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Am Abend mancher Tage

Werther Lohse singt Rockballaden seiner Band Lift in der Christuskirche Freital-Deuben – gleich gegenüber hat er mal gewohnt.

Sänger Werther Lohse und Organist André Jolig in der Christuskirche Freital-Deuben.
Sänger Werther Lohse und Organist André Jolig in der Christuskirche Freital-Deuben. © Thomas Morgenroth

Mit einer gewissen Ehrfurcht steht Werther Lohse vor dem Taufbecken in der Christuskirche in Freital-Deuben und konzentriert sich auf seinen Einsatz. Als unter den Händen und Füßen von André Jolig die ersten Töne der Jehmlich-Orgel den sakralen Raum ausfüllen, nimmt Lohse das Mikrofon und singt: „Am Abend mancher Tage, da stimmt die Welt nicht mehr, irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.“ Es ist das bekannteste und auch berührendste Lied der Gruppe Lift, 1980 war es der Hit des Jahres in der DDR.

1979 sang es Werther Lohse zum ersten Mal. Den Text hatte der Schriftsteller Joachim Krause auf seine Bitte hin zu einer Komposition von Wolfgang Scheffler geschrieben – in Erinnerung an das bis heute furchtbarste Ereignis in der Bandgeschichte. Am 15. November 1978 verunglückten bei einer Tournee in Polen drei Mitglieder während einer Autofahrt. Sänger Henry Pacholski und Bassist Gerhard Zachar, der Chef der Band, starben, Keyboarder Michael Heubach wurde schwer verletzt.

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Erstes Konzert nach Corona-Pause

Lift schien am Ende. Werther Lohse, der 1974 als Schlagzeuger und Sänger zu der im Jahr zuvor in Dresden gegründeten Gruppe kam, war zu jener Zeit bei der Stern-Combo Meißen. „Ich musste im Frühjahr 1978 wegen gesundheitlicher Probleme pausieren“, erinnert sich Lohse. Weil bei Lift unterdessen Frank-Endrik Moll am Schlagzeug aushalf, folgte Lohse der Einladung von Martin Schreier und spielte mit der Stern-Combo das Album „Weißes Gold“ ein. Nach den tragischen Ereignissen kehrte er 1979 als Sänger und Bandleader zu Lift zurück – und das ist er heute noch.

Unter dem Titel „Am Abend mancher Tage“ gibt Werther Lohse nun am Sonnabend in der Christuskirche ein Konzert, das für ihn in mehrfacher Hinsicht ein besonderes ist. Es ist das erste Mal, dass er nach der vom Staat verhängten Corona-Pause wieder vor Publikum singen darf. „Mein letzter Auftritt ist Monate her“, sagt Lohse, der den erzwungenen Stillstand nutzte, um mit der Band die EP „Der Admiral“ mit vier Liedern aufzunehmen, produziert von Holly Loose, dem Frontmann der Band Letzte Instanz, der auch den Text zum Titelstück schrieb. Zudem ist es erst das dritte Konzert des 2019 begründeten Projekts, nach Dresden und Halle fielen zunächst alle weiteren Termine aus – auch der in Freital, der nun nachgeholt wird.

Werther Lohse vor dem Deubener Pfarrhaus, in dem er einst wohnte.
Werther Lohse vor dem Deubener Pfarrhaus, in dem er einst wohnte. © Thomas Morgenroth

Vor allem aber ist der Auftritt in der Christuskirche für Werther Lohse eine Reise zu seinen Wurzeln. Bis er 1982 nach Berlin umgezogen ist, weil dort alle wichtigen Instanzen für die professionelle Rockmusik waren, wohnte er mit seiner Frau Christel im Pfarrhaus gegenüber. Im Dezember 1978 hatten sie geheiratet – unter dem Eindruck der tragischen Todesfälle bei Lift. „Da ist mir klar geworden, dass das Leben endlich ist“, sagt Lohse. „Wir waren schon sieben Jahre zusammen, nun sollte es schnell gehen.“ Den nächsten freien Termin auf einem Standesamt fand er in Tharandt, und so wurden sie in der Forststadt getraut.

Werther Lohse ist im Erzgebirge geboren und kam als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Freital. Sie wohnten auf dem Raschelberg, Lohse später auch eine Zeit lang in einem Plattenbau in Zauckerode – Tür an Tür mit Peter „Mampe“ Ludewig von Electra. Lohse, der nebenbei bei Amethyst und Vitamin C trommelte, begann zunächst ein Maschinenbaustudium, das er abbrach, um an die Dresdner Musikhochschule zu wechseln. Er war noch Student, als ihn Gerhard Zacher zu Lift holte.

Die Gruppe Lift in den Achtzigern bei Rock für den Frieden im Palast der Republik (von links): Frank-Endrik Moll, Wolfgang Scheffler, Werther Lohse, Till Patzer und Michael Schiemann.
Die Gruppe Lift in den Achtzigern bei Rock für den Frieden im Palast der Republik (von links): Frank-Endrik Moll, Wolfgang Scheffler, Werther Lohse, Till Patzer und Michael Schiemann. © Günther Gueffroy

Rockballaden als Orgelvesper

Heute ist Lohse das letzte verbliebene Bandmitglied aus der Anfangszeit. Keyboarder André Jolig, der beim Konzert am Sonnabend die Orgel spielt, kam 2013 zur Band, als sie ihren 40. Geburtstag feierte – mit einem Konzert in der Kreuzkirche Dresden, unter anderem mit dem Kreuzchor. Vier der Sänger von damals – Moritz Schlenstedt, Alexander Deke, Johann Meyer und Elias Riemenschneider –, mittlerweile Studenten, singen jetzt in Freital mit Lohse im Stil einer Orgelvesper die schönsten Balladen der Gruppe Lift. Dazu gehören „Sommernacht“, „Mein Herz soll ein Wasser sein“, „Meeresfahrt“ und den Hit „Am Abend mancher Tage“, den Werther Lohse vergangenen Sonntag in der Christuskirche mit Hingabe probte.

19. Juni, 19 Uhr, Tickets an der Abendkasse.

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