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Als es hier über 40 Gesangsvereine gab

Zum ersten Chorgesangsfest 1863 im Garten der Döhlener „Roten Schänke“ spielt ein Harfenmädchen auf dem Windberggipfel eine Rolle.

Im Garten der Döhlener „Roten Schänke“ (heute Standort Stadtkulturhaus) fand das erste Chorkonzert im Plauenschen Grund mit großem Erfolg statt. Unsere Abbildung: Ausschnitt aus einer lithographischen Ansichtskarte von 1880. Eine idyllische Anlage,
Im Garten der Döhlener „Roten Schänke“ (heute Standort Stadtkulturhaus) fand das erste Chorkonzert im Plauenschen Grund mit großem Erfolg statt. Unsere Abbildung: Ausschnitt aus einer lithographischen Ansichtskarte von 1880. Eine idyllische Anlage, © Sammlung: Siegfried Huth

Kurz vor dem großen Ereignis liegt ein lokaler Sängerkrieg in der Luft. In der Gaststube der „Roten Schänke“ zu Döhlen reden sich über 40 Chorvorsitzende in Rage. Die durchweg seriösen Herren sind außer sich. Streitobjekt ist das erste Chorgesangsfest im Plauenschen Grund, das seit den letzten Januartagen 1863 auf Betreiben des Potschappler Männerchores angeschoben wird. Die Initiatoren hatten mit einem Rundschreiben an alle 43 singende Vereine für ein Gemeinschaftskonzert im Garten der „Roten Schänke“ geworben. Eine Anregung, die breite Zustimmung auslöste. Lediglich die Sängerschar von Coßmannsdorf stellte sich quer. Ihr Argument: Man brauche keine Reklame, man habe genügend Mitglieder.

Ansonsten herrschte wohltemperierte Harmonie. Die Vorbereitungen auf das Fest verlaufen in ungetrübter Eintracht. In letzter Minute, Mitte August, kommt plötzlich Missstimmung auf, die ausgerechnet von den Initiatoren heraufbeschworen wird. Das Potschappler Sängerteam schockt die versammelten Herren mit dem Vorschlag, das beschlossene, gemeinsame Singen in einen Chorwettstreit umzufunktionieren. Der Potschappler Chorvorstand rechnet sich nämlich Chancen aus, den Wettstreit siegreich zu beenden. Als Trophäe könnte man dann den von der Gemeindevertretung Döhlen gestifteten Pokal „Harfenmädchen auf Windberggipfel“ in Empfang nehmen und sich vom Publikum feiern lassen.

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Außer Bannewitz und Dölzschen kann sich kein Verein für den listigen Wettbewerbsgedanken erwärmen. Dem Vertreter des Burgker Chores gelingt es zwar, die Wogen der Empörung zu glätten, doch der Unmut sitzt so tief, dass zwölf Gemeinschaften abspringen. Übrig bleiben 31 Vereine, gemessen an den heutigen Verhältnissen immer noch eine überwältigende Teilnahme.

Der große Aufmarsch

Der letzte Augustsonntag 1863 ist vom Wetter her wie geschaffen für den großen Aufmarsch. Keine sengende Sonne – angenehme 23 Grad. An der Steiger-Gaststätte formiert sich der Umzug der 600 Sängerinnen und Sänger. An der Spitze der Block mit den Fahnen der Chöre, gefolgt von einer Feuerwehrkapelle aus Dresden. Dem Geschmack der Zeit entsprechend zu beiden Seiten der Kolonne die Garde der Ehrenjungfrauen in makellos weißen Kleidern, um die Stirn ein aus Eichenlaub geflochtenes Kränzchen. „Ein Bild, das wir in unserer Gegend bis jetzt noch nicht gesehen haben“, schwärmt tags darauf die örtliche Presse.

Potschappel präsentiert sich in Festtagsschmuck. Girlanden ziehen sich über die Straße, Ehrenpforten mit frischem Grün und Blumenschmuck sind aufgebaut. Einwohner und Bürger aus Dörfern des Weißeritztales bilden ein dichtes, jubelndes Spalier. Über Neucoschütz und Potschappel schwenkt die Parade zum Garten der „Roten Schänke“ (heute Standort Stadtkulturhaus), wo schon seit Stunden kein freier Platz mehr zu kriegen ist. Beifall brandet auf, als mit klingendem Spiel der Sängerumzug eintrifft.

Alsdann läuft im schattigen Garten der Gastwirtschaft alles wie am Schnürchen ab. Die Chöre haben auf dem Pavillon Platz genommen, eingestimmt wird das Programm mit dem gemeinsamen Singen eines Chorals, dem folgt das gemeinsame Chorkonzert. Der Vortrag eines Dresdner Musikwissenschaftlers zum Thema „Gesang schafft Lebensfreude“ geht mangels Tontechnik unter.

Zum abschließenden Ball im Saal muszieren zwei Orchester. Das Parkett wird nicht leer – damals tanzten auch betagte Paare mit Hingabe. Ein beschwingter und zum Teil beschwipster Ausgang der lokalen Besonderheit, über den man rund um den Windberg noch lange sprechen wird.

Der Potschappler Männerchor hat übrigens die Harfenmädchen-Trophäe noch bekommen – für perfekte Vorbereitung des Festes. Ich halte es für möglich, dass der Pokal auch heute noch auf dem Dachboden irgendwo ein eher unrühmliches Dasein führt.

Heimfahrt mit tragischem Ausgang

Ein tragisches Ende nahm ein ebenfalls 1863 in Wilsdruff ausgetragenes Gesangsfest. Neben dem Tharandter Chor hatte der Veranstalter Vereine aus Meißen und Oschatz eingeladen. Viele Gäste besuchten das Fest auf dem Platz am Schützenhaus, wo, bestens organisiert, vor allem Wils-druffer Chöre Lieder anstimmten.

Eindrücke, die tags darauf von einem schweren Unfall überschattet wurden. Für die Heimreise hatte Wilsdruff den Oschatzer Sängern zwei geschmückte Erntewagen zur Verfügung gestellt. Aus der Reise wurde indes keine fröhliche Fuhre. Als das erste Gefährt die Meißner Gasse passierte, wollte sich der junge Fuhrmann des folgenden Wagens schneidig in Szene setzen. Er ließ die Pferde galoppieren, Seite an Seite jagten beide Wagen über die schmale Fahrspur. Plötzlich scheuten die Gäule des vorderen Fuhrwerks, die verängstigten Tiere scherten seitwärts aus. Mit einem jähen Ruck wurde der Wagen an das seitliche Mauerwerk geschleudert. Vier Sänger stürzten von dem Gefährt und zogen sich schwere Verletzungen zu. Die Sänger auf der Wagenfläche selbst lagen im wirren Durcheinander. Der alarmierte Arzt musste sich Verstärkung holen. Frakturen, Platzwunden und Verstauchungen waren umgehend zu behandeln. Der örtliche Anzeiger überschrieb seinen Bericht mit der Schlagzeile: „Blutbad in der Meißner Gasse.“ Die Veranstaltungen waren zutiefst unglücklich. Indes, die Zeit heilte auch hier die Wunden. Drei Jahre später nahmen die Oschatzer Sangesfreunde die Einladung zum Wilsdruffer Chorfest an.

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