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Dem Geist des Baumes auf der Spur

Horst Hoppe ist ein Meister des Holzschnitts. Jetzt bekommt er den Kultur- und Kunstpreis der Stadt Freital.

Horst Hoppe im Oktober 2019 mit drei Wikingern im Einnehmerhaus Freital, anlässlich seiner Ausstellung zum 85. Geburtstag.
Horst Hoppe im Oktober 2019 mit drei Wikingern im Einnehmerhaus Freital, anlässlich seiner Ausstellung zum 85. Geburtstag. © Thomas Morgenroth

Vor dem Rathaus in Döhlen haben sich am 18. Oktober 1927 sechsundreißigeinhalb Männer versammelt, die für einen unbekannten Fotografen posieren. Die Person ganz rechts hatte Pech, sie passte nicht mehr aufs Bild und ist längs in der Mitte abgeschnitten. Es handelt sich um eine Kommission von Medizinalbeamten des Völkerbundes, die sich in der damals erst sechs Jahre jungen Stadt Freital über die Gesundheitsfürsorge informieren. Die Herren kommen unter anderem aus Argentinien, den USA, Japan und der Sowjetunion.

Einem der Ärzte ist posthum eine besondere Karriere beschieden: Er dient als Räuchermann im Haushalt der Familie Hoppe auf dem Raschelberg. Horst Hoppe schnitzte die Figur in erzgebirgischer Tradition aus Lindenholz, verpasste dem befrackten Mediziner einen Mittelscheitel mit reichlich Pomade und eine rote Nase. Er steckte ihm eine dicke Zigarre in den Mund, aus dem es gelegentlich qualmt.

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Anregungen aus einem Buch

Vor seinem Bauch hält der etwas duselig wirkende Herr ein Schild mit einem Stellenangebot: „Küchenmamsell, tüchtig im Fache, per 15. August gesucht.“ Es handelt sich dabei um eine echte Anzeige aus der Zeit. Eine hintergründig ironische Zutat, die der Figur einen überraschenden Witz verleiht. Überhaupt ist Horst Hoppe alles andere als bierernst, wenn er historische Berufe oder Personen als charaktervolle Räuchermänneln auferstehen lässt.

Angeregt durch das Buch „Freital – auf dem Weg zur Stadt“ von Juliane Puls, setzte der Künstler über 18 Jahre jeweils zur Weihnachtszeit vor allem Arbeitern und Handwerkern aus der Gründungszeit der Stadt ein geschnitztes Denkmal. Kutscher, Straßenbahnschaffner, Stahlgießer, Ziegelträger oder Bergmann. Und natürlich Zimmermann – das ist Hoppes erster Beruf.

Dreizehn dieser Räuchermänner sind in diesen Tagen auf Schloss Burgk zu besichtigen, als Teil einer Kabinettausstellung im Rahmen der „Großen Kunstschau Freital“. Horst Hoppe gibt im Gang einen kleinen Überblick über sein künstlerisches Schaffen. Er hätte durchaus eine größere Schau verdient, dem Anlass angemessen: Der 86-Jährige wird mit dem Kunst- und Kulturpreis der Stadt Freital geehrt.Die Auszeichnung, die mit 3.000 Euro dotiert ist, wird in unregelmäßigen Abständen vergeben, höchstens einmal jährlich. In Freitals Jubeljahr zum 100. Geburtstag ist Horst Hoppe ein überaus passender Preisträger. Nicht nur wegen seiner Männeln mit historischem Lokalkolorit oder seiner Holzschnitte mit heimischen Motiven, sondern vor allem wegen seines Engagements für Kunst und Kultur in der Stadt Freital.

In Fördergersdorf geboren

Horst Hoppe ist in Fördergersdorf geboren, dort und in Tharandt aufgewachsen. Bei seinem Onkel Georg Hammer in Potschappel darf er als Kind zum ersten Mal schnitzen. Daraus wird noch keine Leidenschaft, aber dem Holz bleibt er verbunden. Er wird Zimmermann wie sein Vater Paul und sein Großvater Theodor, der Ende der Dreißigerjahre dem Neuen Jägerhaus in Grillenburg den Dachstuhl aufsetzte. Horst Hoppe arbeitet zehn Jahre lang für Baumeister Burkhardt in Tharandt. Aber weil Holz Mangelware ist, muss er auch beim Mauern helfen. „Da hatte ich die Schnauze voll“, sagt Hoppe. Und will Künstler werden.

