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Abschied aus Freital ohne richtiges Finale

Angelika Schminder, die Chefin des Stadtkulturhauses, geht in den Ruhestand – nach zwei verkorksten Spielzeiten.

Freitals Kulturhauschefin Angelika Schminder geht in den Ruhestand.
Freitals Kulturhauschefin Angelika Schminder geht in den Ruhestand. © Karl-Ludwig Oberthür

Absagen, Absagen, Absagen – ein furioses Finale sieht anders aus. Für Angelika Schminder ist es frustrierend. Die Chefin des Stadtkulturhauses Freital geht zum Ende der Spielzeit, die ja keine ist, in den Ruhestand. Es ist ihre zehnte, in der sie gern die Früchte ihres Wirkens an der Weißeritz geerntet hätte. Stattdessen ist die Dresdner Kulturwissenschaftlerin, wie auch ihre Mitarbeiter, schon seit einem Jahr in Kurzarbeit und vor allem damit beschäftigt, Veranstaltungen umzuplanen oder ganz zu streichen. Was einen erheblichen organisatorischen Aufwand bedeutet, freilich ohne Belohnung in Form eines vollen Hauses.

Am Eingang zur Laterne, wegen seiner intimen Atmosphäre Angelika Schminders liebster Veranstaltungsraum im Stadtkulturhaus, ist die Pinnwand voll mit überholten Plakaten des ersten Quartals dieses Jahres. Dabei handelt es sich ausnahmslos um Ersatztermine aus dem vergangenen Jahr, die erneut den staatlichen Restriktionen zum Opfer fallen: Linda Feller, Gunter Böhnke, die Herkuleskeule, A Spirit of Smokie, die Medlz oder die stets ausverkauften Abende rund um den Whisky.

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„Ich hatte erst befürchtet, eine Whiskyverkostung läuft hier nicht, aber das war gleich ein Erfolg“, erinnert sich Angelika Schminder. Andere Reihen hingegen musste sie mangels Zuspruch beerdigen. Besonders schmerzlich war das Ende der „Guten Laune“ nach 49 Jahren. „Das war schade“, sagt sie. „Aber wir hatten nur noch sechzig Abonnenten.“ Als Ersatz gibt es Einmietungen von Tourneeveranstaltern mit Volksmusik und Schlagern ohne finanzielles Risiko für das Stadtkulturhaus.

Erfolgreiche Schultheaterwochen

Dabei war es ihr erklärtes Ziel, nicht alles über Bord zu werfen, mit dem ihr Vorgänger Gert Knieps das Haus in zwanzig Jahren profiliert hatte. „Aber manche Dinge haben einfach ihre Zeit“, sagt Angelika Schminder. Sie setzte dafür neue Akzente, begründete mit dem Dresdner Kapell-Salon unter Leitung von Johannes Wulff-Woesten die Tradition eines Neujahrskonzertes und erweiterte die Kabarett-Reihe auf zehn Veranstaltungen. Selbst die Rockmusik konnte Angelika Schminder, die privat am liebsten Blues hört, mit Konzerten im Saal und der Live-Bühne im „da capo“ in Zusammenarbeit mit dem aus Freital stammenden Musiker Tino Zetzsche wieder im Kulturhaus etablieren.

Besonders stolz ist sie auf die Schultheaterwoche, die im März 2013 zum ersten Mal stattfand. „Das Projekt habe ich gemeinsam mit den Landesbühnen Sachsen gleich an meinem ersten offiziellen Arbeitstag auf den Weg gebracht“, sagt sie. Das war am 2. Januar 2012, da sprach sie mit Intendant Manuel Schöbel, der auch gerade erst sein Amt angetreten hatte, und Referentin Jane Taubert über die weitere Zusammenarbeit in Freital.

Die Schultheaterwoche gehört zu Angelika Schminders Bestreben, mehr junge Menschen in das Haus zu holen. Die Nachfrage war zunächst verhalten. Aber Jahr um Jahr kamen mehr Schüler, so dass aus einer Woche bald zwei Wochen wurden und zuletzt sogar drei. In diesem Jahr wäre es die neunte Auflage gewesen, die aber fiel ersatzlos aus. 2020 markierte ein Höhepunkt das vorzeitige Ende des achten Durchgangs: Am 12. März hatte in Freital das Klassenzimmerstück „Zilan B.“ Premiere, es war die erste im Rahmen der Schultheaterwoche. Einen Tag später war dann alles dicht – die Regierungen von Bund und Land verfügten den kompletten kulturellen Stillstand, der bis heute andauert.

