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Eine Kreischaer Dopingexpertin in Tokio

Die Chemikerin Astrid Knieß erlebt Olympia in Tokio im Ausnahmezustand aus Hotel, Shuttle, im Labor, bei Tests - aber trotzdem mit Kontakten.

Astrid Knieß (l.) , Simone Reimann und Sebastian Rzeppa in ihrem Hotel in Tokio. Im Hintergrund ist der knapp 333 Meter hohe Tokyo-Tower zu sehen. Erbaut wurde der 1958 nach dem Vorbild des Pariser Eiffelturms.
Astrid Knieß (l.) , Simone Reimann und Sebastian Rzeppa in ihrem Hotel in Tokio. Im Hintergrund ist der knapp 333 Meter hohe Tokyo-Tower zu sehen. Erbaut wurde der 1958 nach dem Vorbild des Pariser Eiffelturms. © Foto: Simone Reimann

Zwei Wochen sind die drei Spezialisten vom Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden in Kreischa nun in Tokio. Eine Woche bleibt ihnen noch. Mit Kollegen aus weltweit 29 Dopinglaboren leisten die Chemiker Astrid Knieß und Sebastian Rzeppa sowie die Chemisch-Technische Assistentin Simone Reimann ihren Beitrag für saubere Wettkämpfe.

Reimann, deren Expertise bei der Analytik von Erythropoetin (Epo) gefragt ist, arbeitet in Tokio dort, wo die Urin- und Blutproben der Athleten entgegengenommen werden. Die Chemiker, die beide schon Erfahrungen bei Olympischen Spielen haben, sind mit der Auswertung der Analyseergebnisse beschäftigt. Wie die drei Kreischaer die besonderen Spiele unter Pandemie-Bedingungen erleben, das hat Astrid Knieß Sächsische.de gesagt.

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Frau Knieß, wie erleben Sie die Stadt Tokio und die Situation vor Ort ?

Tokio ist eine erstaunlich Stadt mit beeindruckenden Ausmaßen. Im Stadtzentrum reiht sich ein Hochhaus an das andere. Damit meine ich nicht Zehngeschosser wie in Dresden, sondern Häuser mit 20 bis 50 Etagen. Dazwischen gibt es ab und zu Parks. Die Dichte der Stadt ist aber mit unseren großen Städten im Osten Deutschlands nicht vergleichbar. Es läuft alles planmäßig und geordnet ab, nicht nur die Organisation unseres Betriebes ist bemerkenswert, sondern die ganze Stadt macht einen sauberen und ordentlichen Eindruck. Der Verkehr über die großen Hauptachsen auf zwei Ebenen ist erstaunlich flüssig. Es gibt auf unserer Strecke zum Labor fast keine Staus.

Wie weit ist Ihr Hotel vom Dopinglabor entfernt?

Wir fahren etwa 30 Minuten mit dem Shuttle-Bus, der eigens für uns Labormitarbeiter bereitgestellt wird. Wir dürfen aufgrund der strengen Corona-Auflagen natürlich keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Allerdings ist das Shuttlesystem für die Labormitarbeiter auch bei anderen Spielen so gewesen.

Was ist für Sie anders als bei vorangegangenen Olympischen Spielen?

Wir werden keine Möglichkeiten haben, irgendwelche Wettkämpfe zu sehen oder auch nur das Feeling im Olympischen Dorf zu spüren. Dabei hatten wir noch vor unserer Abreise gedacht, dass wir wenigstens nach den zwei Wochen der uns auferlegten Quarantäne auch mal einen Wettkampf sehen können. So bleibt uns in unserer Freizeit wie allen anderen auch das Fernsehen. Mehr leider nicht.

Und wie sieht es mit einem Spaziergang durch die Stadt aus?

Auch das ist nicht möglich. Im Hotel wird der Ausgang der Bewohner an zwei Stellen überwacht, nicht durch die Polizei, aber durch Sicherheitsleute. Wir müssen uns in Listen eintragen, mit denen auch die 15 Minuten überwacht werden, in denen wir mal zum Supermarkt gehen dürfen. Ab unserem 15. Tag, also nach der Quarantäne, sind wir im Moment noch optimistisch, wenigstens mal für eine kleine Runde das Hotel verlassen zu dürfen. Für uns wäre das ab 5. August, also diese Woche Donnerstag.

Haben Sie überhaupt noch Freizeit, und wie verbringen Sie diese?

Ja, nach den neun bis zehn Stunden Arbeitszeit haben wir schon noch etwas Freizeit. Die können wir aber nur im Hotel verbringen - mit Kommunikation mit der Heimat, fernsehen, lesen und etwas Sport im Hotelzimmer.

Wie viele Proben gehen täglich im Labor ein?

Das unterliegt eigentlich strenger Geheimhaltung. Allerdings wurde bekannt, dass bei Olympischen und Paralympischen Spielen zusammen an die 6.500 Proben untersucht werden, so viele wie im Tokioer Labor sonst in einem Jahr. Damit lässt sich in etwa sagen, dass so 250 bis 300 Proben täglich eingehen. Vor den Wettkämpfen, als das Olympische Dorf für die Athleten öffnete, gab es natürlich nicht so viele Tests wie jetzt in der Hauptwettkampfphase. Und ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass hier mitunter täglich so viele Proben eingehen, wie bei uns in Kreischa in einer Woche. Und die müssen binnen 24 Stunden auf verbotene Substanzen untersucht werden. 350 stehen aktuell auf der Dopingliste. Aber darauf ist das Labor vorbereitet. Es wird im Drei-Schicht-System gearbeitet. Berichtet wurde ja auch, dass es erste positive Fälle bei afrikanischen Sportlern gab. Bei uns läuft aber alles anonym.

Wie sind die Kontakte mit den ausländischen Kollegen?

Die sind trotz aller Beschränkungen sehr herzlich. Eigentlich spüren wir im Labor nicht, dass irgend etwas anders ist als sonst, außer der Sache mit der Maskenpflicht. Die Zusammenarbeit ist sehr offen, wir tauschen Erfahrungen aus. Das ist für uns immens wichtig und ein wesentlicher Grund, warum wir an dieser Arbeit teilnehmen.

Haben Sie angesichts der steigenden Corona-Zahlen in Tokio und auch bei den Olympia-Teilnehmern Sorge?

Nein, die steigenden Zahlen hängen sicher nicht mit den Olympischen Spielen zusammen. Hier ist wirklich alles abgeschirmt. Ich habe keine Zahlen über das Olympische Dorf, aber hier im Labor sind wir auf jeden Fall keiner Gefahr ausgesetzt, und raus dürfen wir ja nicht. Doch selbst steigende Zahlen würden uns nicht davon abhalten uns etwas in Tokio anzuschauen, wenn wir denn dürften.

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Jeden Morgen müssen wir die Körpertemperatur messen und unseren Gesundheitszustand einschließlich der Temperatur in eine App eintragen. Darüber hinaus wird noch mehrmals die Temperatur an Wärmebildkameras im Hotel und im Labor gemessen. Im Durchschnitt ist jeden zweiten Tag ein PCR-Test Pflicht. Die Maske müssen wir tragen, sobald wir das Hotelzimmer verlassen, also etwa zwölf Stunden täglich. Zudem mussten wir im Vorfeld eine Corona-App installieren, die vermutlich ähnlich wie unsere in der Heimat funktioniert, also über Bluetooth die Kontakte registriert.

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