.“

Auf den Märkten fanden sich viele Gewerbe. 1891 unterhielt ein Neucoschützer Buchhändler auf dem Potschappler Markt einen Stand mit gedruckten Bauernregeln – ein gefragter Artikel. Unter W wie Weihnacht hieß es in dem Büchlein: „Wer Weihnachten in der Sonne begeht, zu Ostern an dem Feuer steht!“ oder „Ist Weihnacht klar, gibt’s ein gutes neues Jahr“ oder „Weihnachten nass, gibt’s leere Speicher und Fass“.

Eine weitere Neuheit war Ende der 1920er-Jahre ein Gastspiel von Heinerles Weißeritztaler Puppenspiele. Kasperle Theater in einem Zeltaufbau. Eintrittspreise: Kinder 15 Pfennige, Erwachsene 30 Pfennige. Man saß auf schlichten Holzbänken und holte sich kalte Füße, das Zelt war ohne Heizung. Chef Heinerle wusste sich zu helfen.

Kunden wandern nach Dresden ab

Er ging nach jeder Vorstellung ins nahe „Bürgercasino“ und wärmte sich mit Grog auf. Da kam bei täglich acht Vorstellungen einiges zusammen. An einem Markttag hatte er so viel von dem alkoholisierten Getränk zu sich genommen, dass er mitten in einer Aufführung mitsamt der Kasperbühne zusammenbrach. Mühsam kam er wieder auf die Beine, nahm mit glasigem Auge und einer angedeuteten Verbeugung den Jubel der anwesenden Kinderwelt entgegen, räumte die Trümmer seines Theaters zusammen und ward in Potschappel nie wieder gesehen.

Außerhalb des Marktes zeigte sich der Handel mit dem vorweihnachtlichen Geschäftsverlauf nicht zufrieden. An den Einkaufssonntagen überwog die Neugier, gekauft wurde wenig. Nur Spielsachen bildeten eine Ausnahme. An vorderster Stelle: Puppenstuben, Schaukelpferde, Ritterburgen. Nach Auffassung der einheimischen Geschäftsleute nehme der Kundenabgang nach Dresden von Jahr zu Jahr dramatischere Formen an. Man sehe indes keine Möglichkeit, diese Entwicklung zu stoppen. Deubens Gemeindeväter entschieden sich 1901 für verlängerte Ladenöffnungszeiten, allerdings nur an den letzten zwölf Tagen vor dem Fest. Es war den Geschäften erlaubt, bis zu 22 Uhr Kundendienst zu üben. Die Rechnung ging indes nicht auf. Zur Abendzeit schwiegen die Ladenglocken, die Deubener blieben zu Hause.

Die Christbaumpreise purzelten in den 1920er-Jahren auch im Weißeritztal munter rauf und runter. Potschappler Händler priesen bis zu zwei Meter hohe Tannen für 35 Mark an und verlangten selbst für Minibäume noch bis zehn Mark. Gepfefferte Preise, die man damit begründete, dass die Bäume angeblich aus dem Schwarzwald stammten. In Deuben konnte man für keineswegs schlechtere Fichten und Tannen zu wesentlich niedrigeren Preisen haben. Leute mit Einblick meinten, die angebotenen Bäume hätten mit dem Schwarzwald nichts zu tun – eher mit dem Tharandter Wald.

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