An diesem Wunsch hat der Freitaler Künstler Gottfried Bammes, der spätere Anatomieprofessor, einen erheblichen Anteil. Bammes gründet im Eisenhammerwerk einen Mal- und Zeichenzirkel, der kurze Zeit später in das Edelstahlwerk umzieht. Einer seiner ersten Eleven ist ab 1954 Horst Hoppe. Er lernt schnitzen und den Holzschnitt lieben. Bammes ermutigt ihn zu einem Studium an der Hochschule für Bildende Künste im Fach Bühnenbild. Das aber wurde von Dresden nach Berlin verlegt, da wollte Hoppe nicht hin. Bammes schlägt deshalb vor, dass er Kunsterzieher werden soll. „Lehrer? Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.“

Aber Horst Hoppe wird es. Seine erste Anstellung hat er von 1961 bis 1971 in der Oberschule in Geyer im Erzgebirge. Wegen des Holzes und des Waldes wollte ich dorthin“, sagt Hoppe. Seine Frau Evelin, die aus Hainsberg stammt, ist Textilveredlungsingenieur und kann in Karl-Marx-Stadt arbeiten. In Geyer ist es ihr indes zu einsam und zu kalt: „Ich wollte wieder nach Freital.“ Als an der Oberschule in Wilsdruff eine Stelle frei wird, kehren Hoppes in ihre Heimat zurück. Sie bauen eine Doppelhaushälfte – und Horst Hoppe geht wieder in den Mal- und Zeichenzirkel des Edelstahlwerkes, den jetzt Werner Haselhuhn leitet.

„Alt-Deuben, das letzte Haus“, Holzschnitt, 1987.
„Alt-Deuben, das letzte Haus“, Holzschnitt, 1987. © Thomas Morgenroth
„Felsen an der Elbe“, Holzschnitt, 2012.
„Felsen an der Elbe“, Holzschnitt, 2012. © Thomas Morgenroth
Aus Lindenholz geschnitzte Räuchermänner.
Aus Lindenholz geschnitzte Räuchermänner. © Thomas Morgenroth

Bei Haselhuhn im Zirkel

Ein Glücksfall: Der Dresdner Künstler prägt Hoppes Schaffen maßgeblich. In der Garage seines Hauses baut er eine Druckwerkstatt auf, wird zu einem Meister des mehrfarbigen Holzschnitts. Hoppe, der von Wilsdruff an die Thälmann-Schule Niederhäslich wechselt und später am Beruflichen Gymnasium unterrichtet, ist in seiner Freizeit dem Geist des Baumes auf der Spur. Motive findet er in Freital, in der Sächsischen Schweiz, wo Sohn Heiko wohnt, im Erzgebirge, in Norwegen oder auf Gotland.

Als mit der Wende die betrieblich getragenen Zirkel aufgelöst werden, gründet Horst Hoppe mit Gleichgesinnten den k.u.n.s.t-verein Freital. Er wird sein erster Vorsitzender und bleibt es zwölf Jahre lang. Ohne ihn würde es das Einnehmerhaus in Potschappel heute wohl nicht mehr geben. Die Stadt will es abreißen lassen, der in Gründung befindliche Verein interveniert und bekommt das Gebäude als Domizil.

Dort verfeinert Hoppe in Kursen seine grafischen und malerischen Techniken. Mehr als zwanzig Jahre lang leitet er einen Schnitzzirkel für junge Menschen. Jetzt trifft er sich nur noch mit Bernd Püschel zum gemeinsamen Schnitzen. Die Räuchermänner indes schnitzt Horst Hoppe zu Hause. Vielleicht gibt es ja bald noch eine Nummer 19 als historische Figur – ein Künstler fehlt bisher in der Sammlung.

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