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"Schlaganfälle sollte man nicht ignorieren"

Mit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Schlaganfälle gesunken. Dahinter stecke ein ernstes Problem, sagt Chefarzt Dirk Münch von den Kliniken Freital und Dipps.

Dirk Münch ist Chefarzt an den Kliniken Freital und Dippoldiswalde.
Dirk Münch ist Chefarzt an den Kliniken Freital und Dippoldiswalde. © Egbert Kamprath

Schlaganfälle zählen zu den häufigsten Todesursachen in den westlichen Industrieländern. In Deutschland erleiden dem Ärzteblatt zufolge geschätzt jährlich zwischen 243.000 und 260.000 Menschen einen Schlaganfall. Viele von ihnen überleben dank guter medizinischer Versorgung, erleiden aber teils gravierende Folgeschäden.

Eine ernstzunehmende Krankheit also, doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Zahl der Schlaganfallpatienten an deutschen Krankenhäusern merklich gesunken. Dirk Münch ist Internist, Chefarzt der Klinik für Herz- und Gefäßerkrankungen in Freital und zugleich leitender Chefarzt der Kliniken für Innere Medizin an den Helios-Kliniken in Freital und Dippoldiswalde. Er erklärt, woran man Schlaganfälle erkennt und weshalb man diese auf gar keinen Fall ignorieren sollte.

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Herr Dr. Münch, woran liegt es, dass seit dem Beginn der Corona-Pandemie weniger Menschen einen Schlaganfall erleiden?

Es gibt nicht weniger Schlaganfälle. Aber es gibt weniger Menschen, die zur Untersuchung von selbst in ein Krankenhaus kommen, weil sie Angst vor dem Corona-Virus haben. Wir haben im Schnitt jährlich um die 400 Schlaganfallpatienten in den Kliniken Dippoldiswalde und Freital. Dieses Frühjahr haben wir tatsächlich beobachtet, dass die Zahlen runtergegangen sind. Das ist besorgniserregend.

Warum?

Weil die leichten Fälle deshalb unentdeckt und unbehandelt bleiben. Leichte Schlaganfälle verlaufen tatsächlich sehr glimpflich. Die Betroffenen haben zwar Ausfallerscheinungen, zum Beispiel Lähmungen in den Gliedmaßen, akuten Schwindel oder Sehstörungen, aber diese verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Doch der Schlaganfall ist trotzdem da, die Ursache nicht behandelt und es droht über kurz oder lang ein schwerer Schlaganfall.

Erklären Sie doch bitte einmal, wie Schlaganfälle zustande kommen.

Die meisten Schlaganfälle, rund 85 Prozent, sind sogenannte Hirninfarkte. Sie entstehen, wenn sich in den Blutgefäßen Kalk ablagert. Diese Ablagerungen verengen das Blutgefäß allmählich immer mehr. Wird es zu eng, kann kaum noch Blut hindurchgepumpt werden. Es staut sich vor der Engstelle, verklumpt und bildet Gerinnsel, welche die Engstelle schlagartig verschließen. Das Hirngewebe, was hinter dem Verschluss liegt, kann dann nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Das Gewebe stirbt ab. Je nachdem, wie groß das Gerinnsel ist, richtet es mehr oder weniger Schaden an. In jedem Falle gilt, dass man möglichst schnell mit der Behandlung beginnen muss. Da geht es um Minuten. Die restlichen 15 Prozent der Schlaganfälle werden durch Hirnblutungen hervorgerufen. 

Welche Behandlungsmethoden werden angewandt?

Als sehr erfolgreich bei den Hirninfarkten hat sich die Lysebehandlung erwiesen. Dem Patienten wird innerhalb der ersten sechs Stunden nach dem Schlaganfall ein Blutverdünner verabreicht, damit sich das Gerinnsel auflösen kann. Zuvor fertigt man eine Computertomografie an, um festzustellen, ob es sich um eine Blutung oder einen Hirninfarkt handelt und an welcher Stelle des Körpers das Gerinnsel sitzt. Es gibt auch Methoden, das Gerinnsel mittels Katheterbehandlung zu beseitigen. Dabei macht man einen kleinen Schnitt, führt einen Katheter ein und entfernt das Gerinnsel. Solche Eingriffe werden an wenigen Krankenhäusern mit einer besonders spezialisierten Fachabteilung, wie zum Beispiel an der Uniklinik in Dresden, durchgeführt.

Trifft ein Schlaganfall nur ältere Menschen?

Das ist vor allem eine Erkrankung des Alters. Zu den Risikogruppen gehören starke Raucher, Bluthochdruck- und Diabetes-Patienten. Um das Risiko zu verringern, sollte man solche Vorerkrankungen unbedingt gründlich behandeln und sich gut mit Medikamenten einstellen lassen. Bei uns in der Region gibt es übrigens sehr viele schwere Schlaganfälle. Das hängt mit der Bevölkerungsstruktur zusammen: Es leben hier sehr viele Ältere.

Was kann man tun, um dem Risiko Schlaganfall aus dem Weg zu gehen?

Eine gesunde Lebensweise kann viele Krankheitsrisiken minimieren. Viel Bewegung, Sport und eine gesunde Ernährung sollten selbstverständlich sein.

Was weiß man bereits über den Einfluss einer Coronavirus-Infektion auf das Schlaganfall-Risiko?

Es gibt erste Erkenntnisse, dass diese Viren zu Veränderungen im Immunsystem führen können. Das wiederum kann Entzündungen in den Blutgefäßen hervorrufen. Es kommt zur Blutgerinnselbildung, zum Verschluss der Blutbahnen und zum Schlaganfall. Das kann dann auch sehr junge Menschen treffen. Man sollte die Pandemie nicht auf die leichte Schulter nehmen.

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