Nachfolger kommt zum 1. Juli

Was nicht heißt, dass im und für das Stadtkulturhaus nicht gearbeitet wird. Einmal in der Woche ist Angelika Schminder im Büro, meistens gleich zehn Stunden, ansonsten arbeitet sie von zu Hause aus. „Es ist ja nicht so, dass wir nichts zu tun hätten“, sagt sie. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich wie eh und je Mappen und Papiere. „Das ist keine Unordnung, hier liegen nur überall Ideen herum“, heißt ein treffender Sinnspruch, den die Direktorin an ihre Wand gehängt hat. Die 64-Jährige schreibt Fördermittelanträge, kümmert sich um die steuerlichen Belange des Hauses – und plant die nächste Spielzeit. Mit Sorgenfalten auf der Stirn: „Keiner weiß, welche Regeln dann gelten, und vor allem weiß keiner, ob das Publikum überhaupt wiederkommen wird.“

Angelika Schminder befürchtet, dass sich mancher aus Angst nach dem Ende der Corona-Pandemie nicht mehr in das Stadtkulturhaus traut. Es kann auch sein, dass die zum dritten Mal verschobenen Veranstaltungen dann nur mit deutlich reduziertem Platzangebot stattfinden dürfen. „Aber wir leben nun mal von ausverkauften Veranstaltungen im großen Saal“, sagt Angelika Schminder. „Ich denke, es wird die kleine Form vorherrschen, damit aber sinken die Einnahmen. Wie das zu schaffen sein soll, weiß derzeit keiner.“

Wie auch immer – der Spielplan sei zu achtzig Prozent fertig, sagt Angelika Schminder. Das habe sie ihrem Nachfolger nicht überlassen können. „Der soll zum 1. Juli kommen, da kann man nicht erst mit der Planung anfangen.“ Wer das sein wird, will der Träger des Hauses, der Kulturverein Freital, noch nicht bekanntgeben.

Berufsstart im Pentacon-Kulturhaus

Angelika Schminder hinterlässt nun zum letzten Mal ihre inhaltlichen Spuren im Angebot des Hauses, das seit ihrem Amtsantritt enorm an Familienfreundlichkeit gewonnen hat. Dazu gehören Gastspiele mit dem „Traumzauberbaum“, Ferienprogramme, Auftritte der im Haus beheimateten Tanzvereine oder der Kunsthandwerkermarkt und das Puppenspielfest. Mit Marco Vollmann gibt es jetzt sogar eine feste Puppenbühne im Haus.

Mit der Übernahme der Leitung des Stadtkulturhauses war Angelika Schminder vor neun Jahren zu ihren beruflichen Wurzeln zurückgekehrt – und nach Dresden, ihrer Wahlheimat. Sie stammt aus Leipzig, wo sie auch studierte. In Dresden startetet sie ins Arbeitsleben, als stellvertretende Leiterin des Pentacon-Kulturhauses. Die Wende überlebte die Einrichtung nicht. Angelika Schminder baute eine private Stellenvermittlung auf, war in der Plakatwerbung tätig und als Unternehmensberaterin. Vor allem aber war sie in Hotels am Bodensee und in Griechenland sowie zuletzt beim Bankhaus Metzler in Frankfurt Managerin für den Bankett-Bereich, organisierte Feste und Tagungen unter anderem für die Europäische Zentralbank.

Geht mit gemischten Gefühlen

Nach Freital kam sie über einen Zauberer: Karl-Heinz Kaiser, der häufig im Kulturhaus Pentacon aufgetreten war, traf Angelika Schminder beim Einkaufen und erzählte ihr, dass Gert Knieps einen Nachfolger suche. Sie hatte Lust, mit Mitte 50 noch einmal neu zu starten, bewarb sich und setzte sich unter mehreren Bewerbern durch.

Eigentlich hatte sie sich auf ihren Ruhestand gefreut, nun geht sie mit gemischten Gefühlen. „Es macht mich traurig, nach so einem Jahr zu gehen“, sagt sie. „Corona hat zehn Jahre Arbeit kaputtgemacht. Mein Nachfolger beginnt wieder bei null.“

Vielleicht aber auch nicht. Das wird sich zeigen, wenn im Kulturhaus wieder kulturelle Veranstaltungen stattfinden dürfen – und nicht nur Sitzungen des Stadtrates oder, wie im Dezember, Filmaufnahmen zum Musikvideo „Mein letzter Freund“ von Linda Feller und Muck.

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