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Kreischa: Besuche weiter stark rationiert

Angehörige verzweifeln, weil sie nur einmal die Woche in die Bavaria-Klinik dürfen. Begründung ist weiterhin der Corona-Virus. Dabei liegt die Inzidenz nahe null.

Das Grübeln ist das Schlimmste. Grit Hemmer will ihren Ehemann in der Reha mehr unterstützen und kann nicht verstehen, weshalb sie das nicht darf.
Das Grübeln ist das Schlimmste. Grit Hemmer will ihren Ehemann in der Reha mehr unterstützen und kann nicht verstehen, weshalb sie das nicht darf. © SZ/Gunnar Klehm

Es dauert einen Moment. Aber dann kommt eine Reaktion, eine kleine. Ein Blinzeln oder ein leichtes Handdrücken auf eine Ja- oder Nein-Frage. Grit Hemmer hockt neben ihrem Ehemann, der in einem Pflegestuhl in der Bavaria Klinik Kreischa sitzt. Sie versucht, jede Regung zu deuten. Das sind die kleinen Fortschritte, die Angehörigen von Patienten mit schweren neurologischen Erkrankungen immer wieder Hoffnung geben. Zu sprechen, das schafft er noch nicht. Zu schwerwiegend sind die Folgen einer komplizierten OP.

Die Dresdnerin würde gern all ihre Zeit opfern, um die Behandlung ihres Mannes in der Rehabilitation zu beschleunigen. Doch Grit Hemmer darf nicht. Lediglich einmal die Woche wird ihr die Tür der Klinik geöffnet, nach schriftlicher Anmeldung oder Onlinebuchung. "Weitere Wünsche wurden vom Besucherservice der Klinik einfach abgelehnt", sagt Grit Hemmer. Das sei eine Anweisung der Geschäftsleitung der Klinik, wird ihr mitgeteilt. Bei Sterbebegleitung könnte man eine Ausnahme machen. Aber so kritisch ist der Zustand ihres Mannes zum Glück nicht mehr.

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Klinik beruft sich auf Virologen

Seit der Corona-Pandemie hat die Reha-Klinik in Kreischa die Besuchsmöglichkeiten drastisch eingeschränkt. "Wir müssen das Risiko so gering wie möglich halten und unsere Patienten bestmöglich schützen", schreibt die Klinik in einer Pressemitteilung. Dabei verlasse man sich auf Virologen, die "die Delta-Variante des Virus als sehr gefährlich einstufen", heißt es weiter.

Dass eine Corona-Infektion insbesondere bei Schwerkranken gefährlich sein kann, ist Hemmer bewusst. Die Inzidenz im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge liegt seit Wochen aber nur noch im einstelligen Bereich und eher nahe null. Lediglich 16 Neuinfektionen wurden in den letzten sieben Tagen laut Robert-Koch-Institut registriert. Nicht in der Klinik, sondern im gesamten Landkreis. "Da kann man doch nicht an Regeln festhalten, wie zur Hochzeit der Pandemie", sagt Hemmer. Getestet ist man als Besucher ja ohnehin.

Sie schreibt an die Geschäftsleitung. Auf eine Antwort wartet sie seitdem vergeblich. Mit ihrem Mann mitzuleiden, hat sie sehr niedergeschlagen. "Man ist so hilflos", sagt sie. Doch das mit den Besuchen will sie nicht mehr einfach so hinnehmen. Dreimal war sie in der Klinik, also sind bereits drei Wochen vergangen. Sie nimmt sich einen Anwalt und versucht auf juristischem Wege, mehr Kontakt zu ihrem Ehemann zu bekommen.

Doch auch die gesetzten Fristen lässt die Klinik-Leitung verstreichen, ohne sich zu erklären. Diese Woche hat Grit Hemmer deshalb einen Antrag auf ein Eilverfahren beim zuständigen Amtsgericht Dippoldiswalde eingereicht.

Klinik-Formblatt wirkt wie Hohn

Einmal lag Post von der Klinik bei ihr im Briefkasten. Es waren Formalien. Darunter auch das Formular zur Besuchsregelung. Das las sich wie Hohn. "Insbesondere bei der Behandlung andauernder und schwerwiegender Erkrankungen sind regelmäßige Besuche durch Angehörige beziehungsweise Freunde als medizinisch sinnvoll zu bewerten und zu befürworten. Die Nähe zu Bezugspersonen kann den Heilungsprozess unterstützen."

Das würde Grit Hemmer ja gern, wenn sie denn dürfte. Dann wurde noch angeboten, dass die Klinik ihre Patienten unterstützt, mit ihren Angehörigen via Skype zu kommunizieren. Es handelt sich im Fall von Hemmers Mann aber um einen Patienten, der sich aktuell nicht äußern kann.

Im Umkehrschluss könnte man nach dem Lesen des Klinik-Schreibens meinen, dass der Heilungsprozess verlangsamt wird, mit Einschränkung der Besuche auf einen pro Woche. Wer kann daran Interesse haben? Diesen einen Termin noch an Freunde abzugeben, das käme der Dresdnerin auch nicht in den Sinn und macht eher wütend.

"Keine andere Klinik handelt so rigoros, nur Kreischa", sagt sie. Ihren Mann könnte sie in eine andere Klinik verlegen lassen. Doch nach vier Wochen ist das Pflegepersonal ja so etwas wie die einzigen Bezugspersonen geworden. "Was ich erlebe, geben die sich auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten alle Mühe", sagt Hemmer. Es könnte aber mehr sein, wenn Angehörige mitwirken dürften.

Aufsichtsbehörde kann nichts tun

Belegbar ist das nicht, dass es in Sachsen keine andere Klinik gibt, die nur einmal die Woche Besuche für eine Stunde zulässt. Der Landesdirektion Sachsen (LDS) liegt keine Übersicht über die Besuchsregelungen der Kliniken vor, teilt diese auf Nachfrage von saechsische.de mit. Diese Regelungen sind nicht meldepflichtig. "Da die Bavaria-Klinik Kreischa eine Rehaklinik ist und kein Akutkrankenhaus, hat die Landesdirektion keine Rechtaufsicht nach dem Sächsischen Krankenhausgesetz", so die LDS weiter.

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Viele Angehörige wissen auch gar nicht, dass es eine solche Aufsichtsbehörde gibt. Dennoch ist es der dritte Fall von Angehörigen Kreischaer Patienten, die sich Hilfe suchend an die LDS gewandt haben. Die könne aber nichts tun, "da Privatkrankenanstalten mit der Besuchsregelung ihr Hausrecht ausüben".

Grit Hemmer sieht als letzte Möglichkeit nur, auf juristischem Weg mehr Besuchszeit zu bekommen. "Wenn jeder Mediziner sagt, dass es für den Heilungsprozess hilfreich ist, dann kann man doch nicht so ein Schema F fahren."

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